In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für den Bodensee Friedensweg in Konstanz am 6. April 2026
- Sperrfrist: 6. April, Redebeginn: ca. 12 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten - Unsere Visionen werden stärker sein als alle Destruktionen – das Beispiel Konstanz macht Mut!
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
wir haben uns heute zum Friedensweg von Konstanz nach Kreuzlingen versammelt. Wir treffen uns in einer Zeit, die geprägt ist von dystopalen Entwicklungen, die wir massiv kritisieren. Und wir treffen uns, um unsere Visionen hin zu einer besseren Welt in ganz konkreten Einzelschritten aufzuzeigen.
Lass mich zuerst exemplarisch einige fatale Fehlsteuerungen auf der globalen Ebene analysieren, die sich auch auf uns in Deutschland massiv auswirken:
Laut Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI sind die weltweiten Militärausgaben 2024 zum zehnten Mal in Folge gestiegen. Rund 2,7 Billionen US-Dollar wandten alle Staaten zusammen für das Militär auf. Inflationsbereinigt waren das 9,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Laut SIPRI ist das "der größte Anstieg von einem aufs nächste Jahr seit dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1991".
"Besonders stark" war der Anstieg in Europa und im Nahen Osten, so SIPRI. Begründet wurde diese unsägliche Entwicklung mit den Kriegen in der Ukraine und im Gazastreifen sowie der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Israels und der Hisbollah im Libanon.
Gemäß SIPRI verbrauchte Deutschland 88,5 Milliarden Dollar für das Militär – 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Im weltweiten Ranking der Staaten mit den höchsten Verteidigungsausgaben katapultierte Deutschland vom siebten Rang (2023) auf Platz 4 (2024) vor, direkt hinter den USA, China und Russland. "Die Bundesrepublik überholte den Sipri-Zahlen zufolge damit Großbritannien, Saudi-Arabien und Indien", so die schwedischen Friedensforscher. [#1]
All diese Milliardensummen fehlen zur Bekämpfung der wahren Menschheitsprobleme.
- Deshalb lautet unsere Forderung an die Regierungen der führenden Aufrüstungsstaaten: Stoppt diesen Rüstungswahnsinn!
- Gemeinsam mit den Gewerkschaften fordern wir: Setzt all diese Milliardensummen ein zur Bekämpfung des Hungers und von Krankheiten sowie zur Bildung, Gesundheit und Pflege bedürftiger Menschen – und das in aller Welt!
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Zahl der jährlichen Konflikte "deutlich angestiegen". So wurden 1946 lediglich elf Konflikte verzeichnet, 2024 waren es insgesamt 61 Kriege und Konflikte. Gemäß den Recherchen des Statista Research Department waren für den Gesamtanstieg vor allem zivile Konflikte und Bürgerkriege verantwortlich. [#2]
Zwei Kriege haben unsere Wahrnehmung besonders beeinflusst: Der Krieg in der Ukraine infolge des Angriffs russischer Truppen vom Februar 2022 – Hunderttausenden von Verstümmelten, Verkrüppelten und Toten.
Sowie der Angriff der palästinensischen Hamas im Oktober 2023 und der daraufhin folgende Vernichtungsfeldzug der Israel Defence Forces in Gaza mit schwersten Menschenrechtsverletzungen und mehr als 71.000 getöteten Palästinenserinnen und Palästinensern – die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Dies belegen Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza und der Vereinten Nationen. [#3] In Gaza findet nach Einschätzung von UNO-Experten ein Völkermord statt.
- Mit Nachdruck fordern wir Deeskalation, Verhandlungen und die Beendigung des Kriegs in der Ukraine!
