Redebeitrag für den Ostermarsch Sachsen-Anhalt in Stendal am 6. April 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich bin 18 Jahre alt. Ich bin nur wenige Tage vor 2008 geboren. Wäre ich ein paar Tage später geboren worden, müsste ich den Fragebogen der Bundeswehr ausfüllen und würde vielleicht gemustert. Nicht wegen einer Entscheidung. Sondern wegen eines Datums. Über junge Menschen wird entschieden. Über eine Generation, deren Alltag ziemlich klar aussieht. Schule: Unterricht fällt aus. Lehrer fehlen. Digitale Ausstattung funktioniert oft nicht. Gebäude sind kaputt. Das ist nicht selten. Das ist normal. Psychische Gesundheit: Wer Hilfe braucht, wartet Monate. Teilweise ein halbes Jahr oder länger.

Viele bekommen gar keinen Therapieplatz. Wohnen: In vielen Städten sind Mieten zu hoch. Eine eigene Wohnung ist oft nicht drin.  Also WG.  Oder weiter bei den Eltern. Oder Pendeln. Arbeit: Nach der Ausbildung: befristete Verträge, unsichere Perspektiven. Studieren ist teuer und das Bafög ist gering – oder man erhält es gar nicht. Infrastruktur: Gerade auf dem Land: Bus fährt selten oder gar nicht. Züge fallen aus. Das sind die Bedingungen. Und auf dieser Grundlage wird jetzt diskutiert: Wehrpflicht. Pflichtjahr. Erfassung. Männer zwischen 17 und 45 müssen der Bundeswehr theoretisch melden, wenn sie einen Auslandsaufenthalt länger als drei Monate haben Und das alles passiert, ohne dass sich an den grundlegenden Problemen etwas ändert.

Ich spreche jedoch heute nicht für „die Jugend“. Weil es sie so nicht gibt. Es gibt Jugendliche, die   heute hier stehen. Die sich informieren.

Die sich positionieren. Und es gibt viele, die das nicht tun. Das ist kein Zufall.  Das ist das Ergebnis einer Gesellschaft, in der viele das Gefühl haben, dass ihre Stimme sowieso nichts verändert. Wenn wir über Wehrpflicht sprechen, dann sieht man genau das. Ja, viele junge Menschen lehnen sie ab. Aber nicht alle aus politischer Überzeugung. Viele lehnen sie ab, weil sie keinen Bock haben.

Weil es unbequem wäre. Das ist die Realität. Und gleichzeitig gibt es auch Jugendliche, die den Wehrdienst „cool“ finden. Die ihn als Abenteuer sehen. Als Herausforderung. Oder als ganz normale Joboption. Die Bundeswehr ist für viele Jugendliche nämlich kein Problem,

sondern ein Arbeitgeber. Andererseits: viel mehr, 80 % der jungen Menschen unterstützen ein Pflichtjahr. Weil sie etwas Sinnvolles tun wollen statt zu dienen. Die Reaktion der Politik darauf: Zwangsjahr einführen. Doch das löst kein Problem. Wenn Pflegekräfte fehlen, liegt das nicht daran, dass niemand helfen will. Sondern daran, dass die Arbeit schlecht bezahlt ist und die Bedingungen schlecht sind. Ein Pflichtjahr ändert das nicht. Es stopft nur Lücken. Parallel verschiebt sich die Diskussion. Ein weiterer Punkt: Warum ist die Bundeswehr für manche Jugendlichen überhaupt attraktiv? Nicht wegen Überzeugung. Sondern wegen Angeboten: Gehalt. Struktur. Sicherheit. Das ist konkret. Wenn jemand keine sicheren Alternativen hat, dann wirkt das. Das ist kein individuelles Problem. Das ist ein politisches. Und genau hier liegt auch ein Problem für die Friedensbewegung. Wenn sie nur sagt: „Wir sind gegen Krieg“, reicht das nicht. Wenn sie keine konkreten Antworten hat auf Ausbildung, Arbeit, Perspektive, dann erreicht sie viele Junge nicht. Die Jugend ist widersprüchlich. Unentschieden.

Teilweise unpolitisch. Teilweise politisiert. Wenn wir als Friedensbewegung junge Menschen erreichen wollen, müssen wir konkret werden. Zu Arbeit. Zu Ausbildung. Zum Alltag. Sonst entscheiden nicht wir, sondern andere: Bundeswehr und Konsorten. Und dann wird nicht nur entschieden, was junge Menschen tun sollen. Sondern auch, wie sie darüber denken. Und genau deshalb ist es so entscheidend, dass wir darüber sprechen. Wir müssen mit jungen Menschen diskutieren, aufklären, politisieren. Denn die Bundeswehr hat das Problem erkannt, sie präsentiert sich, wo immer sie nur kann, um Jugendliche auf ihre Seite zu kriegen. Wir müssen dagegenhalten und der Jugend zeigen, dass sie sich nicht unterordnen muss. Dass sie sich das Von-oben-herab-Gerede nicht gefallen lassen muss. Dass sie eine Generation des Friedens sein kann!

Vielen Dank.

 

Adrian Prelle ist Vorsitzender des Kreisschülerrates im Kreis Stendal.