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Redebeitrag für den Ostermarsch in Kaiserslautern am 19. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensfreundinnen, liebe Friedensfreunde,
unser heutiger Ostermarsch hier in Kaiserslautern müsste ungefähr der 25. sein. Im Archiv der Friedenskooperative in Bonn fand ich nämlich gestern eine QM-Rede, die ich 2006 an der Airbase in Ramstein gehalten habe.
25 Jahre sind eine gute Zeit für eine Bilanz und so hat mich interessiert, ob sich in den letzten Jahren etwas verbessert hat.
Mein Fazit fällt leider schlecht aus, um es mit Hoimar v. Dithfurth zu sagen, er schrieb 1988: ,,Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, dass wir noch einmal, und sei es nur um Haaresbreite, davon kommen könnten, muss als kühn bezeichnet werden".
Er schrieb dies 1988, dabei standen wir da noch recht gut da. Erst ab 1991 ging es stetig bergab. Wie komme ich darauf?
Wenn man der Wissenschaft trauen darf - und darüber bestand bis vor kurzem Konsens - ist es Fakt.
Ich orientiere mich an der sog. Doomsday-Clock, eine symbolische Weltuntergangsuhr, gestellt von renommierten Wissenschaftler Innen.
Das Ergebnis hat mich selbst erschreckt, und darum habe ich einige Ausdrucke mitgebracht, mit dem zugehörigen QR-Code, so dass alle es nachlesen können.
Diese Uhr, die sich von der Redensart: ,,Jetzt ist es aber 5 vor 12" herleitet, steht aktuell auf 89 Sekunden, also knapp 1 ½ Minuten vor Mitternacht.
Das bisherige historische Tief lag bei 2 Minuten vor 12 im Jahre 1953, nachdem die USA mit einer Wasserstoffbombe eine ganze Pazifikinsel komplett wegfegten und kurz danach die Sowjets ebenfalls eine zündeten. Wie kann es sein, dass wir heute so schlecht dastehen?
Neben dem Risiko durch Atomtod zu sterben, werden heute zusätzlich die Risiken durch Klimawandel und KI miteingerechnet.
Eine „unbequeme Wahrheit", um es mit Al Gare zu sagen.
Dieser Score zeigt uns - so objektiv wie möglich - wie ernst die Lage wirklich ist. Grund zur Resignation?
Das ist nicht unsere Sache, ich glaube da sind wir uns einig, sonst stünden wir jetzt nicht hier. Klar ist, dass es so nicht weitergehen darf. Aber wie geht es denn weiter?
Der US-Präsident und die Politiker der AFD leugnen die Fakten.
Sie behaupten: Alles Fake-News. Und sofort ist alles einfach. Man braucht nichts zu ändern und kann das Rad einfach zurückdrehen. Schön wärs.
Bei Friedrich Merz ist der Wille Kanzler zu werden, nachdem Angela Merkel es ihm im Jahre 2000 verwehrte, so stark, dass er heute das Gegenteil von dem macht, was er vor der Wahl versprach. Seine Ambition ist simpel, nämlich 4 Jahre Bundeskanzler zu sein.
Mit 1000 Milliarden € Schulden müsste es sich ganz gut regieren lassen. Übrigens 1000 Mrd. ist eine 1 mit 12 Nullen. 1000 Millionen und das dann 1000 mal.
Die Bürger stellt man ruhig mit 500 Mrd. für die Infrastruktur, die nebenbei erwähnt auch das Militär braucht und nutzt.
Die anderen 500 Mrd., gerne auch mehr, ich zitiere: "What ever it takes" gehen in die Rüstung und damit auch in die Schwerindustrie.
Was wirklich weh tut, ist, dass ausgerechnet die Grünen, die mal aus der Friedensbewegung kamen und für Nachhaltigkeit standen, diesen Deal ermöglicht haben.
Ich höre schon den Einwand: Aber es ist doch Zeitenwende, Krieg, alles dem Angriffskrieg Russlands geschuldet und notwendig zu unserer Sicherheit.
Ich entgegne: Muss man denn einen Fehler zweimal machen?
Das Aufschaukeln mit gegenseitiger Hochrüstung kennen wir noch aus dem Kalten Krieg. Es bringt nicht mehr Sicherheit, sondern mehr Angst, nämlich davor, dass dieses Mordwerkzeug irgendwo zum Einsatz kommt.
Wirkt denn Abschreckung überhaupt? Daran kann man nur glauben, bewiesen ist es nicht. Sicher weiß man heute, dass wir im Kalten Krieg mit ganz viel Glück mehrmals knapp einem atomaren Inferno entgangen sind.
Ich erinnere an die Kubakrise 1962 und an den besonnenen russischen Militäroffizier Petrow, der 1983 einen vorn System gemeldeten atomaren Angriff aus den USA- obwohl er sich nicht sicher sein konnte - glücklicherweise als Fehlalarm einstufte. Sonst gäbe es uns heute nicht mehr.
Seit Beginn der Ostermarschbewegung demonstrieren wir gegen Rüstung, vollkommen zu Recht. Militär hat noch nie einen Krieg beendet. Und wir haben zwei, die dringend beendet werden müssen.
Welche wirksamen Lösungsversuche für die Kriege in der Ukraine und in Palästina wurden denn unternommen? Ich kann keine sehen, es heißt immer, die Verhandlungen finden nicht sichtbar für die Öffentlichkeit statt. Doch ...