- Und wir fordern endlich ernsthafte Friedensbemühungen im Nahen Osten und die Beendigung der jahrzehntelangen völkerrechtswidrigen Besatzung von palästinensischem Gebiet – in Gaza und im Westjordanland. [#4]
Fluchtursachen: Rüstungsexporte und Klimakatastrophe
Im März 2026 kritisierten wir seitens des Bündnisses Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! massiv den Negativtrend beim globalen Waffenhandel. Laut SIPRI rückte Deutschland mit einem weltweiten Anteil von 5,7 % noch vor China auf dem vierten Rang der Weltwaffenexporteure auf – hinter den USA, Frankreich und Russland
Deutschland gehört seit Jahren in die Spitzengruppe der weltweiten Exporteure –Tendenz stark steigend. So nahmen im Zeitraum von 2021 bis 2025 die deutschen Waffenlieferungen (im Vergleich zu 2016 bis 2020) um dramatische 15 Prozent zu. Die SIPRI-Zahlen zeigen in erschreckender Weise, in welchem Tempo die Rüstungsspiralen weltweit an Fahrt aufnehmen, aber sie benennen die daraus resultierenden Probleme nur unzureichend. Denn die deutschen Waffen und Rüstungsgüter werden nicht einfach nur verkauft, sie kommen auch in den Konflikten der Welt zum mörderischen Einsatz.
Mit der Ausweitung von Waffenlieferungen gießt die deutsche Rüstungsindustrie Öl ins Feuer der Kriege und Bürgerkriege – wohlgemerkt genehmigt von der jeweiligen Bundesregierung. Abertausende Menschen wurden und werden zu Opfern dieser skrupellosen Rüstungsexportpolitik.
Dennoch ist offensichtlich: Die deutsche Regierungspolitik will noch mehr und mehr Rüstungsexporte. Sie erleichtert den Transfer von Kriegswaffen und Rüstungsgütern und höhlt dabei die eigenen und die internationalen Restriktionen aus. Die Entscheidung für oder gegen einen Export wird immer öfter unter dem Aspekt strategischer Opportunität oder wirtschaftlicher Profitabilität getroffen.
Zu den Empfängerländern deutsche Rüstungsexporte zählen u.a. Israel, die Ukraine, Katar, die Türkei und – über Großbritannien – Saudi-Arabien.
- Deshalb fordert wir von der Bundesregierung mit CDU/CSU und SPD: Kehren sie um von der derzeitigen Kriegsunterstützungspolitik durch Rüstungsexporte hin zu einer Kultur des Friedens mit Abrüstung und Friedensverhandlungen. [#5]
- Stoppen Sie die Waffenlieferungen an Israel, die Ukraine, Saudi-Arabien und weitere kriegsführende Länder!
Die Folgen der Rüstungsexportpolitik sind für die Betroffenen existentiell gefährdend. Zurzeit sind mehr als 117 Millionen Menschen auf der Flucht. Laut dem UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, hat der Konflikt im Sudan "inzwischen die größte Vertreibungskrise der Welt ausgelöst". [#6] Auch im Sudan sind deutsche Waffen bzw. der Bestandteile im Einsatz – u.a. G3-Gewehre, entwickelt von Heckler & Koch.
Die Betroffenen fliehen vor Kriegen und Bürgerkriegen, befeuert durch den Einsatz exportierter Waffen. Und sie fliehen vor den Folgen der schier ungebremst voranschreitenden Klimaerhitzung – die die Industrieländer maßgeblich verantworten. Dabei nimmt die Klimakatastrophe dramatischere Formen an. Auch wir in Europa bekommen die – euphemistisch als „Klimawandel“ bezeichnete Entwicklung – immer deutlicher zu spüren.
Gemäß dem Bericht des EU-Klimadienstes Copernicus hat sich Europa zum Hotspot einer vernichtenden Entwicklung entwickelt. Stürme, Extremniederschlag, Hitzewellen und Waldbrände nehmen rapide zu. [#7]
Tragischerweise wird die Rolle des Militärs in aller Welt bei der Analyse der Umweltbelastung und Umweltzerstörung weitgehend ignoriert. Bei all den Umweltkonferenzen werden dem Militär keinerlei Restriktionen auferlegt.
Mit Nachdruck kritisiert der Friedens- und Umweltaktivist Maik Schluroff von der Konstanzer Friedensinitiative in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift forum future economy: "Das Militär ist ein Emissionstreiber, der in der internationalen Klimaberichterstattung nur unvollständig erfasst wird – obwohl seine Aktivitäten zu den energie- und ressourcenintensivsten der Welt gehören – auch ohne Krieg." [#8]
Wir dramatisch die Situation ist, zeigt Schluroffs Analyse: "Wäre das weltweite Militär ein Land, wäre es der viertgrößte Klimaschädling." Noch ein einziges seiner eindrücklichen Beispiele: "Ein Leopard-2-Panzer braucht bei Geländefahrt 530 Liter Benzin pro 100 Kilometer. Damit fährt ein normaler PKW fast zehnmal von Hamburg nach München."
