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Redebeitrag für den Ostermarsch Hannover am 4. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde,
Wir erleben gegenwärtig die Auflösung der alten sogenannten Weltfriedensordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde. Die Säulen dieser Friedensordnung zerfallen. Zu diesen Säulen gehörte eine gewisse Solidarität, die in Geldern für humanitäre und Entwicklungshilfe ihren Ausdruck fand. In der letzten Februarwoche hatte Trump verkündet, dass die USA von nun an kein Cent mehr für humanitäre und für Entwicklungshilfe ausgeben werden. Damit entfallen geschätzte 45 % der weltweiten Hilfe für arme, Kranke, Verfolgte oder Flüchtlinge.
Jonas Kennedy hatte diese USAID 1961 im kalten Krieg gegründet als Mittel im Systemstreit. Durch Entwicklungshilfe und humanitäre Hilfe sollten die Völker für die USA und ihre Werte gewonnen werden. Heute bekämpfen die USA und Russland gemeinsam Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und demokratische Beteiligungsrechte. Die USA hatten diese Werte in den letzten Jahrzehnten zu verteidigen vorgegeben. Heute stehen diese Werte der Durchsetzung eigener Interessen und uneingeschränkter Machtentfaltung beider Großmächte im Wege. Unterstützt werden stattdessen Kampagnen und Wahlkämpfe rechtsextremer Parteien und Bewegung weltweit.
Auch die Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich durch einen Abwärtstrend bei zivilen Mitteln für globale Sicherheit aus. In den Jahren zwischen 2022 und 2025 ist der Haushalt für humanitäre Hilfe insgesamt auf ein Drittel geschrumpft. Als ehemal global zweitgrößter Geldgeber trägt Deutschland damit zur Krise der humanitären Hilfe bei und den gegenüber, das wissen Sie steigt und soll steigen. Der deutsche Wehritter, der deutsche Verteidigungs soll bis 2029 noch mal verdoppelt werden.
Ich finde es wichtig, dass unsere Empörung über die anhaltenden Verbrechen Russlands in der Ukraine uns nicht blind macht für diese Entwicklungen, die weit über den Ukrainekonflikt hinausgehen. Russlands Verbrechen müssen beim Namen genannt werden. Russland muss diesen Krieg beenden. Genauso wichtig finde ich, dass Frank-Walter Steinmeier den Angriff auf den Iran durch Israel und die USA völkerrechtswidrig genannt wird. Israel und die USA müssen diesen Krieg beenden.
Diese Auseinandersetzung mit den Kriegen, die uns aufgezwungen werden, darf aber nicht dazu führen, dass wir die Reduktion des Sicherheitsbegriffs auf das militärische nicht mehr wahrnehmen, die wir gegenwärtig allen Teil erleben. Ein großer Rückschritt gegenüber die Entwicklung in der Völkergemeinschaft der letzten Jahrzehnte.
Obwohl globale Menschheitsprobleme angegangen werden müssen und es angesichts von Klimawandel, Artensterben, Pandemien und Armut, Sicherheit in der Weltgemeinschaft nur gemeinsam geben kann, erleben wir eine Fixierung auf Aufrüstung. Neue Allianzen wären in dieser Situation nötig.
Ihr habt sicher die Rede von dem kanadischen Premier in Davos auch mitgekriegt, der für diese neuen Allianzen geworben und vorgeschlagen hat, dass die Mittelmächte mehr zusammenarbeiten müssen.
In ein in einer solchen neuen Allianz der Mittelmächte müsste der Grundfehler der UNO, nämlich die Dominanz der ehemaligen Kolonialmächte und der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs und die strukturelle Benachteiligung des globalen Südens aufgehoben werden. Und im globalen Süden, im globalen Süden besteht daran ein großes Interesse. Doch Deutschland verteidigt gegenwärtig nur zaudernd das Völkerrecht und ist selbst gefangen in der entfesselten Rüstungsdynamik. Sogar ein offenes Nachdenken über eigenen nukleare Kapazitäten hört man hin und wieder.
