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Redebeitrag für den Ostermarsch in Freiburg am 4. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!
Kinder und Jugendliche haben wieder Angst vor Krieg.
In einer Studie der Robert-Bosch-Stiftung wurden junge Menschen gefragt, worüber sie sich Sorgen machen.
Und die häufigste Antwort war: Kriege.
Ich bekomme das auch in meiner Praxis zu spüren. Angststörungen nehmen zu, Patientinnen und Patienten berichten mir von der Bedrohung, die sie empfinden.
Und es stimmt ja:
Wir müssen nur die Zeitung aufschlagen, den Fernseher anschalten, und wir sehen Berichte über den Ukrainekrieg, den Krieg in Gaza, den Krieg Israels und der USA gegen den Iran. Und dazwischen: Berichte über die Bundeswehr, die es aufzurüsten gilt. Und über Russland, das uns bedroht.
Neulich hat meine 91-jährige Schwiegermutter gesagt, nachdem sie die Zeitung gelesen hat: „Die reden doch den Krieg herbei“
Das Schreckgespenst, das uns an die Wand gemalt wird, ist der Angriff Russlands gegen die NATO, der angeblich schon 2029 bevorstehen könnte. Sogar für letztes Jahr wurde er von sogenannten Experten schon prophezeit. Und gestern konnte man bei t-online lesen: „Putins Angriffsziel ist Deutschland.“
Vor 10 Tagen wurde das „annual threat assessment“, die jährliche Bedrohungsanalyse der US-Geheimdienste, veröffentlicht. Darin steht kein Wort von einem bevorstehenden Angriff Russlands auf ein NATO-Land. Was allerdings beschrieben wird ist das Risiko einer Eskalation bestehender Konflikte, bis hin zum Atomkrieg zwischen Russland und der NATO.
Auch der im Februar erschienene Bericht des estnischen Auslandsgeheimdienstes – ein Dienst eines unmittelbar betroffenen NATO-Frontstaates – betont, dass Russland eine direkte militärische Konfrontation mit der NATO vermeidet und es keine Hinweise auf einen bevorstehenden Angriff gibt.
Ich habe überhaupt keine belastbaren Belege dafür gefunden, dass Russland plane, die NATO anzugreifen.
Über den Krieg in der Ukraine mache ich mir keine Illusionen. Und wer Zweifel an der Brutalität von Stellungskriegen hat, der muss nur über die Grenze ins nahe Elsaß fahren, da kann man die Schützengräben besichtigen und erahnen, was gerade in der Ukraine passiert.
Auf dem Papier ist Russland der Ukraine weit überlegen. Trotzdem erreicht es in seinem völkerrechtswidrigen Krieg seine Ziele bisher nicht und hat große Verluste. Der NATO gegenüber ist Russland in allen Bereichen – mit Ausnahme der Atomwaffen, über die wir gleich noch sprechen – haushoch unterlegen. Das gilt auch, wenn man nur den europäischen Teil der NATO betrachtet. Und schon heute, ohne die geplante Aufrüstung. Die Mitgliedsstaaten der NATO geben zehnmal so viel Geld für ihr Militär aus wie Russland. Es wäre, sollte Russland solch einen Angriff durchführen, unter konventionellen Bedingungen ein Himmelfahrtskommando. Das weiß man auch in Russland. Und dort weiß man auch, dass gerade unter solch asymmetrischen Bedingungen das Risiko der Eskalation enorm ist.
Ist Euch schon aufgefallen, dass in den meisten Beschreibungen der russischen Aggressionsbereitschaft völlig ausgeblendet wird, dass wir, die NATO, und Russland uns mit tausenden Atomwaffen, davon viele in ständiger Alarmbereitschaft, gegenseitig bedrohen? Die sogenannte nukleare „Abschreckung“ ist schon zu Friedenszeiten ein Spiel mit dem Feuer. Ein Krieg zwischen NATO und Russland könnte sehr schnell die Lunte an diesem Pulverfass entzünden, und dann braucht sich über unsere Kriegstüchtigkeit niemand mehr Gedanken machen.
