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Redebeitrag für den Ostermarsch Bielefeld am 4. April 2026
- Sperrfrist: 4. April, Redebeginn: ca. 13 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Würde und Schönheit
Liebe Freundinnen und Freunde,
1. Würde und Schönheit.
In Würde und Schönheit starb Wladimir Jagnenko im Alter von im Alter von 17 Jahren nicht. Wladimir Jagnenko hatte kein Bett und kein Dach, er hatte keine Toilette und kein frisches Wasser. Wenn es gut ging, schlief er in einer Erdhöhle und kaute er schimmeliges Brot.
Mit 17 Jahren sollte er für Deutsche arbeiten bis zum Tod und an Unterernährung sterben. Er war einer von vielen Tausenden, die in das Kriegsgefangenenlager in die Senne deportiert worden waren.
Wladimir konnte von seiner durchwühlten Erde die Baracken der anderen Gefangenen sehen.
Die französischen, polnischen, serbischen und zuletzt italienischen Gefangene hatten Barracken, Toiletten, frisches Wasser und regelmäßiges Essen.
Vom 22. Juni 1941 an führte die deutsche Wehrmacht im Auftrag des Führers einen „Vernichtungskrieg“ (Fall Barbarossa) gegen die Sowjetunion. Die Völker der Sowjetunion galten als minderwertige Völker. Ihr Land sollte deutschem Reichtum dienen. Ihre Bewohnerinnen sollten Lebensmittel erwirtschaften und durch Ausbeutung nach und nach ausgerottet werden.
Jeder dritte sowjetische Kriegsgefangene, der zwischen 1941-45 ins Deutsche Reich kam, durchlief das Lager Stalag 326 in der Senne.
In dem Kriegsgefangenenlager Stalag 326 sind 65.000 sowjetische junge Männer, einige Kinder, Säuglinge und Frauen gestorben.
Mehr als jeder zweite sowjetische Kriegsgefangene wurde in Deutschland, gewollt, gezielt und bewusst verhungert und getötet.
An dem Grabstein von Wladimir Jagnenko auf dem Sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock blüht eine kleine, wilde Rose. Sie blüht jetzt, in diesen Tagen, mitten im kühlen April. Es ist, als ob sie allein für diesen jungen Menschen blühen wollte und aufrechterhält, was ihm die Nazis trotz allem nicht nehmen konnten:
Die Würde und Schönheit seines Lebens.
Von 1941 bis 1945 haben Deutsche 27 Millionen Menschen aus den Völkern der Sowjetunion getötet (18.000 Menschen jeden Tag).
Nach dem Krieg war für alle Seiten klar:
Von deutschem Boden darf niemals mehr Krieg ausgehen.
Von deutschem Boden darf nie mehr eine Bedrohung gegen Russland ausgehen – und gegen andere Völker.
Beim Gedenken des Kriegsendes und des Sieges gegen Nazi-Deutschland 2025, 80 Jahre danach, sollten Russische Offizielle von allen Feierlichkeiten an Gedenkstätten ferngehalten werden. Keine Propaganda auf deutschem Boden, so ein Brief aus dem Außenministerium.
Ich frage mich: wenn es eine Staatsraison gegenüber Israel gibt, müsste es sie nicht auch gegenüber den Völkern der Sowjetunion geben, Russland inclusive? Sind 27 Millionen Tote nicht Grund genug dafür?
Oder gibt es immer noch eine Abwertung dieser Völker?
2. Würde und Schönheit
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Die Würde und die ihr innewohnende Schönheit ist die einzige Staatsraison, die das Grundgesetz kennt.
„Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.“
Würde und Schönheit sind nicht einfach da.
Sie werden zugesprochen, zuerkannt, verwirklicht durch Denken, Tun, Fühlen, Hören, Schmecken, Riechen, Sehen, Erinnern, Visionieren.
Wir alle sind es, die sie einander zuerkennen und zusprechen.
