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Redebeitrag für den Ostermarsch in Heidelberg am 19. April 2025
- Sperrfrist: 19.04., Redebeginn: ca 12 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,
liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Menschen in Heidelberg und aus der Umgebung,
als ich im letzten Jahr in Mannheim meine Rede zum Ostermarsch gehalten habe, bin ich noch vor Euch allen gewarnt worden, weil Ihr, nein, weil wir mit naiven Friedensforderungen durch das Land zögen. Gemeint war eigentlich: Wir seien alles Verräter und Putinknechte. Aber das wollte die Tagesschau im letzten Jahr so nicht schreiben.
In diesem Jahr ist das ganz anders. Vor mir, vor euch, vor uns allen wird nicht mehr gewarnt. Jetzt wird das viel direkter und klarer umgesetzt. Wahrscheinlich ist Euch das auch aufgefallen: Es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der mir nicht die Notwendigkeit der Aufrüstung und der Kriegsbereitschaft vor Augen geführt wird. Es gibt keine Nachrichtensendung mehr ohne Panzer, Soldaten, ohne Kampfflugzeuge, ohne Interviews mit Menschen, die von der Rüstung und der „Wiederbewaffnung“ überzeugt sind und den Wehrdienst mit der Waffe für die jungen Leute einfordern. Es gibt keine Nachrichtensendung mehr, in der einer russischen Armee, die seit über drei Jahren einen schlimmen und verheerenden und mörderischen Krieg in der Ukraine führt, dabei aber kaum in ihrem Sinn vorwärtskommt, das Potential und der Wille zugesprochen wird, morgen in Berlin zu stehen. Was habe ich nicht alles gehört in den letzten Tagen und Wochen und Monaten aus der sog. demokratischen Mitte unseres Landes: Der letzte Sommer im Frieden, drohende russische Operationen im Baltikum, Atombomben für Deutschland, endlich auch militärisch die Dinge wieder in die Hand nehmen. Das ging so weit, dass wir für unsere Freiheit und den Erfolg unserer Wirtschaft die Huthis im Jemen selbst in die Steinzeit zurückbomben können sollten, als ob dieses Land nach den Attacken aus Saudi Arabien und den USA da nicht schon lange angekommen wäre.
In alldem schwingt der ausgesprochene oder auch der unausgesprochene Appell mit: Du musst auch dafür sein. Du musst wehrhaft und kriegstüchtig sein. Du musst bereit sein, für dein Land zu töten und zu sterben. Du musst die anstürmenden Russen mit der Waffe in der Hand vernichten. Auch du musst die Sicherheit und deinen Wohlstand überall auf der Welt militärisch möglich machen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
mit jedem Tag wird es klarer und deutlicher: Hier wird eine Gesellschaft, die sich seit ziemlich genau 80 Jahren und aus sehr guten Gründen und schmerzhafter Erfahrung dem äußeren Frieden verbunden fühlt, hier wird diese Gesellschaft wieder kriegsfähig und kriegswillig gemacht. Sie soll bereit sein, den Krieg als legitimes Mittel eigenen Handelns wieder anzuerkennen und dafür auch die nötigen Opfer bringen. Es ist ja allen klar, dass ein paar Schulden dazu nicht ausreichen werden. Schließlich machen Schulden und Waffenkäufe keine Soldaten, sondern nur die Konzerne und ihre Besitzer reich.
Dass diejenigen, die all das fordern, nie selbst bereit oder genötigt sein werden, diese Opfer zu bringen, steht dabei noch einmal auf einem ganz anderen Blatt. Ihr wisst das wie ich: Von denen, die die politische, die wirtschaftliche oder auch nur die mediale Macht in Händen halten, wird das keiner tun. Die Opfer sollen Eure und meine Kinder und Enkel bringen und dazu diejenigen, die eh schon unten stehen und die keine Wahl haben, weil für die in diesem Land kein Geld mehr da ist. So hat es Thorsten Frei gestern erst freimütig bekannt. Es werden die Einschnitte in Soziale kommen. Ich könnte auch einfach sagen: Armut macht Soldaten. Das kann man übrigens in Russland, in den USA, überall auf der Welt ziemlich gut studieren. Die Menschen, die an der Front verheizt werden, sind nicht die Mächtigen eines Landes, sondern diejenigen, die nichts zu sagen haben, dafür aber sterben sollen.