Auch das weiß man in Russland.
Dort, und das haben mir verschiedene Menschen aus Russland selbst berichtet, sind die Leute überzeugt davon, dass der Westen, also wir, uns auf einen Angriff gegen Russland vorbereiten und deshalb aufrüsten. Und deshalb, meinen sie in Russland, müssten auch sie aufrüsten.
Klassischer Fall von Propaganda. Das wird ihnen halt von der russischen Regierung so erzählt, werden die meisten hier sagen.
Zumindest ein Teil der Propaganda stimmt aber: Wir rüsten auf. Bald sollen neue, gegen Russland gerichtete Mittelstreckenraketen stationiert werden. Natürlich deshalb, so wird uns gesagt, weil Russland aufrüstet und einen Angriff auf die NATO im Schilde führt, dagegen müssen wir uns wappnen.
Das ist Propaganda, sagen die Russen.
Dabei muss einem doch auffallen: Diese gegenseitige Angst ist ein Spiegelbild.
Und die Angst wird genährt durch die Fakten:
Auf beiden Seiten brummt die Rüstungsindustrie.
Wo führt das hin?
Die Spirale verstärkt sich selbst, und so rennen wir gemeinsam auf einen Krieg zu.
Es ist mit Worten kaum zu beschreibender Wahnsinn, sich darauf vorbereiten zu wollen. Die uns das erzählen sind Hasardeure.
Albert Einstein hat sinngemäß einmal gesagt:
„Man kann Krieg nicht gleichzeitig verhindern und sich darauf vorbereiten“
Wir sollen kriegstüchtig werden – so hat es Verteidigungsminister Pistorius genannt.
Was bedeutet das konkret?
Das bedeutet nicht nur mehr Waffen für die Bundeswehr oder mehr Soldaten.
Es bedeutet, dass sich unsere gesamte Gesellschaft verändert.
Wir sehen das bei den staatlichen Ausgaben:
Immer größere Teile des Haushalts fließen in Militär und Aufrüstung. 5% des Bruttoinlandsprodukts sind 40-50% des Bundeshaushaltes.
Wir sehen es bei der Infrastruktur:
Straßen, Brücken und Bahnstrecken werden so geplant und ausgebaut, dass im Ernstfall Truppen und Material schnell quer durch Europa verlegt werden können.
Deutschland soll im Krieg eine zentrale Rolle spielen – als Drehscheibe für die Armeen der NATO.
Wir sehen es in der Wirtschaft:
Unternehmen stellen ihre Produktion um, weil mit Rüstung inzwischen mehr Geld zu verdienen ist als mit zivilen Produkten. Volkswagen will nun Teile für ein Raketenabwehrsystem produzieren.
Und wir sehen es in politischen Entscheidungen:
Regeln werden gelockert, Verfahren verkürzt, damit militärische Projekte schneller umgesetzt werden können.
Schritt für Schritt wird so unsere Gesellschaft auf militärische Anforderungen ausgerichtet.
Das ist es, was mit „Kriegstüchtigkeit“ gemeint ist.
Wer so auf den Krieg hinarbeitet, der wird irgendwann auch im Krieg landen, liebe Friedensfreundinnen und -freunde.
Besonders im Fokus der Kriegsplaner ist der Bereich, in dem ich arbeite, das Gesundheitswesen.
Auch das soll kriegstüchtig werden.
Es geht nicht mehr nur darum, Menschen bestmöglich zu behandeln – sondern darum, wie im Kriegsfall große Zahlen von Verwundeten versorgt werden können.
Dafür sollen die zivilen Krankenhäuser eingebunden werden.
Deutschland soll nicht nur Durchmarschgebiet für Truppen sein, sondern auch eine zentrale Rolle als Versorgungsraum für verletzte Soldatinnen und Soldaten übernehmen.
Und damit verändert sich die Logik der Medizin.
In der Kriegsmedizin geht es nicht mehr in erster Linie um den einzelnen Patienten.
Ich zitiere aus einem Standardwerk der Kriegsmedizin:
Ziel ist es, möglichst viele Soldaten wieder in den Einsatz zurückzuführen –
und erst danach geht es um die Erhaltung von Leben und Gesundheit.