- Schmach und Schande über alle Rüstungsexporteure und über alle Umweltzerstörer, die die Flucht von mehr als hundert Millionen Menschen verursachen!
Profiteure der Hochrüstungspolitik – auch in der Rüstungsregion Bodensee
Die Profiteure der aberwitzigen Rüstungs- und Rüstungsexportpolitik sitzen bei Airbus, Diehl Defence, Heckler & Koch, Hensoldt, MBDA, Rheinmetall Defence und Thyssenkrupp Marine Systems u.v.a.m. In der Rüstungsindustrie knallen mit jedem neuen Krieg die Champagnerkorken. Beispielsweise hat sich der Wert der Rheinmetall-Aktien seit Beginn des Krieges in der Ukraine mehr als verzwanzigfacht.
Der Boom für Großwaffensysteme und deren Bestandteile lässt die Waffenfabrikanten in der Rüstungsregion Bodensee jubeln. Lasst mich einige Beispiele nennen:
Der Blick in die Zukunft ist düster. Denn die Vorbereitung für den Krieg im All nimmt inzwischen ihren Lauf. "Deutschland investiert Milliarden, um sich für militärische Konflikte im Weltraum zu wappnen", schreibt DER SPIEGEL in seiner topaktuellen Ausgabe. So wollen Airbus, OHB und Rheinmetall den historisch gesehen größten aller Aufträge für Raumfahrtprojekte erringen. Dabei geht es um den Bau von 100 Kommunikationssatelliten für die Bundeswehr. In Immenstaad am Bodensee baut Airbus schon heute Satelliten des europäischen Galileo-Navigationssystems. [#9]
Auch Diehl Defence zählt zu den Profiteuren weltweiter Kriege – das Unternehmen ist auf Wachstumskurs. Aktuell meldete das Unternehmen ein Umsatzplus von 21 Prozent. Womöglich wird in Überlingen alsbald auch die US-amerikanische Stinger-Rakete hergestellt. [#10]
Der Motorenhersteller Rolls-Royce Power Systems in Friedrichshafen jubiliert über Großaufträge für die Bundeswehr: so über den Auftrag zum Bau von 350 Motoren für den Radpanzer Boxer, und – topaktuell – für rund 200 neue Antriebssysteme des Schützenpanzers Puma der Bundeswehr. [#11]
MTU Friedrichshafen fertigt Motorenteile für den Export in die USA. Die dort montierten Panzermotoren wurden nach Israel exportiert. Die Israel Defence Forces (IDF) haben diese in ihren Merkava-Kampfpanzern Mk 3 und Mk 4 verbaut. Merkava-Kampfpanzer wurden wiederholt für Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg eingesetzt. [#12]
Bei KNDS Deutschland Mission Electronics in Konstanz handelt es sich im Grunde um die früheren ATM ComputerSysteme GmbH. KNDS ist ein führendes Systemhaus für schwer gepanzerte Rad- und Kettenfahrzeuge, wie den weltweit im Einsatz befindlichen Kampfpanzer LEOPARD.
KNDS Deutschland Mission Electronics GmbH versteht sich als Partner für anspruchsvolle IT-Projekte im Verteidigungsumfeld. Das Systemhaus konstruiert u.a. gehärtete Display- und Rechnersysteme sowie verschiedenste Kommunikationssysteme. Bei der Konstanzer KNDS Deutschland Mission Electronics entstehen "innovative und technologieorientierte Lösungen, die unter härtesten Bedingungen zu Land, zu Luft und zu Wasser zuverlässig funktionieren". [#13]
Lasst mich noch eine für uns Ostermarschteilnehmer wichtige Information zur Rüstungsproduktion auf der Schweizer Seite des Bodensees ergänzen.