Wenn wir beginnen, in Gruppen zu denken, die einen und die anderen, die Freunde und die Feinde, die Weißen und die Schwarzen, die Männer und die Frauen, die Ukrainer und die syrischen Flüchtlinge…, wenn wir Gruppen konstruieren und diese Gruppen mit Werten verbinden und auf und abwerten, dann graben wir an einem Grabstein, auf dem am Ende der Name zu lesen ist: Wladimir Jagnenko, 17 Jahre; Amadeu Antonio (27 Jahre), Enver Şimşek, 38 Jahre alt (NSU-Opfer); Walter Lübcke, 65 Jahre (Opfer eines rechtsextremistischen AfD-Anhängers).
Zum 70 Bestehen des BND am 1. April dieses Jahres sagte Friedrich Merz sinngemäß, dass der Dienst heute so stark ausgebaut ist, liegt auch ein einer verfehlten Flüchtlingspolitik der letzten Bundesregierungen. Mit anderen Worten: Die Kriminalität ist durch die Migration ins Land gekommen.
In den Jahren der großen Flüchtlingsbewegung 2015-2017 sind rund 1,1 Millionen Menschen nach Deutschland geflohen. Sie suchten hier Würde und Schönheit.
Die CSU sah darin das größte Problem aller Zeiten.
Im Jahr 2022 und 2024 flohen rund 1,1 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer nach Deutschland. Wir schafften das, sie aufzunehmen, unterzubringen, mit genügend finanziellen Unterstützungen auszustatten, Arbeit und Ausbildung anzubieten, Reisefreiheit zu ermöglichen und keine Migrationsdebatte zu führen.
Warum gelingt uns das nicht mit den anderen Menschen, die hier Schutz suchen vor Gewalt, Vertreibung und Elend. Auch sie wollen hier leben und mitarbeiten.
Ich fragte das eine alte Freundin, deren Großeltern und Eltern sich gegen die nationalsozialistischen Grundhaltungen immer gewehrt hatten.
„Du musst das so sehen, Bertold“, sagte sie: „Die eine Millionen Menschen aus der Ukraine sehen aus wie wir. Sie erkennst du nicht auf der Straße.
Die Menschen, die aus dem Süden und aus dem arabischen Raum kommen, die erkennst du sofort. Das sind die Ausländer. Die sind dann das Problem. An ihrem Aussehen macht sich das fest.“
Du sollst nicht aufwerten und abwerten.
Du sollst nicht eingrenzen und ausgrenzen.
Du sollst nicht Unterschiede machen in der Würde und Schönheit von Menschen.
3. Würde und Schönheit.
Vor rund 2000 Jahren kreuzigte die damalige römische Macht einen Menschen, der sich der Kriegsteuer des Kaisers widersetzte, mit Menschen unterschiedlichen Glaubens Brot und Wein teilte, ein Zusammenleben organisierte, in dem alle satt wurden, und eine Gemeinschaft lebte, in der Männer und Frauen gleichberechtigt waren. Dieser Mensch wollte auch das damalige Finanzsystem des Tempels revolutionieren.
Gestern vor rund 2000 Jahren wurde er gekreuzigt.
Nach seinem Tod behaupteten seine Anhängerinnen und Anhänger, dieser Menschensohn sei nicht totzukriegenden. Er lebe immer noch. Und er sagt: Würdige deine Feinde. Nimm ihnen nicht das Leben. Verlass das Denken in Freund-Feind-Kategorien. Lässt Gott ihre Sonne nicht aufgehen über Böse und Gute, lässt sie es nicht regnen über Gerechte und Ungerechte? Werde vollkommen, wie Gott! Fühle und denke und lebe in Verbundenheit mit allen Menschen.
Dieser Mensch lebt noch immer.
Er steht auf und ein für die Würde und Schönheit aller Menschen, allen Kreuzen zum Trotz!
Frieden auf Erden!
Pfarrer Bertold Becker ist Gemeindepfarrer der Ev.-Ref. Kirchengemeinde Bielefeld.