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Redebeitrag für den Ostermarsch in Köln am 4. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde,
Ich bin froh, dass ihr heute hier seid.
Ich stehe hier als Abgeordnete. Als Sozialistin. Als jemand, die aus der Pflege kommt und auf Rettungsschiffen erlebt hat, was politische Entscheidungen für Menschen ganz konkret bedeuten. Aber vor allem stehe ich hier als Mensch, der sich weigert, das, was gerade weltweit passiert, als normal hinzunehmen.
Denn normal ist das nicht.
Normal ist nicht, dass die Welt seit zehn Jahren in Folge immer weiter aufrüstet.
Normal ist nicht, dass im vergangenen Jahr so viel Geld für Waffen ausgegeben wurde wie seit dem Ende des Kalten Krieges nicht mehr.
2,7 Billionen Dollar.
Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Vielleicht klingt das naiv. Aber wenn ich solche Summen höre, Summen, die so groß sind, dass man sie sich kaum noch vorstellen kann, dann wird mir übel.
Vor allem dann, wenn ich gleichzeitig sehe, wie Menschen nicht einmal das Mindeste vom Mindeste haben. Kein sicheres Essen. Kein Dach über dem Kopf. Keine medizinische Versorgung.
Keine Gewissheit, wie sie durch den nächsten Tag kommen sollen. 690 Millionen Menschen – das sind knapp jeder Zehnte auf dieser Welt – haben dafür gerade einmal zwei Dollar.
Und das Schlimmste ist: Das ist keine Naturkatastrophe. Das ist kein Versehen. Das sind bewusste politische Entscheidungen.
Entscheidungen, Menschen zu bewaffnen und sie gegeneinander in den Krieg zu treiben, statt für soziale Sicherheit, Würde und ein gutes Leben zu sorgen.
Und das Ergebnis sehen wir überall.
In der Ukraine, wo nach dem russischen Angriffskrieg tausende junge Menschen an der Front sterben. In Gaza, wo ein Völkermord stattfindet, während die Welt zuschaut. Im Libanon. Im Sudan. Und seit Ende Februar auch im Iran, ein direkter Angriff der USA und Israels. Ohne UN-Mandat. Ohne rechtliche Grundlage. Ein weiterer Angriffskrieg.
Überall dieselbe Logik. Gewalt statt Diplomatie. Eskalation statt Deeskalation. Stärke statt Recht.
Und Deutschland ist nicht Zuschauer. Deutschland ist Mittäter.
Deutschland genehmigt Waffenlieferungen an Israel, obwohl der Vorwurf des Völkermords in Gaza längst vor dem Internationalen Gerichtshof verhandelt wird.
Deutschland duldet, dass über Ramstein militärische Infrastruktur für die Angriffe auf den Iran bereitstellt. Von deutschem Boden. In unserem Namen.
Und wer nach außen das Recht bricht, bricht es nach innen auch.
Wer gegen den Genozid auf die Straße geht, wird niedergeknüppelt. Demonstrationen werden verboten. Der Palästina-Kongress in Berlin wurde gewaltsam aufgelöst. Und für manche reicht schon die Unterschrift unter einen offenen Brief, der dieses Menschheitsverbrechen benennt, um den Job zu verlieren. Hier in Köln musste ich letztes Jahr bei der Rheinmetall Entwaffnen Demo brutalste Polizeigewalt beobachten.
Auch das gehört zusammen.
Denn wer Kriege absichert, will keinen Widerspruch. Wer Gewalt nach außen legitimiert, hat kein Problem damit, sie genauso im Inneren anzuwenden.
Deshalb müssen wir über Sicherheit reden. Aber über echte Sicherheit.
Denn die große Lüge unserer Zeit lautet, dass mehr Waffen mehr Sicherheit bringen.
Für wen eigentlich.
Für Aktionär:innen von Rheinmetall vielleicht. Für Konzerne, die von Aufrüstung profitieren. Für diejenigen, die aus Angst Gewinne machen.
Aber nicht für die Menschen, die sich Sorgen machen, ob sie ihre Miete noch zahlen können. Nicht für Pflegekräfte, die längst am Limit arbeiten. Nicht für Arbeiter:innen, deren Werke auf Rüstungsproduktion umgestellt werden, damit Konzerne am nächsten Boom verdienen. Nicht für junge Menschen, denen man wieder beibringen will, Krieg als Normalzustand zu akzeptieren.
Sicherheit ist etwas anderes.