Die Rüstungsfirma Mowag, Motorenwagenfabrik AG, in Kreuzlingen wurde 2003 Teil des US-Rüstungskonzerns General Dynamics. Sie gehört zum Europa-Ableger General Dynamics European Land Systems, GDELS. Bereits während des – letztlich verlorenen – Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr gehört GELDS / Mowag zu den technischen Grundversorgern der Bundeswehr. Das Schweizer Unternehmen fertig schwer bewaffnete Gefechtsfahrzeuge. Aktuell eröffnet der Rüstungskonzern den neuen Standort Immenstaad mit einer Fertigungshalle von 10.000 m². Der Grund: Die Bundeswehr hat die unglaubliche Zahl von 5.000 weiteren Militärfahrzeugen bei GDELS / Mowag bestellt! [#14]
- Schmach und Schande über all die Rüstungsproduzenten und -exporteure, die sich an den Kriegen und dem Morden in aller Welt beteiligen und bereichern!
Recht des Stärkeren statt Recht und Gesetz gemäß Völkerrecht?
Noch ein dramatisches Problem bringt die Weltordnung aus den Fugen: Das Völkerrecht wird weltweit von autokratischen Regimen und scheindemokratischen Regierungen rücksichtslos ausgehebelt. Hauptverantwortliche Rechtsbrecher sind die USA unter Donald Trump, Israel unter Benjamin Netanjahu, Russland unter Wladimir Putin, die Türkei unter Recep Tayyip Erdoğan und China unter Xi Jinping. Sie alle gehen mit ihrer imperialistischen Machtpolitik über Leichen. Die UNO-Charta verbietet allen Ländern die Androhung oder Anwendung von Gewalt und verpflichtet alle Kriegsparteien zu Verhandlungsbemühungen.
- Lasst uns deshalb mit Nachdruck fordern: Völkerrecht muss jederzeit und überall eingehalten werden. Hier darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden!
- Rechtsbrecher – wie Putin, Trump und Netanjahu – müssen sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten.
Und wie verhält sich die Bundesregierung? Sie ignoriert die Tatsache, dass die US-Stützpunkte in Deutschland, allen voran in Ramstein, eine zentrale Rolle für die völkerrechtswidrige US-Kriegsführung im Iran spielen. Dabei ist die Rechtslage eindeutig: Das Grundgesetz schreibt in Artikel 25 fest: „Die allgemeinen Regeln des Völkerrechtes sind Bestandteil des Bundesrechtes. Sie gehen den Gesetzen vor und erzeugen Rechte und Pflichten unmittelbar für die Bewohner des Bundesgebietes.“
- Wir fordern von der Bundesregierung: Keine weitere Militärkooperation mit den völkerrechtsbrechenden Regierungen der USA und Israels!
- Die Große Koalition muss den US-Truppen die Nutzung der Air Base in Ramstein untersagen! Oder sie wird früher oder später selbst auf der Anklagebank sitzen!
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
Andreas Zumach, lange Jahre Journalist bei den Vereinten Nationen in Genf, beklagt zu Recht: "Die internationale Rüstungskontroll- und Abrüstungsarchitektur ist am Zerfallen. Immer mehr wichtige Verträge werden aufgekündigt." [#15]
Wir müssen noch weitere Fehlsteuerungen in der Politik anprangern:
Die sogenannte "Zeitenwende" mit dem unvorstellbarem Schuldenpaket von bis zu einer Billion Euro. Mindestens die Hälfe dieses Geldes wird in die Hochrüstung der Bundeswehr und den Ausbau der Rüstungsindustrie gesteckt!
Die maßlose Aufrüstung im Rahmen des 5%-Ziels der NATO.
Der Einzelplan 14 (Verteidigungshaushalt) wird exponentiell auf 136 Mrd. Euro im Jahr 2028 gesteigert, während am Sozialstaat gespart werden soll.
Die Wiedereinführung der Wehrpflicht – erst freiwillig, dann als Zwangsdienst.
Deutschland setzt in Zukunft auf KI und Drohnen für kommende Kriege.
Deutschland soll, so Boris Pistorius, "bis 2029 kriegstüchtig sein". Dabei wird der Bundesverteidigungsminister von der SPD, von CDU/CSU unterstützt. [#16]
Die drohende Wiedereinführung der Wehrpflicht, die immensen Waffenbeschaffungsprogramme, die Aufstellung neuer Mittelstreckenraketen – all das sind Rückfälle in die Zeit des Kalten Krieges.
- Wir fordern: Deutschland darf nicht kriegstüchtig gemacht werden! Deutschland muss stattdessen friedensfähig gemacht werden!
