Redebeitrag für den Ostermarsch in Mannheim und in Heidelberg am 4. April 2026

 

- Sperrfrist: 4. April, Redebeginn: ca. 14 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde des Friedens,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Schwestern und Brüder,

es ist Karsamstag, Ostermarschzeit, Friedenszeit. Wenn ich die letzten Jahre so beschaue, dann ist es in jedem Jahr, das wir zusammenkommen, drängender und nötiger geworden, für den Frieden einzutreten, weil sich die Kriege und Konflikte, das Töten und Morden, die Gewalt der einen über die anderen immer weiter ausbreiten und normal werden.

Deswegen ist es so nötig, dass wir kommen, dass wir uns nicht schrecken lassen, sondern mutig und klar sind und widerständig und dass wir sagen: Wir lassen nicht locker. Wir stehen für den Frieden. Wir stehen für das Leben der Menschen und gelebte Solidarität, wir stehen mit all unserer Kraft gegen die Normalisierung des Tötens und die unbeschränkte Machtausübung in dieser Welt.

Nun kann ja niemand sagen, dass dieses Töten in der Welt jemals nicht normal gewesen wäre. Die mächtigen Starken haben sich auch in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg schon immer das Recht herausgenommen, darüber zu entscheiden, wo Kriege gut sind und wo wir uns darüber zu empören haben. Ich erinnere dabei an Vietnam, an Afghanistan oder an den Kosovo. Ich erinnere an Irak und die Ukraine, immer wieder an Palästina und Israel. Ich erinnere jetzt an den Iran. Ich könnte noch so viele mehr nennen, wo die sog. Regelbasierte Ordnung nach den Interessen der Groß- und Regionalmächte ausgelegt oder einfach beiseitegeschoben wurde.

Aber was wir in den letzten Jahren erleben, ist noch einmal eine neue Dimension der Menschenverachtung und der Lüge. Die aber weicht zusehends einer eigenen Klarheit, die da heißt: Wir nehmen uns, was wir wollen. Wir setzen es mit Waffengewalt durch und wir sagen es auch. Der Verbrecher und Präsidentendarsteller im Weißen Haus in Washington und sein Bruder im Geist in Moskau nehmen mit ihrer jeweiligen Kamarilla ja kein Blatt mehr vor den Mund. Es zählt das Recht des Stärkeren und die Gewalt der Waffen. „Völkerrecht?“, sagen diese Leute. „Was ist das? Das interessiert uns nicht.“ Flankiert wird das von willfährigen Verbündeten wie der jetzigen Bundesregierung, die lange überlegen muss, was denn nun ein Völkerrechtsbruch ist und die sich letztlich feige aus der Verantwortung stiehlt.

Ein Recht aber ist nur so gut, wie wir es achten und hochhalten und wie wir vor diesem Gesetz alle gleich sind. Ganz egal, ob wir 20 Milliarden auf dem Konto haben oder vielleicht nur 2 Euro.

Wir aber wissen von diesem Recht und halten es hoch. Wir wollen das friedliche Zusammenleben und nicht den losgetretenen Krieg.

Ich habe neulich einen besonderen Satz gelesen. Er stammt von dem alten italienischen Philosophen und Kommunisten Antonio Gramsci. Er heißt in seiner populären Fassung: „Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.“ Was für ein Satz, nicht wahr? Ursprünglich aus dem Jahr 1930, in dem Gramsci im Gefängnis der italienischen Faschisten eingekerkert war, ist er heute erschreckend aktuell. Autoritärer Nationalismus, immer weiter zunehmender Druck auf die ausgebeuteten Klassen und die Normalisierung kriegerischer Gewalt gehen Hand in Hand und gestalten gerade eine Welt, die keine Regeln und kein Recht mehr kennt, die das Leben kleinhält oder es vollkommen willkürlich zerstört. Diese Monster fördern den Kampf aller gegen alle, wie er in unserem politischen und wirtschaftlichen System eh schon angelegt ist, in ein neues Extrem hinein.

Was aber können wir gegen diese Monster tun? Was können wir tun, dass wir nicht den Monstern die Gestaltung der Welt überlassen, sondern die Welt zu einem friedlichen und freundlichen Ort bringen? Was können wir tun, dass alle Menschen in dieser Welt frei, gleich und solidarisch miteinander leben und sich so auch als Menschen achten?