- der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine tobt heute 1151 Tage, also rund 3 Jahre und 2 Monate.
- der durch das Massaker durch die Harnas ausgelöste Feldzug Israels dauert heute 561 Tage also etwa 1 ½ Jahre.
Das wirft die Frage auf, die nach so langer Zeit erlaubt sein muss, auch wenn sie zynisch klingt:
Gibt es Profiteure von dieser Situation?
Der ehemalige US-Präsident Eisenhower warnte in seiner Abschiedsrede 1961 vor dem Einfluss der Rüstungslobby auf die Politik. Er nannte es den „militärisch-industriellen Komplex".
Genau das haben wir heute.
Das Friedensforschungsinstitut SIPRI stellt fest:
Die Wahrheit ist, dass der gesamte militärische Industriekomplex den Bedarf [an Rüstungsgütern] selbst generiert. Das geschieht aufgrund politischer Entscheidungen. Die Waffenlobbys nehmen Einfluss darauf, welche Waffen die Regierungen kaufen und bei wem.
Rüstung war schon immer ein einträgliches Geschäft. Skrupellose Spekulanten verdienen sich in dieser Zeit dumm und dämlich an der Börse. Dies einzugrenzen, ist eigentlich Aufgabe der Politik. Hier liegt ein Fehler im System.
Erich Fromm schreibt dazu: Unsere industrielle Zivilisation nährt den Egoismus des Menschen, seine Gier nach Dingen, nach Macht, nach Prestige; und sie nimmt den Mut für Selbstlosigkeit und Demut, außer vielleicht im Krieg. Unsere Zivilisation führt zum Götzendienst.
Er bringt damit genau das zum Ausdruck, was momentan passiert:
Anerkannte menschliche Werte gehen unter. Die Macht des Stärkeren wird zur Norm.
Dies ist z. B. erkennbar,
- wenn Friedrich Merz vor der Wahl Versprechen abgibt und nach der Wahl das Gegenteil tut,
- wenn der US-Präsident Gelder für Hilfsorganisationen und der WHO einfach streicht und damit Menschen verrecken lässt,
- wenn umgangen wird, dass Netanyahu trotz internationalen Haftbefehls vor Gericht gestellt wird.
- Oder, wenn man sich vor Augen führt, dass dem World Food Programme in diesem Jahr, 2025,
„lumpige" 16,9 Milliarden US-Dollar fehlen, um 123 Millionen der hungrigsten Menschen zu ernähren.
Dies bestätigt, den alten Spruch der Friedensbewegung: Rüstung tötet bereits im Frieden.
Für mich gehört auch zum Verlust von Werten, wenn sich - wie diese Woche geschehen - 6 junge Damen mit Hilfe von Jeff Bezos 10 Minuten ins All katapultieren lassen und damit dem Klima schaden.
Hier stimme ich der Aussage von Jan van Aken zu: Es sollte keine Milliardäre geben. Und ich füge hinzu: Es muss auch Verbote geben, denn Verbote sind sozial gerecht, weil sie für alle gelten - auch für diejenigen, die es sich finanziell eigentlich leisten könnten.
Damit komme ich zum Schluss zu meinem wichtigsten Argument gegen die Aufrüstung. Das Klima.
Ich erwähnte, dass in die Prognose der Doomsday-Clock der Klimawandel eingerechnet ist.
Der Raubbau an unserem Planeten ist so weit fortgeschritten, dass alle politischen Entscheidungen daran gemessen werden müssen, was sie für das überleben künftiger Generationen bedeuten.
Wir hören fast täglich in der Tagesschau von neuen Wetterextremen: Letzte Woche Schneetreiben in Ankara (im April). Diese Woche Überschwemmungen auf Lanzarote, usw.
Letztes Jahr wurde erstmals das 1,5° Klimaziel gerissen, der Minimalkonsens des Pariser Abkommens; ein bedrohliches Alarmsignal.
Der Beitrag von Militär und Krieg zum Temperaturanstieg auf der Erde kann nur geschätzt werden, da das Militär seine Emissionen verschweigen darf. Das Ausmaß ist beträchtlich. So schreibt die Taz:
Wären die Armeen der Nato ein eigenes Land, hätte es im internationalen Vergleich einen beachtlichen C02-Ausstoß - es läge auf Platz 40 der fast 200 Staaten.
Die Zeit schreibt: Keine einzelne Organisation stößt so viele Treibhausgase pro Jahr aus wie das US-Militär- mehr als Länder wie Peru oder die Schweiz. Und das ist nur das US-Militär. Rüstungsproduktion und Militärmanöver sind unnötige Ressourcenverschwendung. Runter damit. Ganz knapp zusammengefasst wage ich zu behaupten: Das beschlossene Rüstungspaket ist ein Sargnagel für künftige Generationen. Wenn man die weltweite Rüstung noch dazunimmt, gibt es daran kaum mehr einen Zweifel.
Nur ein Massenprotest kann uns vielleicht noch retten.
Denkt an die Worte von Martin Niemöller, die wir am Anfang hörten. Wehrt euch, geht zuhauf auf die Straße, auch gegen die geplanten Mittelstreckenkarten 2026.
Der Berliner Appell kann hier unterschreiben werden.
Ich ende mit den Worten von Hannes Wader:
,,Es ist an der Zeit."
Danke für die Aufmerksamkeit.
Dr. Klaus Wirtgen ist Vorsitzender der Friedensinitiative Westpfalz e.V. (FIW).