Sicherheit ist eine bezahlbare Wohnung. Ein funktionierendes Gesundheitssystem. Ein sicherer Arbeitsplatz. Zeit zum Leben. Eine Gesellschaft, in der Menschen füreinander da sind, statt gegeneinander aufgehetzt zu werden.
Und Sicherheit — das sage ich auch als Feministin — hat ein Geschlecht. Kriege werden von Männern beschlossen. Frauen, Kinder, queere Menschen tragen die höchsten Kosten. Sterben in ihnen. Fliehen vor ihnen. Und auch hier: echte Sicherheit ist Care, nicht Kontrolle. Ist Fürsorge, nicht Aufrüstung.
Das ist die Welt, für die wir kämpfen.
Und statt dieser Welt sollen auf deutschem Boden neue Mittelstreckenraketen stationiert werden. Eine neue Eskalationsstufe. Eine neue Runde in einer Spirale, an deren Ende niemand gewinnt.
Und wenn wir über Mittelstreckenraketen reden, müssen wir auch über das reden, was am Ende dieser Spirale steht. Atomwaffen. Die gibt es noch. Tausende davon. Einsatzbereit. Und die Welt hat sich daran gewöhnt — als wären sie ein normales Instrument der Politik.
Sie sind es nicht.
Es gibt einen internationalen Vertrag zur Ächtung von Atomwaffen — den AVV. Über 90 Staaten haben ihn unterzeichnet. Deutschland nicht. Die Bundesregierung verweigert sogar die Teilnahme als Beobachter.
Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, Atomwaffen als legitimes Mittel zu akzeptieren — statt sie zu ächten wie Chemiewaffen, wie Landminen, wie das, was sie sind: Instrumente der Auslöschung.
Wir fordern: Deutschland tritt dem AVV bei. Nicht irgendwann. Jetzt.
Unsere Jugend soll für den Krieg fit gemacht werden. Die Wehrpflicht wird wieder kommen.
Ich will was anderes für junge Menschen. Eine Ausbildung, die trägt. Sichere Arbeit. Eine Welt, die nicht in Flammen aufgeht, weil wir die Klimakatastrophe einfach komplett ignorieren. Die Chance, etwas aufzubauen — statt zu lernen, es zu zerstören.
Das ist die Zukunft, für die es sich lohnt zu kämpfen.
Ich habe auf Rettungsschiffen im Mittelmeer gearbeitet. Wir haben Menschen aus dem Wasser gezogen. Menschen, die alles zurückgelassen haben. Die ihre Kinder in Schwimmwesten gepackt und auf ein Boot gesetzt haben.
Sie sind geflohen, weil mächtige Staaten das Recht gebrochen haben. Weil Bomben gefallen sind — mit Waffen, die wir geliefert haben. Weil Ausbeutung und imperiale Kontrolle Realität sind.
Und dann haben wir sie nicht reingelassen. Wir sperren sie in Lager und schieben in Länder ab, in denen Verfolgung an der Tagesordnung ist.
Das ist die Konsequenz dieser Politik. Nicht abstrakt. Konkret. Mit Gesichtern.
Und jetzt kommt das Wichtigste.
Wir sollten nicht darauf vertrauen, dass die Mächtigen irgendwann von selbst die richtigen Entscheidungen treffen. Das werden sie nicht. Nicht von alleine. Denn zu viele von ihnen glauben an die falschen Logiken. Oder profitieren davon.
Wandel entsteht nicht, weil Politiker:innen eines Morgens aufwachen und vernünftig werden. Wandel entsteht, weil Menschen Druck machen. In Betrieben — wo gerade Werke auf Rüstung umgestellt werden und Arbeiter:innen das Recht haben zu sagen: nicht mit uns. In Schulen. In Nachbarschaften. Auf Straßen wie dieser hier.
Der Ostermarsch ist kein Ritual. Er ist ein Versprechen.
Das Versprechen, nicht wegzusehen. Nicht zu schweigen. Sich zu organisieren — überall, wo wir sind — und so lange Druck zu machen, bis die Politik keine andere Wahl mehr hat als einzulenken.
Keine Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden.
Keine Wehrpflicht.
Keine Kriege in unserem Namen.
Und eine Welt, in der Fürsorge mehr zählt als Kontrolle. In der Menschen mehr zählen als Profite. In der wir aufgehört haben, Sicherheit mit Waffen zu verwechseln.
Das ist möglich.
Aber nur, wenn wir es erkämpfen.
Danke.
Lea Reisner ist Abgeordnete des Deutschen Bundestages für die Partei "Die Linke" und lebt in Köln.