Kaum zu glauben: Die Kriegstheorie des 21. Jahrhunderts erinnert an die Grundsätze von Flavius Vegentius Renatus. Dieser römische Kriegstheoretiker des 4. Jahrhunderts n. Chr. Vertrat in seinem Traktat De Re Militari die Ansicht: "Wer den Frieden will, bereite den Krieg vor."
"Si vis pacem para bellum" gilt bis heute als Maßstab militärischen Handelns. [#17] Wohin derlei Irrwege die Menschheit in den vergangenen Jahrhunderten geführt haben, zeigt sich bis hin zum millionenfachen Massenmorden in den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts.
Wir in der Friedensbewegung vertreten stattdessen die gegenteilige Erkenntnis:
- Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten!
- Denn Militär ist nicht die Lösung, Militär ist das Problem!
Wir haben die Vision einer besseren Welt!
Ein entscheidendes Kernproblem der Politik – gleichermaßen in West und Ost – ist, dass die Regierenden in den USA, in Russland, in China und auch in Deutschland jegliche Visionen einer friedlichen, gerechten, sozialen und ökologisch intakten Welt verloren haben. Sie handeln nicht im Sinne ihrer eigenen Bevölkerung und auch nicht im Sinne der Menschen in anderen Ländern – sondern maßgeblich macht- und profitorientiert.
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
wir sollten all den Negativentwicklungen, den bewussten Fehlsteuerungen, den milliardenschweren Waffenbeschaffungsprogrammen, den kriegstreiberischen Handlungen von Regierungspolitikern, Militärs, Lobbyisten und Bänkern mutig entgegentreten. Wohlwissend: Wir sind viele!
Wissenschaftliche Rückendeckung erhalten wir durch den niederländischer Historiker Rutger Bregman. Er analysiert: "Diese Idee könnte eine Revolution entfesseln. Die Gesellschaft auf den Kopf stellen. Worin besteht diese Idee? Dass die meisten Menschen im Grunde gut sind." [#18]
Lasst uns also unseren Blick auf die mutmachenden Aktionen und Aktivitäten, Initiativen und Kampagnen richten, von denen es so viele gibt. Pars pro toto möchte ich nennen:
Das Konzept „Sicherheit neu denken“, anfangs initiiert von der Evangelischen Landeskirche Baden, wird mittlerweile von einem breiten Bündnis von friedenspolitischen, kirchlichen und gewerkschaftlichen Gruppierungen und Organisationen getragen. Diese haben unter dem Dach des europäischen friedenskirchlichen Netzwerks Church and Peace das „Positiv-Szenario 2025 – 2040“ entwickelt. Dies zeigt konkret und konstruktiv „Europas Rolle für den Frieden in der Welt“ auf. Hier gilt: Mitmachen, unterstützen, umsetzen! [#19]
Mit der Gründung der Kampagne Friedensfähig statt erstschlagfähig setzen wir uns für ein Europa ohne Mittelstreckenraketen ein. Wohlwissend, dass diese Angriffswaffen eine äußerst destabilisierende Wirkung haben. Als einer der Erstunterzeichner des Offenen Briefes habe ich bereits Ende März 2025 an unserer ersten Demonstration in Wiesbaden teilgenommen.
Und es geht mit Friedenspower weiter: Am 30. Mai 2026 fordern wir bei den Protestkundgebungen in Wiesbaden und Grafenwöhr: "Keine Mittelstreckenraketen, Nirgends! Keine 'Dark Eagle' und 'Tomahawk' in Grafenwöhr! Befehlskommando in Wiesbaden auflösen!" [#20]
Unter dem Dach des Bündnisses Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel! haben sich rund hundert Organisationen zusammengefunden. Gemeinsam mit der DFG-VK, dem RüstungsInformationsBüro, pax christi, der IPPNW u.v.a.m. prangern wird die völlig enthemmte Rüstungsexportpolitik der Großen Koalition an und zeigen sinnvolle Alternativen auf. [#21]
Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen von Erica Chenoweth und Maria J. Stephan, die in den USA mit dem vielversprechenden Titel Why Civil Resistance Works veröffentlicht worden sind, sind mittlerweile ins Deutsche übersetzt: Warum ziviler Widerstand funktioniert ist im Nomos-Verlag erschienen.