Wisst Ihr aber, wie man solches Vorgehen nennt? Ja, Ihr wisst das: Propaganda nennt man das. Nichts anderes erleben wir in diesen Tagen. Kriegspropaganda in einem Maß, das ich Kind des Kalten Krieges, das ich bin, nicht mehr für möglich gehalten habe. Und von hier kann dazu eigentlich nur ein Signal ausgehen: Damit muss Schluss sein. Jetzt!
Wer Kriegspropaganda betreibt, will Menschen für den Krieg gefügig machen. Wer Kriegspropaganda treibt, will den Krieg und bekommt auch den Krieg. Wer solche Propaganda betreibt, öffnet das Tor zur Hölle und diese Hölle ist ein Ort hier auf dieser Welt. Da regiert kein Teufel, sondern Menschen an den Schalthebeln der Macht mit ihren ganz eigenen Interessen.
Es ist sicher kein Zufall, dass dies nun genau in einer Zeit kommt, in der die alten Kriegserfahrenen des Zweiten Weltkriegs, seien es selbst aktive Soldaten, die überlebt haben, seien es einfach die Angehörigen, Kinder in den späten Kriegsjahren und aufgewachsen in den ersten Nachkriegsjahren, es ist sicher kein Zufall, dass diese neue Propaganda gerade jetzt kommt, in der immer weniger Menschen aus erster Hand von den Greueln und den Traumata des Krieges berichten können. Wir verlieren gesellschaftlich das Gefühl und noch viel schlimmer das Verständnis dafür, was Krieg an Vernichtung und Leid und Zerstörung bedeutet. Unsere Städte sind wieder aufgebaut. An ihre komische Gestalt aus alt und neu haben wir uns irgendwie gewöhnt. Die ehedem kriegstraumatisierten Menschen, die noch leben, werden nicht mehr ernst genommen. Die Menschen, die aus den Kriegen dieser Welt zu uns kommen, werden nur noch als Störende wahrgenommen, weil sie unsere heile Welt kaputtmachen. Die schieben wir ab, dann ist Ruhe. Das alles aber führt in einer merkwürdigen Wendung dazu, dass wieder viel freier, rücksichtsloser und manipulativer über den Krieg und die Rückkehr seiner Normalität gesprochen wird.
Dabei haben wir doch nur eine Aufgabe. Wir haben die Aufgabe für Frieden zu sorgen und das Leben zu ermöglichen, angefangen bei uns und dann ausstrahlend in die Welt hinein. Das soll unsere Normalität sein.
Das wird aber nicht gelingen, indem wir noch mehr Waffen produzieren und Wehrpflichtige einberufen, Sozialabgaben kürzen, Menschen darüber disziplinieren und als billige Arbeitskräfte gefügig machen. Das wird nicht gelingen, indem wir Lieferketten unkontrolliert lassen, Arbeitsbedingungen verschlechtern und Arbeitszeiten ausdehnen. Das wird nicht gelingen, indem wir unsere Grenzen schließen und die wirtschaftliche Spaltung unserer Gesellschaft fördern und, wie wir es in den letzten 40 Jahren gelehrt bekommen und gelernt haben, immer kräftig nach unten treten auf diejenigen, die am wenigsten haben. Das wird nicht gelingen, wenn wir weiterhin glauben, dass derjenige erfolgreich und gut ist, der möglichst viele überflügelt und ausgestochen hat, um selbst weiterzukommen und reich zu werden. Das wird nicht gelingen, wenn wir weiterhin das Bewusstsein für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerstören und nachträglich die im schlechtesten Sinn unvergessene Margret Thatcher ins Recht setzen, die immer behauptet hat, es gebe so etwas wie Gesellschaft überhaupt nicht.
Deswegen sage ich, die Normalität und die Selbstverständlichkeit des Friedens gelingt nur, wenn wir ein anderes Bild des Lebens und ein anderes Bild des Zusammenlebens schaffen, dass nicht in Konkurrenz, in Siegen und Gewinnen oder Verlieren und Niederlage denkt.
Es gelingt uns nur, wenn wir mutig sind und dagegenhalten und laut ausrufen: Diese Gesellschaft der freien, gleichen und gerechten, diese Gesellschaft der friedfertigen Menschen gibt es und die wollen wir auch sein. Wir lassen uns nicht in eure Auseinandersetzungen und in eure Kriege hinein hetzen.
Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Kolleginnen und Kollegen:
Wir wollen eine Gesellschaft sein, die das Miteinander von Menschen nicht nur national, sondern weltweit denkt. Wir wollen eine Gesellschaft sein, die von Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit nicht nur redet, sondern das auch aktiv in die Tat umsetzt. Wir wollen eine Gesellschaft sein, die Recht und Gesetz ernst nimmt und nicht nur nach ihren eigenen egoistischen Interessen auslegt. Wir wollen eine Gesellschaft sein, die ihre Demokratie nicht einfach nur verteidigt, sondern ausbaut, mehr Mitbestimmung ermöglicht, mehr Räume des gegenseitigen Gesprächs schafft, und denen eine Stimme gibt, die wir an den Rand der Gesellschaft drücken. Wir wollen eine Gesellschaft sein, die den Einfluss der Reichen und Vermögenden, der politisch und sozial Privilegierten, derjenigen, die besonders reich an Einfluss sind oder die sich im Besitz einer höheren Moral wähnen, begrenzt und einhegt. Wir wollen eine Gesellschaft sein, die Solidarität nicht als eine moralisierende Floskel, sondern für den Aufruf zur Tat hochhält. Das sind die Wege, die vor uns liegen. Die werden wir gehen.
So treten wir den Propagandisten und Demagogen des Krieges und des Militarismus entschieden entgegen. Wir treten damit aber auch denen entgegen, die im ständigen Gegeneinander den alleinigen Grund des Fortkommens sehen. Wir wollen nicht kriegstüchtig und kriegsfähig, wettbewerbsstark und konkurrenzfähig gemacht werden, wir wollen auch keine Opfer bringen, sondern wir wollen alle Anstrengungen für eine friedliche und bessere, eine gerechtere Welt. Nur damit entziehen wir den Kriegsbefürwortern in Moskau, in Washington, in Gaza, in Kiew, in Jerusalem, in Brüssel und hier bei uns den Nährboden, auf dem sie ihre menschenverachtende und lebensfeindliche Ideologie des Todes durchsetzen können. Wenn du den Frieden willst, dann bereite den Frieden. Schaffe Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit und sorge für eine gerechte Welt. Nicht die Waffen und der Tod schaffen den Frieden, sondern das Leben und die Gerechtigkeit schaffen eine neue Welt des Ausgleichs und der Verständigung. Hier ist der Frieden. Allein der führt zum Leben.
Ich kehre noch einmal kurz zurück zum Ausgangspunkt meiner Rede. Wir seien ja nur naiv und realitätsfern. Dazu sage ich nur: Eure Realität ist nicht unsere. Wir träumen von einer anderen Welt. Wer nun sagt: Ja, träum du nur. Dem halte ich gern einen kleinen, aber sehr klaren Text des brasilianischen Befreiungstheologen und Kämpfers für die Menschenrechte Dom Helder Camara entgegen. Der heißt:
Wenn einer alleine träumt, ist es nur ein Traum. / Wenn viele gemeinsam träumen, so ist das der Beginn einer neuen Wirklichkeit. / Träumt unsern Traum.
Ja, wir treten ein für den Traum der Freiheit des Lebens, für den Traum der Gleichheit aller Menschen, dafür in jedem Menschen Schwester oder Bruder zu sehen. Kurzum: Wir treten ein für den Traum, dass das Licht des Friedens über der ganzen Welt scheint. Träumt unsern Traum! Dann wird er Wirklichkeit.
Heute ist Karsamstag, in alter christlicher Tradition Tag der Grabesstille. Machen wir uns auf, dass es die Grabesstille nicht bleibt und in der Welt auch nicht wird, sondern morgen Ostern ist und das Leben siegt. So ist es uns versprochen. Die Christenleute unter uns feiern die Auferstehung Jesu. Allen anderen mag es ein gemeinsames Fest des Lebens sein. Dieses Fest des Lebens brauchen wir und es braucht es für die Welt.
Frohe Ostern. Gottes Segen sei mit Euch.
Maximilian Heßlein ist Ev. Wirtschafts- und Sozialpfarrer und arbietet für den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA).