Redebeitrag für den Ostermarsch in Lübeck am 4. April 2026

 

- Sperrfrist 4. April, Redebeginn: ca. 14 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Für Frieden und Abrüstung – gegen Kriegsvorbereitung!

 

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde!

Ich freue mich, dass ich heute zu Euch, zu Ihnen sprechen darf,

dass wir uns hier gemeinsam zum Ostermarsch versammelt haben.

Vielen Dank für die Einladung und die Organisation!

„Für Frieden und Abrüstung – gegen Kriegsvorbereitung!“ ist das Motto des heutigen Ostermarsches. Ich bin als Mitglied er IPPNW gebeten worden, etwas zu sagen zur

Militarisierung des Gesundheitswesens

Aktuell wird in medizinischen Fachzeitschriften, in Krankenhäusern und auf Kongressen für die Kriegstüchtigkeit des Gesundheitswesens geworben, das sei wichtig für die Moral der Bevölkerung sowie der Soldaten und Soldatinnen.

Allerdings: Unsere Aufgabe als Ärzt*innen, Pflegekräfte und anderen im Gesundheitswesen Tätigen ist es, Leben zu retten – aber nicht, Kriegsvorbereitungen zu unterstützen.

Bedrohungspropaganda und Alarmismus begleiten die Regierungspolitik seit dem Jahr 2023. Egal ob wir gegen die Militarisierung im Gesundheits-wesen oder gegen Mittelstreckenwaffen protestieren, ständig müssen wir uns anhören, im Jahr 2029 könnte Russland uns überfallen - oder sogar viel früher.

Das ist Angstmacherei, um die Menschen auf höhere Verteidigungsausgaben einzustimmen.

Selbst die US-Geheimdienste kamen zu dem Ergebnis, dass Russland

„mit ziemlicher Sicherheit“ keinen direkten militärischen Konflikt mit den USA und der NATO will. Und die Greenpeace-Studie „Wann ist genug genug?“ lässt „keinen Zweifel an der … militärischen Überlegenheit der Nato.“

„Selbst ohne die Ausgaben der USA und unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kaufkraft bleibt das deutliche Übergewicht zugunsten der Nato bestehen.“

Im Kriegsfall wäre Deutschland sowohl Drehscheibe für NATO-Truppen als auch zuständig für verletzte Soldat*innen und Zivilpersonen. Die prognostizierten Patientenzahlen übersteigen alles, was wir von Katastrophen kennen.

Die Bundeswehr rechnet mit bis zu 1.000 verletzten NATO-Soldatinnen und Soldaten täglich, über Jahre hinweg. Die fünf Bundeswehrkrankenhäuser haben insgesamt 1.800 Betten – eine Kapazität, die in zwei Tagen erschöpft wäre. Das zivile Gesundheitssystem müsste einen erheblichen Teil seiner Ressourcen dem Militär zur Verfügung stellen. Dabei fehlt schon jetzt medizinisches Personal. Und Krankenhäuser werden geschlossen!

Im Frieden haben schwer Verletzte Vorrang, und es geht darum, Leben zu retten. In der Kriegsmedizin geht es darum, vor allem leicht verwundete Soldat*innen möglichst schnell wieder einsatzfähig zu machen.

Das missachtet die ärztliche Ethik, die Berufsordnung und auch die Genfer Deklaration aus dem Jahr 1948.

Letztlich müsste sich im Kriegsfall die Zivilbevölkerung verstärkt selbst helfen. Besonders dramatisch würden die Folgen bei einer atomaren Eskalation.

Was wären die Folgen einer Atombombenexplosion in Lübeck?

Bei einer Explosion über dem Holstentor mit der Sprengkraft von 15 Kilotonnen - das entspricht der Sprengkraft der Bombe, die über Hiroshima gezündet wurde - würden hier in Lübeck sofort 35.000 Menschen zu Tode kommen.

Es wäre mit nahezu 60.000 Verletzten in Lübeck zu rechnen, das wären jeder 3. bis 4. Einwohner. Es stehen in der Stadt aber weniger als 2.000 Krankenhausbetten zur Verfügung - bei knapp 60.000 Verletzten.

Ein großer Teil des Gesundheitspersonals wäre tot oder verletzt.

Die meisten Bombenopfer würden sich selbst überlassen bleiben.

Darum sagen wir als IPPNW:

Wir Ärztinnen und Ärzte werden Euch nicht helfen können!

Noch dieses Jahr sollen Mittelstreckenwaffen der USA in Deutschland stationiert werden. Sie werden unsere Welt nicht sicherer machen, im Gegenteil: sie zerstören das strategische Gleichgewicht. Die Gefahr eines Krieges und auch die Gefahr eines Atomkrieges in Europa werden zunehmen!

Diese Raketen, Marschflugkörper und Hyperschallwaffen sind eindeutige Angriffs- und Erstschlagwaffen. Sie können präzise tief in Russland ihre Ziele treffen, zum Beispiel russische Atomwaffen und Radare des russischen Frühwarnsystem zerstören.

Aus russischer Sicht geht es um die Gefahr eines Überraschungsangriffs und eines Enthauptungsschlags, mit dem die Führungsspitzen der Regierung ausgeschaltet werden könnten. Die Stationierung von Erstschlagwaffen macht Deutschland zu einem zentralen Angriffsziel.

Zum Schluss – Was tun?

  • Für Beschäftigte aus dem Gesundheitswesen habe ich eine Erklärung zur Unterzeichnung dabei, die „Erklärung für ein ziviles Gesundheitswesen“ mit der Ablehnung der Kriegsmedizin.
  • Gegen die Raketenstationierung ruft ein breites Bündnis zu Demonstrationen am 30. Mai auf, in Wiesbaden, der US-Kommando-zentrale, und in Grafenwöhr, am voraussichtlichen Stationierungsort.
  • Gegen die Bedrohungspropaganda wird aus Anlass des 85. Jahrestages des Überfalls auf die Sowjetunion eine Kundgebung am 20. Juni vor dem Brandenburger Tor in Berlin stattfinden.
  • Mit der Erinnerung an die Opfer soll ein Zeichen gegen Feindbilder gesetzt werden.

Ich danke Euch für Eure Aufmerksamkeit!

 

Ralph Urban ist aktiv bei der IPPNW.