Diese Forschungsergebnisse sind bis heute in der Wissenschaft wie auch in der Sicherheits-, Friedens- und Außenpolitik von enormer Relevanz. Dokumentieren sie doch unwiderlegt: Zivile, also nichtmilitärische Widerstandsformen, waren und sind im Vergleich zum Einsatz militärischer Mittel im 20. und 21. Jahrhundert doppelt so häufig erfolgreich. [#22]
Vieles, was Mut macht, arbeiten wir beim RüstungsInformationsBüro RIB e.V. in Freiburg mit unserem Projekt VISION BESSERE WELT auf. In meinem aktuellen Mutmachbuch Wie Lichter in der Nacht. Menschen, die die Welt verändern habe ich 24 Protagonistinnen und Protagonisten im erfolgreichen Einsatz für eine bessere Welt eine Stimme gegeben. Die Website zum weitaus umfassenderen Multimediaprojekt von MUTMACHMENSCHEN wird Ende 2026 in Englisch und Deutsch online gehen. Bitte meldet euch, welche mutmachenden Menschen und Initiativen rund um den Bodensee euch wichtig sind! [#23]
Konstanz macht Mut!
Heute führen wir den 17. Internationalen Bodensee-Friedensweg durch. Zwischen 1988 und 2004 fanden elf Ostermärsche rund um den Bodensee statt – auch in Österreich und der Schweiz. Seit 2009 wird diese Tradition jährlich mit den Internationalen Bodensee-Friedenswegen (Deutschland, Österreich, Schweiz) fortgesetzt.
Gerade auch in Konstanz gibt es so viel positive mutmachende Initiativen. Sie alle zu nennen, sprengt den Rahmen meiner Rede.
Die Konstanzer Friedensinitiative organisiert seit über 40 Jahren Demonstrationen und Veranstaltungen für Frieden und Abrüstung. So auch den heutigen Friedensweg. Sie erreichte u.a., dass der Gemeinderat Konstanz zur „Atomwaffenfreien Zone“ erklärte. Seit 2018 begeht die Stadt auch den weltweiten Flaggentag der „Mayors for Peace“ zur weltweiten Abschaffung von Atomwaffen. Als Antwort auf die ungeheure Militarisierung der Gesellschaft bietet die Friedensinitiative jeden Donnerstag Beratung zur Kriegsdienstverweigerung an (siehe https://fi-konstanz.de/kdv/).
Das Bündnis Konstanz für Demokratie – Klare Kante gegen rechts betreibt vorbildlich eine breite Aufklärung und Öffentlichkeitsarbeit. So konnte erreicht werden, dass die AfD in Konstanz im Gemeinderat nicht Fuß fassen konnte (siehe https://konstanz-fuer-demokratie.de).
Die Seenotrettungs-Organisationen gegen das Sterben im Mittelmeer – Seebrücke Konstanz und Sea-Eye – haben bewirkt, dass Konstanz als erste Stadt in Deutschland eine Patenschaft für ein ziviles Seenotrettungsschiff auf dem Mittelmeer übernahm und mit 10.000,- Euro unterstützte. Konstanz ist dem Bündnis „Sichere Häfen“ beigetreten. [#24]
Konstanz 83 integriert vermittelt Wohnungen an Geflüchtete, mit Unterstützung durch die Stadt. So können Vermieter und Flüchtlinge zusammengebracht und Mietverträge abgeschlossen werden. Mehr als 200 Zimmer bzw. Wohnungen konnten bisher vermittelt werden (siehe http://www.83integriert.de).
Die Omas gegen Rechts engagieren sich seit 2024 mit großem Erfolg. Beispielsweise bei der Demonstration mit 12.000 Teilnehmenden am 8. Februar 2025 in Konstanz, die sie gemeinsam mit dem Bündnis für Demokratie organisiert haben (siehe https://omasgegenrechts-kn.de).
Der Verein Save me, gegründet 2013; hat etwa 70 Mitglieder und rund 250 registrierte Helfer*innen. Er unterstützt Flüchtlinge bei der Integration. Zum Beispiel durch Sprachunterricht, Alltagsbegleitung, Ausfüllen von Behördenanträgen und Leih-Notebooks. Die Fahrradwerkstatt des Vereins hat rund 2.500 instandgesetzte Räder bereitgestellt und integriert Flüchtlinge in die Reparaturen (siehe https://www.save-me-konstanz.de/).
