Redebeitrag für den Ostermarsch in Ulm am 6. April 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich bin froh, heute mit Euch hier auf dem Domplatz zu sein, denn wir brauchen einander. Wirklich friedlich war die Welt nach 1945 nie, aber so kriegerisch wie heute auch nicht. Deshalb ist es so wichtig, dass wir heute hier zusammen sind. Gerade in Zeiten, wenn uns hilflos fühlen angesichts dieser sich potenzierenden Gewalt und des Leides, gerade jetzt brauchen wir einander. Wir brauchen einander, um zu verstehen, was ist - und zu beraten, wie unser Widerstand gegen diese Kriegspolitik wirkmächtiger werden kann. Dafür ist jeder einzelne von Euch wichtig! Jede und jeder verkörpert unsere Entschlossenheit, Frieden, endlich Frieden durchzusetzen. Danke, dass Ihr hier seid und danke, dass Ich mit Euch sein darf.

Manchmal könnte man verzweifeln: In der Ukraine ist immer noch Krieg, Israels Völkermord in Gaza konnten wir ebensowenig verhindern wie dessen Landnahme im Libanon und Westjordanland; die „Führungsmacht der westlichen Welt“, die Regierung der USA, betätigt sich in Venezuela als krimineller Kidnapper und will nebenher mal kurz Kuba einnehmen… auf den Iran komme ich gleich noch zu sprechen. All diese unterschiedlichen Kriege und Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt haben letztlich dieselbe Ursache: Es ist die tektonische Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Nicht Erdplatten krachen gegeneinander, vielmehr sind es die politischen und sozialen Kräftekonstellationen in der Welt. Der Hegemon USA verliert sukzessive seine Vormachtstellung und mit ihm der ganze Wertewesten. Das ist eine Situation, die in der jüngeren Geschichte mit Krieg „gelöst“ wurde. Deshalb können und dürfen wir die Frage von Krieg und Frieden nicht den Regierungen überlassen. Wir sehen ja, was dabei herauskommt.Wir müssen sie in unsere eigenen Hände nehmen.

Das jüngste Ergebnis jener Politik ist der israelisch-US-amerikanische Überfall auf den Iran. Da haben zwei Atommächte, zwei bis an die Zähne bewaffnete Staaten, deren Völkerrechtsnihilismus legendär ist, während noch laufender Verhandlungen (!) den Iran überfallen. Beide sind Wiederholungstäter; im März dieses Jahres haben sie das schon einmal gemacht.

Und die Wiederholungstäter wiederholen alte Drohungen, so Donald Trump zum Iran in seiner jüngsten Rede an die Nation: „Wir werden sie in die Steinzeit zurückbomben, dort, wo sie hingehören.“ Er hätte sich besser des US-Generals LeMay’s erinnern sollen, der zu Beginn des Vietnam-Krieges1964 prophezeite: „Wir werden Vietnam in die Steinzeit zurückbomben.“ Doch dann besiegten die verächtlich „Steinzeitmenschen“ Genannten God’s Own Country.

Und was den Iran anbetrifft - er hieß und heißt auch Persien - so hat Persien zum letzten Mal einen Krieg begonnen gegen das oströmische Reich. Das war im Jahr 603. Wir können den Völkern Irans danken; in dieser von Großmächten umkämpften Region „Westasien“ haben sie mehr als 1400 Jahre lang gezeigt: Zusammenleben von Staaten geht auch ohne Aggression! Danke für dieses geschichtliche Beispiel!

Israel und USA hingegen sind nicht die einzigen, die Verhandlungen zur Kriegsvorbereitung missbrauchen. Ich erinnere an das Minsker Abkommen zwischen Russland und der Ukraine, 2015 ausgehandelt von vier Staatschefs,Holland,Merkel, Poroschenko und Putin. Zum damaligen Zeitpunkt war die Lage in der Ukraine angespannt, es mischten schon ausländische Mächte mit, namentlich die USA, Großbritannien und wohl auch Russland - aber es war noch um ein Bürgerkrieg. Die Minsker Protokolle formulierten wichtige Punkte und Etappen zu einem Frieden, der UNO-Sicherheitsrat hat sie als grundlegendes, völkerrechtlich verbindliches Dokument bekräftigt. Doch es wurde nicht umgesetzt. Und die Signatarmächte Deutschland, Polen und Frankreich haben tatenlos zugesehen, wie es geschreddert wurde. Warum? Das erklärte Angela Merkel schließlich im Dezember 2022, nachdem Poroschenko und Hollande sich schon gleichlautend geäußert hatten: Mit Minsk sollte nicht Frieden in der Ukraine erreicht werden, vielmehr wollten die westlichen Staatschefs der Ukraine Zeit zur Aufrüstung verschaffen. Soweit Angela Merkels Interpretation des Orwellschen Satzes: Krieg ist Frieden.

Wer Verträge in dem Bewusstsein und Willen schließt, sie zu brechen, ist ein Gesetzesbrecher. Diese Leute verdienen unser Vertrauen nicht, sie sind es nicht wert, sie haben es verwirkt.

Wir haben ihr Orwell-Sprech durchschaut, wir machen es nicht mit! Wir sind Botschafterinnen, Botschafter für Aufklärung statt Glaubensbekenntnissen, Wissen statt Mutmaßungen, Dialog statt Gerüchte zu verbreiten, Meinungsvielfalt und Meinungsstreit statt Einheitsbrei.