Das heißt, während die alte Sicherheitsarchitektur geschleift ist, ist das neue noch nicht sichtbar. Das kann Angst machen, das kann ein erstarren lassen, aber das kann auch dazu führen, dass wir auf die Suche gehen nach den Chancen und aktiv an dieser Gestaltung mitarbeiten, denn wir brauchen diese neuen Allianzen.
Wir brauchen ein Europa. Wir brauchen ein Deutschland, das nicht über militärische Verteidigung nur nachdenkt, sondern in soziale Sicherheit, in zivile Konfliktbearbeitung und in das Völkerrecht investiert.
Diese Notwendigkeit heißt für jede und jeden von uns an Widerstandsräumen zu arbeiten. Demonstration, Mahnwachen, Friedensgebete, Gesprächsrunde, Widerstandsräume sind nötig, in denen die Luft einer kommenden gerechten Ordnung in unter den Weltvölkern in die beschworene Alternativlosigkeit der Gegenwart hineinlegt.
Als Theologin blicke ich dabei natürlich in besonderer Weise auch auf die Kirche. Wirklich sein in diesen schwierigen Zeiten heißt im Beten reden und tun die Erwartung einer friedlichen Zukunft offen halten und vielleicht so mithelfen, diese Zukunft näher zu bringen.
Dieser Auftrag beinhaltet auch Widerspruch, wenn Geld und immer mehr Geld für Militär zur Verfügung gestellt wird. Mehr Waffen bringen nicht mehr Fried. Im Gegenteil.
Die entfesselte Rüstungsdynamik, die wir erleben, verhindert zivilen Fortschritt weltweit und in unserem Land.
Kirche sein in diesen schwierigen Zeiten beinhaltet auch ein deutliches Nein zur atomaren Bewaffnung, bedeutet Engagement dafür, dass Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nation beitritt und auch bei der anstehenden Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag für eine atomare Abrüstung eintritt. Leider ist in der neuen EKD, also in der Friedensdenkschrift der evangelischen Kirche in Deutschland eine Chance vertan worden, in diesem Sinne zukunftsorientierte Worte zu finden. Die Freiheit von den uns zuschnürenden Machtverhältnissen, in denen die Kirche gründet, bleibt die Denkschrift den Menschen schuldig, die in unserem Land Machtposition auf sich genommen haben und innehaben.
Kirche sein in diesen schwierigen Zeiten bedeutet aber auch Räume zu schaffen, in denen wir selbst den Ruf zur Umkehr aus unserer Gewaltgläubigkeit hören. Und meiner Erfahrung nach helfen dabei die Worte der biblischen Glaubensüberlieferung, auch wenn die alten Verheißung manchmal fremd in unseren Ohren klingen. Doch wir bekommen und wir brauchen Gegenbilder, die verhindern, dass wir selbst der Macht unmenschlicher Mächte annehmen, dass die in unserem Kopf immer mehr Raum bekommen.
Wenn wir in Hoffnungslosigkeit erstarren, dann kommt die Stimme derer, die uns vorangegangen sind nahe. Und wir hören, dass die Völker den Krieg verlernen und ihre Schwerter zu Ackergeräten umschmieden werden. Die Vision derer, die uns im auf dem Weg zu Frieden und Gerechtigkeit vorangegangen sind, sind eine Kraft, die uns zur Hilfe kommt. Bei mir z.B. stellt sich in letzter Zeit immer mal wieder die Stimme von Gustav Heinemann ein, der in der Zeit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik gesagt hat, die Herren der Welt gehen, unser Herr aber kommt.
Obwohl ich eine feministische Prägung habe und es mit dem Herrn nie so hatte, finde ich das tolle Worte. Denn die Zukunft gehört der Mitmenschlichkeit.
Die Zukunft gehört dem gemeinsamen Lernen, wie wir den Krieg verlernen.
Die Zukunft gehört nicht den selbsternannten Herren, die auf das Recht des Stärkeren setzen.
Danke euch.
Dr. Klara Butting leitet das Zentrum für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung an der Woltersburger Mühle in Uelzen.