Das Café Mondial sieht sich als Kreativraum und Begegnungsort für alle. Es öffnet seine Türen für Konstanzer*innen, Durchreisende, Migrierte und Studierende aus aller Welt. Das Café Mondial lädt ein zu Beratungsangeboten, Diskussionsveranstaltungen, Musik, Tanz und gemeinsamem Kochen (siehe https://cafe-mondial.org).
Im Rahmen der Refugee Law Clinic Konstanz berät eine Gruppe von Jura-Studierenden und Doktoranden regelmäßig Geflüchtete im Café Mondial (siehe https://www.uni-konstanz.de/refugee-law-clinic-konstanz/).
Die Initiative Stolpersteine – Gegen Vergessen und Intoleranz hat in den vergangene zwei Jahrzehnten rund 300 Stolpersteine für Opfer des Naziterrors verlegt und unzählige Veranstaltungen gegen Rassismus ausgerichtet (siehe https://stolpersteine-konstanz.de). Eine der Aktivistinnen erhielt sogar das Bundesverdienstkreuz.
Die VVN BdA ist seit 30 Jahren in Konstanz aktiv gegen Rassismus und Faschismus. Jahr um Jahr werden Veranstaltungen zu diesen Themen organisiert. Damit leistet die VVN BdA einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen des Nazi-Terrors am Bodensee (siehe https://bawue.vvn-bda.de/2025/04/17/veranstaltungen-in-konstanz/).
Und noch eine ganz wichtige Aktion, die den Widerstand gegen die Militarisierung vorantreibt: Die SchülerInnen gegen Wehrpflicht haben in Konstanz bisher zwei Demonstrationen durchgeführt – im Dezember 2025 und im März 2026 mit jeweils etwa 200 Teilnehmer*innen.
- Unglaublich und unglaublich erfreulich, was sich für eine lebhafte Zivilgesellschaft in Konstanz engagiert!
Auch Kreuzlingen sei lobend erwähnt: Im Verein AGATHU engagieren sich zahlreiche Freiwillige, denen ein menschliches und respektvolles Miteinander von Einheimischen und Geflüchteten am Herzen liegt. AGATHU wurde im Jahre 1995 gegründet und hat über 250 Kollektiv- und Einzelmitglieder. Es gibt, wie im Konstanzer Café Mondial, ein Flüchtlingscafé, welches ein beliebter Treffpunkt ist, mit zahlreichen Aktivitäten für Kinder und Erwachsene (wie Malen, Nähen, Basteln, Lernen, Spielen etc.). Für viele Kreuzlinger Einzelinitiativen ist das AGATHU der zentrale Treff- und Veranstaltungsort (siehe https://www.agathu.ch/).
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
die Friedensbewegung lebt! In diesen schwierigen Zeiten erhalten wir mehr Zuspruch als in den vergangenen Jahren – was uns sehr freut! Bei der DFG-VK gewinnen wir seit Monaten viele junge Menschen als neue Mitglieder, die den Kriegsdienst verweigern – weiter so!
Lasst uns also unseren Blick nach vorne wenden. Lasst uns mutig in die Zukunft blicken. Lasst uns unsere positiven Visionen definieren und den Weg zu ihrer Verwirklichung beschreiten! Lasst uns ein Deutschland schaffen, in dem tatsächlich alle Menschen gleich sind. In dem Respekt und Toleranz gelebt werden. In dem kein Mensch vor Verfolgung oder Armut bedroht ist! In dem Rechtsextremismus keine Stimme hat. In dem endlich wieder die Demokratie frei atmet.
Lasst uns ein Europa schaffen, das weltoffen ist. Das Geflüchteten und politisch Verfolgten aus anderen Ländern einen sicheren Aufenthalt ermöglicht. Das ihre Kultur und Religion als Bereicherung empfindet. Das Kriegsdienstverweigern und Deserteuren – beispielsweise aus Russland, Weißrussland, der Ukraine und der Türkei – Schutz vor Verfolgung bietet. Auch für KDVler Yurii Sheliazhenko, der in diesen Tagen in der Ukraine inhaftiert wurde.
Last uns eine Welt schaffen, in der Armut, Analphabetentum und Hunger, Menschenrechtsverletzungen, Kriege und Bürgerkriege mit den Mitteln der Gewaltfreiheit, der Gerechtigkeit und der Nächstenliebe überwunden werden.
