Redebeitrag für den Ostermarsch Kehl-Straßburg am 4. April 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

als ich diesen Text geschrieben habe, dachte ich mir: wahrscheinlich geht es nicht nur mir so. Und das obwohl das Thema, über das ich sprechen werde, vor allem die junge Generation betrifft, denn es geht um die Wehrpflicht.

Bereits seit dem ersten Januar dieses Jahres bekommen die gerade 18 gewordenen Jungs Post von der Bundeswehr, die sie dazu verpflichtet, sich ab dem 1. Juli 2027 einer Musterung zu unterziehen. Im November 2025 haben sich die SPD und die Union bereits auf die Möglichkeit zu einer Bedarfswehrpflicht geeinigt. "Sollte es am Ende nicht reichen bei der Freiwilligkeit, braucht es auch eine Verpflichtung", heißt es laut Tagesschau dazu von Jens Spahn und "Wer freiwillig dient, erhält rund 2.600 Euro brutto monatlich. Ab einer Verpflichtungszeit von einem Jahr wird ein Führerscheinzuschuss für Pkw oder Lkw gewährt" ist eine Formulierung aus den Koalitionspapieren.

Schön, dass uns jetzt Geld, unter anderem für den Führerschein, versprochen wird, wenn wir freiwillig zur Bundeswehr gehen, aber was nützt das, wenn dafür an anderen Stellen dafür richtig eingespart werden muss, zum Beispiel am öffentlichen Nahverkehr. Aber auch beim Straßenbau, in der Gesundheitsversorgung oder allgemein in der Infrastruktur. Komisch, dass man uns einerseits Sicherheit verspricht und dann andererseits in Krieg investiert, anstatt in den Sozialstaat. Viele Menschen in meinem Alter haben zum Beispiel Angst, sich fürs Studium oder auch für später keine Wohnung mehr leisten zu können, weil Wohnungsknappheit herrscht und die Mietpreise steigen. Und das, obwohl 2024 von der Ampel noch angekündigt wurde, dass 400.000 Wohnungen pro Jahr gebaut werden und 100.000 davon öffentlich gefördert sein sollen, wohingegen es aber nur knapp über die Hälfte geworden sind. Aber betroffen seien nicht nur die junge Generation oder die mit niedrigem Einkommen, sondern inzwischen die Gesellschaft als ganzes, sagt Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund. Kein Wunder, dass die Leute unzufrieden sind. Und das treibt sie rechten Parteien in die Arme, was wiederum unsere Demokratie gefährdet.

Sollte man sich da als Politiker nicht lieber erst um die Probleme kümmern, die wir bereits haben, um allgemein wieder ein Gefühl von Stabilität und Sicherheit zu vermitteln, bevor man von der jungen Generation verlangt, dass sie ihr Leben freiwillig aufs Spiel setzt um für fremde Interessen zu kämpfen?

Anscheinend liegt die Wehrpflicht nämlich tatsächlich nicht im eigenen Interesse von Schülerinnen und Schülern. Denn laut der Jugendbewegung „Schulstreik gegen Wehrpflicht“ haben bereits 55.000 Schülerinnen und Schüler ihre Meinung gegen die Wehrpflicht kundgetan. In einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung mit zwei Berliner Schüler*innen haben die beiden das Gefühl vieler Jugendlichen derzeit in wenigen Worten auf den Punkt gebracht: „Die Reichen wollen Krieg, die Jugend eine Zukunft. Ich sterbe nicht für Bonzen und deren Profite“. Auch an der Kontroverse um das Plakat eines 18 jährigen Demonstranten während eines Schülerstreiks gegen die Wehrpflicht mit der Aufschrift „Merz leck Eier“ zeigt sich klar, wie die künftigen „Freiwilligen“ den Erwartungen von Politikern gegenübersteht. Da helfen wohl auch die Bemühungen der Bundeswehr, an deutschen Schulen Werbung zu machen, nicht wirklich weiter. Vor allem einzelne Vorfälle, die bereits 2010 stattfanden wie, dass die Schülerinnen in einer Heeresflugabwehrschule versuchsweise mit Handfeuerwaffen schießen durften oder dass ihnen ein computeranimiertes Schieß-Kino zur Verfügung gestellt wurde, stießen auf berechtigte Kritik. So hat zum Beispiel die GEW den Aufruf „Schulen ohne Bundeswehr“ gestartet, nachdem die Schulen in Bayern durch das Gesetz zur Förderung der Bundeswehr in Bayern aus Juni 2024 zur Kooperation mit Jugendoffizieren aufgefordert wurden. Ich persönlich frage mich, was Bundeswehr mit Bildung zu tun hat und das Argument, dass das Thema Sicherheit und Verteidigung in den Schulen unterentwickelt sei und es um ein gesellschaftliches Signal, nämlich den klassischen Auftrag der politischen Bildung gehe, weshalb die Bundeswehr nicht bloß zur Nachwuchsfindung in den Schulen sei, wie ein Bundeswehrsprecher in der Süddeutschen Zeitung mitteilte, überzeugt mich überhaupt nicht. Stellt euch vor, ihr seid zwischen 15 und 17 Jahren alt, sitzt im Geschichtsunterricht und eure Lehrperson berichtet euch gerade über die schrecklichen Verbrechen aus dem ersten und zweiten Weltkrieg und auf einmal geht die Tür auf und die Bundeswehr kommt herein, um mit euch über die Verteidigung und Sicherheit von Deutschland zu reden. Meiner Meinung nach ist dieses Thema an Schulen deshalb unterrepräsentiert, weil es da nicht hingehört. Mit 15 Jahren sollte man sich auf die Schule und seine Hobbys konzentrieren können, ohne weitreichende Entscheidungen für seine Zukunft und sein Leben treffen zu müssen, auch wenn die Informationen natürlich ganz unverbindlich sind. Und auch als gerade 18 gewordener Jugendlicher sollte man nicht unter den Geburtstagswünschen einen Brief von der Bundeswehr finden. Mein Leben und das aller anderen ist ein angeborenes Recht und steht daher nicht zur Disposition für äußere Instanzen wie die Bundeswehr und gewisse Politiker, die entscheiden wollen, dass es jetzt an der Zeit ist, etwas fürs Volk zu tun. Daher mein dringender Rat an alle, die sich bereits mit dem Gedanken tragen: holt euch eure Kriegsdienstverweigerung. Auf der Seite der DFG-VK (verweigern.info) und des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben findet man dazu detaillierte Informationen.

Mein Fazit zu diesem Thema lautet: Ich möchte nicht für fremde Interesse sterben, genau wie die Mehrheit der Jugendlichen in Deutschland. Wir waren oder sind gerade noch Kinder und sollen bald den Dienst an der Waffe leisten. Das ist unfair. Und deshalb sagen wir nein zur Wehrpflicht. Erklärt der Bundeswehr, den Kriegsdienst zu verweigern, wählt für Demokratie und setzt ein Zeichen für Frieden.

Vielen Dank.

 

Lilly Gross ist aktive beim Friedenskreis der franz. Mennoniten.