Das ist ein fundamentaler Unterschied zu dem, was ich als ärztliches Ethos verstehe.
Wir sind dem einzelnen Patienten verpflichtet.
Nicht einem System. Nicht militärischen Zielen.
Und das ist keine theoretische Debatte. Es wird darüber nachgedacht, im Kriegsfall Soldatinnen und Soldaten zu priorisieren.
Militarisierung und Aufrüstung werden uns nicht den Frieden sichern. Sie machen – im Gegenteil – den Krieg wahrscheinlicher.
Wer in der heute endenden Karwoche in der Kirche war, der hat vielleicht den Satz aus dem Matthäusevangelium gehört, den Jesus gesagt hat, als er verhaftet wurde: Wer das Schwert aufnimmt, wird durch das Schwert umkommen.
Das Völkerrecht, insbesondere die Charta der Vereinten Nationen, die Grundlage unserer Friedensordnung, ist von der Idee des Gewaltverbots durchdrungen.
Die Charta wurde geschrieben unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, der die Menschheit – insbesondere infolge des Atomwaffeneinsatzes in Hiroshima und Nagasaki – einen ersten Blick in den Abgrund hat werfen lassen. So weit, da waren sich die Überlebenden des Weltkriegs einig, darf es nie wieder kommen. Und jetzt – sind wir fast wieder so weit.
Man hat das Gefühl, das Völkerrecht löse sich vor unseren Augen auf, als zerbrösele es.
Der US-Präsident Trump mäandert gerade durch die Weltpolitik, dass einem schwindelig und übel wird. Das Völkerrecht? Brauche er nicht, hat er gesagt. Es gilt zunehmend wieder das Recht des Stärkeren. Wer kann, der nimmt sich, was er möchte.
Unsere Regierung hat nicht den Mumm, sich dem konsequent entgegenzustellen. Anders als die spanische, die ihren Luftraum für am Iran-Krieg beteiligte Flugzeuge gesperrt hat. Chapeau, Herr Sanchez!
Wenn wir es nicht schaffen, aus der Spirale herauszufinden, der Militarisierung eine Zivilisierung, der Rüstung unsere Entrüstung und der Wehrpflicht eine Friedenspflicht entgegenzusetzen, dann droht uns eine Eskalation, die ich mir nicht vorstellen möchte.
Donald Trump redet jetzt davon, aus der NATO austreten zu wollen.
Natürlich besteht die Gefahr, dass dann die europäischen Staaten ihre Aufrüstung umso mehr verstärken, um die vermeintliche Lücke zu füllen. Bis hin zum Aufbau einer europäischen Atomstreitmacht. Das gilt es zu verhindern.
Grundsätzlich halte ich die Auflösung der NATO aber für eine gute Idee.
Vielleicht ist es sogar die Voraussetzung dafür, dass in Europa ein neues, stabiles und dauerhaft friedliches System der gemeinsamen Sicherheit entstehen kann, das Russland mit einbezieht. Und das uns davor bewahrt, uns über absehbare Zeit hochgerüstet gegenseitig mit Vernichtung zu bedrohen und damit in Schach zu halten. Abschreckung ist KEIN dauerhaft stabiler Zustand, auch wenn uns das andauernd so erzählt wird. Dem widersprechen wir und dagegen stehen wir auf.
Wir haben in Europa schon erlebt, dass selbst tiefste Feindschaft nicht ewig dauern muss: Die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich war über Jahrhunderte von Kriegen, Rivalität und tiefem Misstrauen geprägt. Innerhalb von ein oder zwei Generationen sind daraus enge Partner und Freunde geworden. Und das ist nicht einfach so passiert, sondern es war der politische Wille und die Entscheidung zweier Völker, sich zu verständigen.
Das kann und muss uns auch mit Russland gelingen, wenn wir für unsere Kinder und Enkel eine sichere Zukunft haben wollen.
Vielen Dank!
Dr. Helmut Lohrer ist International Councilor der IPPNW Deutschland.