- Unser Ziel ist die Zeitenwende der Zeitenwende!
Will die Menschheit in Zeiten existentiell gefährdender Kriege und der dramatisch voranschreitenden Klimakatastrophe überleben, müssen wir Destruktion und Dystopien mit aller Kraft entgegentreten. Indem wir unsere Visionen einer friedlichen und sozialen, gerechten und gesunden und damit besseren Welt Schritt für Schritt verwirklichen. Was wir dafür brauchen sind Optimismus und Mut – statt Aufrüstungswut!
Vielen Dank!
Quellen / Anmerkungen:
- [#1] "Sipri-Bericht: Militärausgaben schnellen nach oben", siehe BR24 vom 28.04.2025
- [#2] "Kriege, Bürgerkriege und zwischenstaatliche Konflikte weltweit bis 2024", veröffentlicht von Statista Research Department, 26.11.2025
- [#3] "Krieg in Israel und Gaza seit 2023", siehe
- https://de.wikipedia.org/wiki/Krieg_in_Israel_und_Gaza_seit_2023
- [#4] Aufruf "Friedensfähig statt Kriegstüchtig!" zum Ostermarsch 2026 in Freiburg
- [#5] "Deutschland viertgrößter Exporteur von Kriegswaffen – mit fatalen Folgen!", Pressemitteilung von Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!" vom 10.03.2026
- [#6] "Wie viele Flüchtlinge gibt es auf der Welt?", Zahlen des UNHCR, siehe https://www.unhcr.org/de/was-wir-tun/zahlen-im-ueberblick
- [#7] Siehe https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimawandel-copernicus-extremwett...
- [#8] "Die fossile Armee. Eine unterschätzte Emissionsquelle" von Maik Schluroff, siehe forum future economy 02/2026, S. 14 f.
- [#9] "Krieg im All" in DER SPIEGEL, 15/2026, S. 78 ff.
- [#10] Siehe https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/wie-geh...
- [#11] "Rolls-Royce Power Systems liefert weitere Panzerantriebe für die Bundeswehr"; www.swr.de vom 27.03.2026
- [#12] "Todesmaschinen vom Bodensee" in junge welt vom 21.05.2025, S. 12 f.
- [#13] Siehe https://knds.com/de/standorte und https://knds.com/en/subsidiaries/knds-deutschland-mission-electronics
- [#14] "Der Militär-Nachschub aus der Schweiz rollt", in Südkurier 18.03.2026
- [#15] "Abrüstungsverträge: Das weltweite Gefüge erodiert gefährlich" von Andreas Zumach, INFOsperber vom 03.04.3026
- [#16] Siehe https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2024/kw23-de-regierungsbef...
- [#17] siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Si_vis_pacem_para_bellum#:~:text=Si%20vis%...(vor)%E2%80%9C
- [#18] Bregman, Rutger: Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit, Hamburg 2021, S. 19
- [#19] „Europas Rolle für den Frieden in der Welt“, Konzept von „Sicherheit neu denken“ zum „Positiv-Szenario 2025 – 2040“ vom 01.01.2025; siehe https://www.sicherheitneudenken.de/media/download/variant/410614/positiv...
- [#20] „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenraketen“; siehe https://friedensfaehig.de/ und www.keine-raketen-nach-grafenwoehr.de
- [#21] [Siehe www.aufschrei-waffenhandel.de]
- [#22] Chenoweth, Erica und Maria J. Stephan: Warum ziviler Widerstand funktioniert. Die strategische Logik gewaltloser Konfliktbearbeitung, Baden-Baden 2024
- [#23] RüstungsInformationsBüro, RIB e.V., siehe www.rib-ev.de und Buchtipp: Grässlin, Jürgen: Wie Lichter in der Nacht. Menschen, die die Welt verändern. Ein Mutmachbuch, München 2024
- [#24] Siehe https://www.seebruecke.org/mach-mit/deutschland/baden-wuerttemberg/konstanz), https://www.seebruecke.org/sichere-haefen/haefen und https://www.konstanz.de/international/konstanz+ist+vielfalt/stadt+sicher...
Jürgen Grässlin ist Autor und Publizist und Bundessprecher der DFG-VK.