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Redebeitrag für den Ostermarsch Jagel am 3. April 2026
- Sperrfrist: 3. April, Redebeginn: 14 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
ich freue mich, dass ich auch dieses Jahr wieder eingeladen wurde, hier etwas zu Atomwaffen zu sagen.
Die Weltlage macht es dringlicher, dass auch die Bundesrepublik Deutschland den UN-Atomwaffenverbotsvertrag unterzeichnet. Etwa die Hälfte der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen geht voran und hat bereits unterzeichnet. Die 74 Vertragsstaaten übernehmen konkret Verantwortung für die Abschaffung der Atomwaffen, indem sie die Beschaffung, das Lagern und das Trainieren des Einsatzes von Atomwaffen verbieten und unterbinden und die Androhung zigmillionenfachen Massenmords ächten.
Und hier? – droht in diesem Jahr Politik von vorgestern: Die Stationierung von Mittelstreckenwaffen auf deutschem Boden, vereinbart vom ehemaligen Bundeskanzler zusammen mit dem ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Drohung gegen Russland. Aufrüstung. Zerstörung von Ressourcen und Vertrauen.
Die Drohung fällt zurück auf die Drohenden: Europa, insbesondere Deutschland, wird so zum Austragungsort kommender Kriege. Die Ideologie der Abschreckung kann nicht aufgehen, sie frisst ihre Kinder – vom Kriegsdienst bei der Bundeswehr über kaputtgekürzte öffentliche gemeinnützige Einrichtungen bis zum Mangel an sinnstiftenden, menschenfreundlichen Berufsperspektiven.
Der momentane Kanzler und der momentane französische Präsident fabulieren von einer Europäisierung der französischen Atomwaffen. Die alten Herren planen eine strahlende Zukunft für die heutige Jugend: gemeinsame Manöver mit französischen Atomstreitkräften, gemeinsame Finanzierung neuer französischer Atomwaffen und gemeinsame Entwicklung von fliegenden Trägersystemen der Atomwaffen. Alles im Namen der Abschreckung Russlands.
Ich hoffe sehr, dass der Jugend Völkerverständigung durch Jugendaustausch, Interrail und geförderte Auslandsaufenthalte mehr zusagt.
Dennoch. Ich bin immer wieder erstaunt, wenn ich auch mit jungen Menschen spreche, die von dieser Abschreckungsideologie gehört haben. Die meinen, das sei notwendig, damit „wir“ nicht angegriffen werden. Es gibt eine Angst, angegriffen zu werden. Zum Beispiel von russischer Seite.
Was machen „wir“ dann?
Die Politik der Abschreckung lässt da übrigens keinen Zweifel: Das „wir“ ist größer als gedacht. Wer angegriffen wird, geht gemeinsam mit dem Gegner in der gegenseitigen atomaren Vernichtung der gesamten Menschheit und des planetaren Lebens unter. Zweifel ausgeschlossen, vollkommen – eindeutig. Punkt.
Und was geht vorher?
Meine Gesprächspartner erhoffen sich: Wenn Atomwaffen, hier bei uns im Land abschussbereit gelagert sind, dann könnten „wir“ sicher sein oder hätten eine Chance, einen möglichen Angreifer abzuschrecken.
Und wie sieht der Gegner einen dann, frage ich?
Der wird doch, wenn Gespräche, Handelsbeziehungen und vertrauensbildende Zusammenarbeit passé sind, um so mehr Bedeutung den Tatsachen beimessen, also der als bedrohlich und aggressiv wahrgenommenen Aufrüstung in Waffen, Worten und Weltanschauung.
Worin unterscheidet sich eigentlich das Verständnis des Bundeskanzlers von internationaler Politik von dem Verständnis eines Menschen, der Beziehungsprobleme mit dem Messer lösen will?
Jugendliche erwägen sich bisweilen mit einem Messer auszustatten, weil sie die Sorge haben, sie könnten angegriffen werden, wenn sie abends unterwegs sind, allein oder auch tagsüber in der Gruppe.
Ein Kriminologe hat dazu sehr klar Stellung genommen und hat gesagt, das ist ein Irrglaube, zu glauben, wenn ich ein Messer dabei habe, dann könnte ich mich im Zweifelsfall verteidigen.
Und Verteidigung und Abschreckung wird auch so oft zusammen in eins gepackt. Das alleine ist ja auch schon merkwürdig.
Wogegen soll ich mich verteidigen? Gegen einen potenziellen Angreifer?
Und was passiert denn, wenn ich tatsächlich ein Messer bei mir trage? Schrecke ich damit wirklich jemanden ab? Wenn der andere ahnt, ich könnte ein Messer dabei haben, oder wenn der es sogar weiß, weil ich ihm das sage oder ihm das Messer zeige, heißt das wirklich, der andere greift mich dann nicht an, weil er denkt, oh, der könnte sich wehren, der könnte sich verteidigen, das könnte für mich gefährlich werden?