Manche behaupten, wir können es nur damit tun, dass wir uns für den Krieg wappnen, dass wir aufrüsten und die jungen Leute in unserer Gesellschaft, die eh die Lasten einer seit Jahrzehnten verfehlten Politik tragen, dass wir diese jungen Leute der Bundeswehr neu ausliefern. Manche behaupten, wir müssten für den Krieg bereit sein.

Das aber tut so, als ob der Krieg und sein Beginn ein unausweichlicher Fakt, ein Schicksal oder bestenfalls ein Zufall wäre. Das tut so, als ob Krieg einfach so geschieht.

Es ist genau diese Verführungskunst der Monster, die uns sagt, wir hätten keine andere Wahl. Ich aber sage: Wir haben immer eine Wahl. Wir haben immer die Möglichkeit zu fragen: Wem nützt denn diese Idee von der Aufrüstung? Wer hat ein Interesse am Krieg und, ja, wer verdient daran?

Zur Antwort reicht ein Blick auf die explodierenden Aktienkurse von Rheinmetall.

Das heißt aber auch: Krieg bricht nicht einfach aus, sondern Krieg wird gemacht. Krieg ist das Werk von Menschen gegen Menschen. Er ist das Werk derjenigen, die nicht hingehen müssen, die aber davon in einem Höchstmaß profitieren. Und dieses Werk muss gestoppt werden, bevor es beginnt. Wo nämlich Krieg ein Menschenwerk ist, da ist auch Frieden ein Menschenwerk.

Deswegen, liebe Freundinnen und Freunde, bauen wir am Frieden, einem Frieden, der im ganz Kleinen beginnt und zu einer großen Blüte wächst.

Ich mache diesen Friedensbau konkret und sage: Mit Krieg lässt sich dann kein Geld mehr verdienen; denn wir bauen endlich mehr bezahlbare Wohnungen statt Panzer. Wir bauen Schwimmbäder statt Raketen, Sonnen- und Windkraftanlagen statt Munition und einen funktionierenden Verkehr statt einer neuen Drohnenarmee. Wir sorgen für Arbeit, von deren Erträgen ich auch im Alter noch gut leben kann. Wir schaffen Regeln, die wirklich für alle Menschen gleich sind. Niemand wird von oben in den Dreck getreten. Wir schützen die Ausgebeuteten und die Schwachen und setzen sie ins Recht. Wir schaffen echte Demokratie in dieser Welt, die über die Parlamente hinausreicht, auch in den Betrieben und in den Wohnquartieren. Kurzum: Wir schaffen eine freie, gleiche, solidarisch-geschwisterliche Welt, in der nicht jede gegen jeden kämpft, sondern allein das Leben und die gute Zukunft zählen.

Wir brauchen eine neue Welt ohne Monster. Also müssen wir diese neue Welt bauen. Sonst kommt sie nicht.

Natürlich finde ich als Pfarrer da auch Anklänge an das morgige Osterfest. Ich weiß nicht, was und wie viel ihr vom christlichen Glauben haltet. Aber ich halte für mich fest: Mit Ostern feiern wir die Auferstehung und den Beginn einer neuen Welt des Lebens. Diese neue Welt kennt keine Gewalt nicht im Großen, nicht im Kleinen. Sie kennt allein das Miteinander und die Solidarität.

An dieser Welt möchte ich mit Euch allen und mit denen, die uns heute bei den verschiedenen Friedenskundgebungen verbunden sind, arbeiten.

Alles Träumerei? Ja, natürlich Träumerei. Aber wenn wir nicht träumen von einer anderen und besseren Welt und wenn wir uns nicht nach ihr ausstrecken und uns in allen Dingen um sie bemühen, dann haben wir aufgehört, Menschen zu sein.

Das aber sind wir. Wir sind Menschen. So sind wir gewollt und geschaffen. So leben wir auch. Das lassen wir uns nicht nehmen, sondern geben es weiter, dass wir ein friedliches, gutes, sicheres, freies, gleiches und solidarisches Leben in dieser Welt haben.

Danke, dass Ihr Euch mit auf den Weg macht. Frohe, gesegnete, friedliche Ostern Euch allen.

 

Max Heßlein ist Wirtschafts- und Sozialpfarrer bei den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt, Verkündigung (KDA) in Mannheim.