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Redebeitrag für den Ostermarsch in Dortmund am 6. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Friedensfreunde,
ich war vor kurzem überrascht von einem kleinen Lichtblick der Ehrlichkeit in Kriegszeiten. Unser Bundespräsident hat den Krieg der USA und Israels völkerrechtswidrig genannt. Wir wissen: Das reicht nicht dafür, dass Maßnahmen in Ramstein ähnlich wie in Spanien ergriffen werden.
Aber unser Bundespräsident setzt sich immerhin in diesem Fall ab von der üblich gewordenen Linie der doppelten Moral, die die alten Römer so kennzeichneten: "Was Jupiter erlaubt ist, ist einem Rinde nicht erlaubt." Mit doppelter Moral habe ich es auch in meinem Thema zu tun. Ich konzentriere mich auf die Forderung des diesjährigen Ostermarsches, Deutschland solle friedlich nachbarschaftliche Beziehungen zu Russland anstreben. Diese Forderung trifft auf das eingeimpfte krasse Feindbild, das die gigantische Aufrüstung mit Folgen für Umwelt, Sozialstaat und Demokratie durchsetzbar macht. Eine Aufrüstung, die auch bei nicht freundlichen Beziehungen mit Blick auf den Vergleich der sich in Europa gegenüberstehenden militärischen Potenziale irrational ist.
Ich möchte nun versuchen, der durch das Feindbild geschürten Russenangst den Boden dünner zu machen. Denn ohne ein Minimalverständnis für die Position des Anderen laufen diplomatischen Verhandlungen ins Leere.
Mir helfen bei dem Kampf gegen das düstere Feindbild der Rückgriff auf eigenes Erleben und schließlich der antifaschistische Blickwinkel.
Mein Name ist Hajo Koch. Ich bin ein halbes Jahr vor Stalingrad geboren und war im Herbst 1962 während der Kuba-Krise Soldat in Munsterlager.
Zunächst zur Kuba-Krise:
Die Sowjetunion sah sich Anfang der 60er Jahre, der Hochphase des Kalten Krieges, besonders an ihrer Südflanke US-amerikanischen Militärbasen konfrontiert. Nach der kubanischen Revolution – genauer nach dem gescheiterten konterrevolutionären Invasionsversuch in der Schweinebucht – begann die SU Ähnliches wie die USA zu tun. Sie stellte Raketen, die Atomsprengköpfe tragen konnten, nicht einmal 200 km von Florida entfernt auf.
Diese Lage, die einen Atomkrieg hätte auslösen können, wurde zwischen Kennedy und Chruschtschow binnen kurzem entschärft. Die SU zog ihre Raketen aus Kuba, USA ihre aus der Türkei ab.
War die SU im Herbst 62 aggressiv? Nein, eher pädagogisch offensiv: Die Atommacht USA musste lernen, sich in die Lage ihres Gegners zu versetzen und den Grundsatz der gegenseitigen Sicherheit anzuerkennen. Dieser Grundsatz galt auch noch 1990.. Ich zitiere aus der Charta von Paris, in der zur Beendigung des Kalten Krieges folgendes Prinzip festgehalten wurde: "Sicherheit ist unteilbar, und die Sicherheit jedes Teilnehmerstaates ist untrennbar mit der aller anderen verbunden." Das später nicht eingehaltene Versprechen des Westens, auf eine Osterweiterung der NATO zu verzichten, fußte auf diesem Grundsatz.
Kurz zurück in die 60er Jahre:
Der Kompromiss nach der Kuba-Krise öffnete die Tür für eine langanhaltende Entspannungspolitik mit zahlreichen Abkommen zur Rüstungsbegrenzung. Wir wissen, was mit diesen Verträgen inzwischen geschehen ist und wer dafür die Hauptverantwortung trägt.
Wie immer dem sei: Diese vertragslose Zeit muss so bald wie möglich im Interesse aller Länder auf unserem Globus auf diplomatischem Weg beendet werden!!!
Vor vier Jahren im März 2022 gab es im Sinn von Deeskalation und Entspannung einen kurzen hoffnungsvollen Lichtblick nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. In Istanbul war es in Verhandlungen zwischen der Ukraine und Russland zu unterzeichnungsreifen Vereinbarungen gekommen, zu denen auch die Anerkennung der russischen Sicherheitsinteressen gehört hatte. Der denkbare Abschluss soll aber durch die Intervention des englischen Premierministers Johnson blockiert worden sein. Er soll der Ukraine weitere Unterstützung zugesagt und sie mit Erfolg aufgefordert haben weiter zu kämpfen. Wenn dieser Verlauf der Ereignisse im April 2022 zutrifft, ist der negative Ausgang der Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen nicht nur ein Beleg für die These des Stellvertreterkrieges, sondern m.E. auch dafür, dass das Scheitern dieses möglichen Friedensschlusses nicht an der russischen Seite lag.