Wie soll das funktionieren?
Der Kriminologe sagt ganz klar, sobald einer ein Messer mit sich herumträgt, ist er eigentlich schon ein potenzieller Mörder. Denn sobald er sich verteidigt, bringt er jemanden um.
Und dann ist da die Frage: Verteidige ich mich dann, wenn ich angegriffen werde? Oder ist es sogar so, dass sobald ich Angst habe, ich könnte angegriffen werden, zum Beispiel ein anderer Mensch, der vor mir steht … Ich bin zum Beispiel der junge Mensch, der ein Messer in der Tasche hat. Ein anderer steht vor mir. Ich sehe, der hat auch irgendwie seine Hand an der Tasche. Ich habe Angst, oh, der könnte gleich sein Messer zücken. Der guckt auch mich bedrohlich an. Also lege ich auch die Hand an meine Tasche und bin griffbereit, um im Zweifelsfall, für den Verteidigungsfall, sofort mein Messer zu ziehen.
Was bedeutet das?
Ich habe Angst, angegriffen zu werden. Das heißt, ich bin in ständiger Angst, in ständiger Alarmbereitschaft.
Was macht das mit mir?
Das macht aus mir einen potentiellen Mörder, der andere umbringt, um nicht angegriffen zu werden.
An dieser Stelle beende ich den Exkurs, um für eine zivilisierende Politik einzutreten, denn als Jugendlicher habe ich nach erfahrener Gewalt und Gewaltandrohung daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass ich nicht zum Mörder werden will, mich nicht bewaffne, auf Dialog sowie Entwicklung von Person und Gemeinwesen setze und den Kriegsdienst an der Waffe verweigere, um nicht zum Mörder zu werden und mich für die Abschaffung der ultimativen Gewalt, der Atomwaffen politisch einsetze:
Zivilisierend ist der Ausstieg aus der gegenwärtigen Politik des selbstverständlichen Gebrauchs von Waffen und die Wiederaufnahme der ernsthaften Auseinandersetzung um Rüstungskontrolle und Abrüstung, d.h. „ob die Menschheit eher lernen kann, in einer bewaffneten Welt zu leben, ohne von den Waffen Gebrauch zu machen, oder in der Lage ist, sich im Weltmaßstab so zu organisieren, dass keine Gruppe Waffen braucht, haben will oder haben kann.“ so Gerd Krell zitiert in der Dissertation von Rolf Mützenich über „Atomwaffenfreie Zonen und internationale Politik“.
Zivilisierend ist der Ausstieg aus der sogenannten zivilen Nutzung der Atomenergie, um auch der militärischen Nutzung die materiellen Grundlagen zu entziehen. In Deutschland bedeutet das beispielsweise:
- die Brennelementefabrik in Lingen zu schließen,
- die Urananreicherung in Gronau zu beenden und
- aus der Forschung mit waffenfähigem Spaltmaterial in München Garching endgültig auszusteigen.
Zivilisierend ist der Ausstieg aus der sogenannten nuklearen Teilhabe an Atomwaffen. In Deutschland bedeutet das beispielsweise:
- die US-amerikanischen Stützpunkte, auf denen Atomwaffen gelagert werden, zu schließen,
- das Training von Atombombenabwürfen durch die Bundeswehr zu beenden,
- aus dem Kaufvertrag von F35-Atombombern auszusteigen und die Mittelstreckenwaffen nicht zu stationieren.
Zivilisierend ist der Ausstieg aus der Ertüchtigung für den dritten Weltkrieg gegen Russland. In Deutschland bedeutet das beispielsweise:
- die Schuldenbremse abzuschaffen, damit sinnvolle Arbeit, zivile Bildung, würdevolle Gesundheitsversorgung, gemeinwohlorientierte und umweltfreundliche Produktion und emanzipatorische Kultur gedeihen;
- die Konversion von Rüstungsbetrieben in zivile Produktion und Verbot und Verhinderung von Waffenexporten – insbesondere an Kriegsparteien und in Krisengebiete;
- die Sonderschulden zur Aufrüstung nicht auszugeben und stattdessen in der UNO über weltweite, gerne auch vollständige, Abrüstung ernsthafte Verhandlung anzufangen, um die notwendigen Mittel und Ressourcen für die Realisierung der UN-Nachhaltigkeitsziele freizumachen,;
- die Militarisierung der Jugend durch Kriegsdienst und Propagierung von Gewalt als Mittel der Wahl zu beenden und stattdessen die zivile Bearbeitung von Gewaltkonflikten zu entwickeln – das öffnet persönlich wie gesellschaftlich ganz neue Perspektiven.
Vielen Dank
Jochen Rasch ist aktiv bei ICAN.