Redebeitrag für den Ostermarsch Ellwangen am 4. April 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde, 

Vielen Dank für die Einladung, heute hier über das Wehrdiensterneuerungsgesetz, bzw. über die Reaktivierung der Wehrpflicht, sprechen zu können.

Was bedeutet dieses neu beschlossene Gesetz für junge Männer und für Reservist*innen?

Wie steht die deutsche Friedensgesellschaft/ Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen dazu?

Welche Unterstützung bieten wir an, wenn jemand sein Recht auf Kriegsdienstverweigerung gem. Artikel 4 Abs.3 des Grundgesetzes wahrnehmen will?

Am 1.1.2026 ist das Wehrdiensterneuerungsgesetz in Kraft getreten und richtet sich zunächst an Männer, Frauen und Personen anderen Geschlechts des Jahrgang 2008.  Sie erhalten ein Schreiben von der Bundeswehr, in dem mittels eines Fragebogens die persönliche Bereitschaft für den Wehrdienst abgefragt wird und auch andere persönliche Daten wie Körpergröße und Gewicht, Fitnesslevel, erreichte Bildungsabschlüsse, Sprachkenntnisse u.a. erhoben werden. Für Männer ist diese „verpflichtende Bereitschaftserklärung“, ebenso wie die Musterung ab dem 1. Juli 2027 obligatorisch. Wenn sie sich nicht beteiligen, werden sie mit einer Ordnungsstrafe belangt. Für Frauen und Personen anderen Geschlechts ist die Teilnahme freiwillig.

Man hofft insbesondere durch finanzielle Anreize möglichst viele Freiwillige für den Wehrdienst zu gewinnen: mit 2600 € Sold brutto und Zuschüssen zum Führerschein. Das Ziel sind 40000 freiwillige Soldat*innen zusätzlich im Jahr, damit im Jahr 2035 die Zahl von 260 000 aktiven und 200 000 Reservistinnen gem. den NATO-Fähigkeitszielen zur Verfügung stehen. Aktuell verfügt die Bundeswehr über knapp 185000 einsatzfähige Soldatinnen.

Schon jetzt drängen CDU/CSU und der Reservistenverband auf die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Der Präsident des deutschen Reservistenverbandes Patrick Sensburg äußerte sich dazu in der ARTE Sendung: kriegstauglich dank Wehrpflicht vom 4. Dezember 2025.

Er spricht von Masse und Material:  Wir brauchen Massen an Munition, Massen an Material und Massen an Soldat*innen, um deutlich zu machen: Ein Angriff auf Deutschland lohnt sich nicht …, aber auch, um im Kriegsfall eine ausreichende einsatzfähige Reserve zu haben.  Da gehe man von 1000 gefallenen und schwer verletzten deutschen Soldaten pro Tag aus.

Hier werden Menschen zur anonymen Materialmasse oder anders ausgedrückt zum Kanonenfutter erklärt. Im Spannungs- und Verteidigungsfall, den der Bundestag mit einer 2/3 Mehrheit und Zustimmung des Bundesrates beschließen kann, sind alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren zum Wehrdienst verpflichtet, wenn sie nicht verweigert haben.

Die DFG-VK lehnt die Wehrpflicht ab. Kriege sind unmenschlich, verursachen unendliches Leid und Verfeindung über Jahrzehnte hinweg.

Schon jetzt verschlingt die materielle Aufrüstung Milliarden und junge Männer werden zum Teil der Kriegsvorbereitung durch Erfassung und Musterung. Die Botschaft lautet: Ihr seid alle potenzielle Soldaten, wenn wir wollen, dann holen wir Euch. Wehrpflicht ist staatlicher Zwang und greift in die Selbstbestimmung junger Menschen ein.

Es sind von jeher ältere Generationen, die selbst nicht betroffen sind und über die Lebensplanung, die Gesundheit und letztendlich über das Leben der Jüngeren entscheiden wollen. Und es sind die Ärmeren, die nicht mit hochtechnologischem Know-how Drohnen über tausende von Kilometern steuern, sondern mit einfacher Ausbildung ums Überleben im Schützengraben kämpfen müssen. Während in den Bereichen Bildung und Klimaschutz, die für Zukunftsperspektiven der jungen Generation dringend notwendig    sind, Mittel gekürzt werden, stehen für die militärische Aufrüstung unbegrenzt Mittel zur Verfügung. Es gilt: whatever it takes, wie sich Bundeskanzler Friedrich Merz ausgedrückt hat.

Das lehnen wir ab und rufen Euch zur Kriegsdienstverweigerung auf. Gem. Artikel 4 Abs.3 des Grundgesetzes darf niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst gezwungen werden.

Setzt ein politisches Zeichen!

Stellt Euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin!

Gerade oder erst recht in unruhigen und unsicheren Zeiten ist die Suche nach diplomatischen Lösungen wichtig, um die Not zu wenden. Wer Frieden will, muss mit dem Feind sprechen, so wird der ehemalige israelische Außenminister, Moshe Dajan, von Erich Vad, Brigadegeneral a.D. der Bundeswehr zitiert. Wo bleibt die Suche nach Auswegen, jenseits von Gewalt, Macht und Tod?

Die DFG-VK hat auf Bundes, Landes- und Ortsebene ein Beratungsnetz aufgebaut, um alle Betroffenen bei der Kriegsdienstverweigerung zu unterstützen. Der Antrag kann von Zivilisten, Reservisten, Soldatinnen und Soldaten gestellt werden. Ich verweise auf www.verweigern.info. Es gibt vielfältige Möglichkeiten: die Einzelberatung in Präsenz, per Mail, telefonisch und die Videosprechstunde. In Heidenheim könnt Ihr immer am letzten Dienstag im Monat um 17:30 Uhr im Bürgerhaus vorbeikommen oder Euch über unsere Mail-Adresse melden. Ich habe auch einige Flyer dabei.

Stellt Euch vor, es ist Krieg, und keiner geht hin!

Wir brauchen eine Zeitenwende von der Zeitenwende, um wieder das Recht entgegen dem Recht des Stärkeren zu stärken. Der Pazifismus lehrt uns, dass wir die menschliche Fähigkeit zu Vernunft, Versöhnung und Liebe haben.

Vielen Dank.

Jutta Dorsch ist Sprecherin der Friedensgruppe/Ortsgruppe DFG-VK in Heidenheim.