Vielleicht können meine Beispiele Zweifel wecken an der abgrundtiefen Dauer -Bosheit der russischen Regierung. Das aber reicht nicht. Die Kehrtwende weg vom tief verankerten Feindbild bedarf einer historischen Vermittlung. Ich knüpfe dabei an den Vorstoß O. Lafontaines vor gut 2 Monaten an. Anlässlich des Jahrestages der Befreiung von Auschwitz durch die Rote Armee plädierte O. Lafontaine dafür, dass Deutschland aufgrund seiner Verbrechen in der Pflicht nicht nur gegenüber Israel, sondern auch gegenüber Russland sei.
Blicken wir auf die aktuelle Situation:
Die Kluft in den Beziehungen Deutschlands zu beiden Ländern kann kaum größer werden.
- Die Treue zum Staat Israel scheint unerschütterlich zu sein - sie wird kaum erschüttert durch die Annexion von Palästinenserland im Westjordan-Gebiet und neuerdings im Südlibanon, durch den Vernichtungskrieg im Gazastreifen und durch den Angriffskrieg gemeinsam mit den USA gegen den Iran.
- Die Beziehungen Deutschlands zu Russland dagegen können kaum noch feindlicher werden.
In seinem Plädoyer, dass Deutschland aufgrund der Geschichte auch gegenüber Russland in der Pflicht stehe, ohne dabei Holocaust und Russlandfeldzug gleichzusetzen, wie ihm z.T böswillig unterstellt wurde, argumentierte Lafontaine im Januar mit der großen Zahl von sowjetischen und darunter russischen Kriegsopfern.
Mindestens so schwer wie die hohen Opferzahlen wiegt aus antifaschistischer Sicht das in Taten umgesetzte faschistische Menschenbild gegenüber damaligen Sowjetbürgern. Als Beispiel für einen Beleg diene ein Zitat aus der Rede Himmlers vor SS -Führern in Posen am 4. Oktober 1943. Es ist davon auszugehen, dass die Gedanken Himmlers an der Ostfront breit umgesetzt worden sind, Das betont auch U.Schneider (FIR).
"Ob die anderen Völker in Wohlstand leben oder ob sie verrecken vor Hunger, das interessiert mich nur so weit, als wir sie als Sklaven für unsere Kultur brauchen, anders interessiert mich das nicht. Ob bei dem Bau eines Panzergrabens 10.000 russische Weiber an Entkräftung umfallen oder nicht, interessiert mich nur insoweit, als der Panzergraben für Deutschland fertig wird. Wir werden niemals roh und herzlos sein, wo es nicht sein muss, das ist klar. Wir Deutschen, die wir als einzige auf der Welt eine anständige Einstellung zum Tier haben, werden ja auch zu diesen Menschen -Tieren eine anständige Einstellung einnehmen."
Wäre es nach der Schande der Erniedrigung sowjetischer Menschen zu Untermenschen im Namen Deutschlands nicht für deutsche Regierungen billig gewesen, nach der Wiedervereinigung wenigstens tatkräftig dafür zu sorgen, dass das Versprechen, die NATO nicht nach Osten zu erweitern, auch eingehalten wurde?
Ich habe noch 2 Anmerkungen zur Himmler-Rede:
- a) In der alten, nun im Umbau befindlichen Dortmunder Ausstellung "Widerstand und Verfolgung 1933-1945 " in der Steinwache war noch aufgeklärt worden über die hinter Figuren wie Himmler stehenden herrschenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Interessen. Dieser Aspekt ist zentral für unser Verständnis des Faschismus. In der neuen Konzeption der Ausstellung wird gegen den Widerspruch von Dortmunder Bürgerinnen und Bürgern, nicht zuletzt der Dortmunder VVN, diese Aufklärung - wahrscheinlich im Zuge der neoliberalen Gegenreformation - als überholte Geschichtserzählung abgetan.
- b) Mit der Himmler-Rede hat das gegenwärtig noch oder wieder in etlichen Köpfen steckende völkisch-nationalistische Denken vermutlich die höchste Stufe von Menschenfeindlichkeit erreicht.
Heute wiederholen wir: Wehret den Anfängen!
Und wir rufen: Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus! Gute nachbarschaftliche Beziehungen in ganz Europa! Diplomatie an die Front!
Ich verneige mich vor dem nicht mehr unter uns weilenden langjährigen Leiter des Ostermarsches Rhein-Ruhr, Willi Hoffmeister.
Vielen Dank!
Hajo Koch ist aktiv bei der VVN-BdA Dortmund.