Als Friedensbewegung stehen wir vor einem Haufen Probleme: gigantische Aufrüstung, Wiedereinführung der Wehrpflicht, Stationierung von neuen US-amerikanischen Mittelstrecken- und Waffen zum Enthauptungsschlag … hinzu kommt eine EU, die faktisch zur zweiten NATO geworden ist. All diese verschiedenen Felder durchzieht ein- und desselbe Problem: Vergessen hat unsere Regierung das Motto: Wir wollen ein Volk von guten Nachbarn sein - stattdessen verschlucken sich unsere Politiker wieder an „Führung“! Die führende Rolle in der EU, die stärkste konventionelle Armee in Europa…Führung, Führung, Führung…Es zeigt sich wieder die alte deutsche Großmannssucht, abstoßend, ekelhaft - und brandgefährlich!

Die Großmannssucht muss sich - wir leben ja noch in einer Demokratie - vor dem eigenen Volk legitimieren. Dafür braucht sie - wie und je - einen äußeren Feind. Einen ganz schlimmen: Er muss nicht nur fähig, sondern auch willens erscheinen, uns anzugreifen, er muss unsere Freiheit und Demokratie, unsere Zivilisation, Lebensart, Kultur elementar bedrohen. An dieser Stelle kommt - offensichtlich auch eine deutsche Tradition - Russland ins Spiel; als Land und als personifiziertes Feindbild Putin. Nachdem er die Ukraine geschluckt hat, wolle „Putin“ weiter marschieren, uns überrollen, die Loreley schänden… Für diese Pläne können selbst die gewieftesten Kremlastrologen, auch nicht die als „Experten“ titulierten Mitarbeiter diverser regierungstreuer Stiftungen keinerlei Beleg veröffentlichen; weil es ihn schlicht nicht gibt. Sie haben nichts in der Hand. Es ist eine pure Propaganda.

Man kann zu Russland, seinem politischen System, seinem Präsidenten stehen wie man will. Man kann sie kritisieren, gutheißen oder sie neutral beobachten. Man kann auch zum Ukraine-Krieg stehen wie man will: Man kann ihn für einen fatalen Fehler halten, für einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg, einen NATO-Stellvertreterkrieg oder eine Mischung aus allem. Aber das Feindbild Russland sollten wir entschieden zurückweisen. Denn Feindbilder machen dumm. Feindbilder vereisen das Herz. Das einem Feindbild entsprechende Gefühl ist Hass. Hass macht blind bis blindwütig. Hass und Feindschaft haben noch nie geholfen, ein Problem zu lösen. Sie haben nur neue Probleme geschaffen. Deshalb lehnen wir das Feindbild Russland ab. Wir erklären: Russland ist nicht unser Feind!

Am 22.Juni vor 85 Jahren hat die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. In einer Zeit grassierender Geschichtsklitterung sollten wir innehalten und uns daran erinnern, was Wehrmacht, SA, SS im Namen Deutschlands in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion angerichtet haben: Sie haben Hunger planmäßig als Waffe eingesetzt, dafür steht Leningrad mit den ewig erscheinenden 872 Tagen Belagerung und über einer Million Hungertoten; Deutsche haben Dörfer, Städte, Fabriken, Kirchen vernichtet - dafür stehen die 9200 niedergebrannten Dörfer Weißrusslands, in 628 davon wurde die oft in Kirchen, in Scheunen zusammengetriebene Bevölkerung bei lebendigem Leib gleich mit verbrannt. Dem Kampf der Nazis gegen den - wie sie es nannten - „jüdischen-Bolschewismus“ fielen unfassbare 27 Millionen Bürgerinnen, Bürger der Sowjetunion zum Opfer. Angesichts dieser Vergangenheit müssen wir Nachgeborenen uns nicht schuldig fühlen; das sagte die kluge und warmherzige Auschwitz-Überlebende Ester Bejarano. Wir würden uns freilich schuldig machen, wenn wir diese Vergangenheit vergäßen. Das wollen wir nicht. Wir wollen hinschauen, nichts ist vergessen und niemand ist vergessen!

In eben diesem Sinn hat sich zum 85. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion die Initiative „Russland ist nicht unser Feind“ gebildet. Bitte, macht dort mit. Ihre website lautet ganz einfach: russlandistnichtunserfeind.de

Ich war mehrmals in Russland - übrigens auch im Donbass, als dort schon Krieg war. Aber heute möchte ich mit Euch eine Erinnerung aus Wolgograd teilen, ehemals Stalingrad. Am Ufer des Flusses erhebt sich der Mamajew-Hügel mit dem Mutter Heimat-Denkmal. Dort gelangt man in den „Saal des Ruhms“ mit der ewigen Flamme in der Mitte und an den Wänden so vielen Namen gefallener Rotarmisten. Leise spielt eine zarte Musik. Es ist die „Träumerei“ von Robert Schumann. Russland hat genügend eigene Komponisten. Hier könnte die Musik von Glinka, Tschaikowski, Rachmaninoff, Prokofjew, Schostakowitsch ertönen. Nein, sie spielen ausgerechnet den deutschen Schumann an diesem Ort! Das ist mehr als eine Geste. Das ist eine Geisteshaltung der Bereitschaft zur Versöhnung. Wir sollten sie erwidern und unsere Hände reichen. Russland ist nicht unser Feind!

 

Christiane Reymann ist Publizistin und lebt im Berlin.