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Redebeitrag für den Ostermarsch BaWü in Stuttgart am 4. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Zeigen, wofür wir stehen
Liebe Mitmenschen, liebe Friedenssuchende,
Wie wird Frieden? Auf diese Frage gibt es nur VIELE Antworten. Zum Beispiel diese:´Selbstrealistische Haltung
Moskau 1955. Die Verhandlungen über die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen hatten sich festgefressen. Der deutsche Kanzler Konrad Adenauer wollte gerade dem sowjetischen Präsidenten Nikita Chruschtschow die Verbrechen der Roten Armee in Deutschland um die Ohren hauen. Da fiel der mitgereiste Carlo Schmid, Vater unseres Grundgesetzes, seinem Kanzler wie folgt ins Wort. „Ich möchte vorausschicken, dass im Namen des deutschen Volkes am russischen Volke Verbrechen begangen worden sind wie vielleicht noch nie in der Weltgeschichte. Ich rufe darum nicht die Gerechtigkeit an, sondern die Großherzigkeit des russischen Volkes. Und wenn ich das tue, denke ich in erster Linie nicht an die Menschen, die noch hier zurückgehalten werden, sondern an ihre Frauen, an ihre Kinder, an ihre Eltern. Lassen Sie Gnade walten.“[1] Die Haltung Carlo Schmids öffnete die Tür. Kurz darauf waren die letzten noch lebenden deutschen Kriegsgefangenen freigelassen.
Wie wird Frieden?
Eine selbstkritische, vielleicht könnten wir auch sagen: selbstrealistische politische Haltung kann Großes bewegen. Viel mehr als die vielgepriesene „Sprache der Macht“. Was, wenn endlich wir Europäerinnen und Europäer den Hut für Verhandlungen mit der Ukraine aufsetzen würden – in einer Haltung, die weiß: Wir in Europa werden mit Akzent gehört, wenn wir „Völkerrecht“ und „Menschenrechte“ aussprechen. Eben mit dem westeuropäischen Akzent mit seiner Kolonial- und Weltkriegsgeschichte. Darum wissend tun wir gut daran, auch die Sicherheitsinteressen Russlands in den Blick zu nehmen. Moskau ist besessen von dem Thema „Sicherheitsinteressen“, zumal Putin als Kind Leningrads. Nie wieder Einkesselung, nie wieder Belagerung, nie wieder fremde Raketen vor der Haustür.
Das rechtfertigt nichts. Gar nichts. Keinen völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine und auch keine brutale Kriegsführung bei der hunderttausende junge Männer regelrecht verheizt werden und einer Zivilbevölkerung die Lebensadern abgeschnitten werden. Auch in Russland leiden viele. So falsch es also wäre, den russischen Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen, so verhängnisvoll war und ist es, die historisch bedingten Sicherheitsinteressen Moskaus zu ignorieren.
Ich stehe hier als Mitglied der Initiative „Aufbruch zum Frieden“[2], die sich in die politischen Debatten einmischt mit Perspektiven, die eine Alternative zu Krieg und Gewalt suchen. Voraussichtlich werden wir am 19. September im Hospitalhof einen Zukunftskongress veranstalten: Wie kann Frieden werden angesichts der geopolitischen Erosionen?
Ich stehe hier auch als Frau der Evangelischen Kirche und Mitglied der Initiative Christlicher Friedensruf, die im Mai letzten Jahres einen aufrüstungskritischen Impuls in die Debatten innerhalb der Evangelischen Kirche gab[3]. Ich verfolge ihre kirchenamtlichen Äußerungen mit Schmerzen, während ich mich am Friedensengagement von Papst Leo XIV in der katholischen Schwesterkirche freue.
Ostermarsch oder Vom Sieg der Liebe
Die Ostermärsche haben ihren Namen vom christlichen Osterfest, das wir morgen und übermorgen feiern. Das christliche Osterfest behauptet: Die Liebe, in der Jesus gelebt hat und gestorben ist, kann nicht ausgemerzt werden. Sie triumphiert über den Tod und lebt weiter in allen, die leiden und in allen, die aufstehen gegen die Todesmächte. Deshalb protestieren wir als OSTERmarsch gegen die massenhafte Inkaufnahme von Toten, Traumatisierten, Verstümmelten, Verwaisten, die die aktuellen Kriege tagtäglich produzieren. Sie schmerzen uns. Wir verbinden uns mit ihnen: in der Ukraine, in Russland, in Israel, in Gaza, im Westjordanland, im Libanon, im Iran, im Sudan, im Kongo – und an so viel weiteren Orten dieser Erde. Schweigen Mit ihnen im Blick stehen wir dafür, dass es sich immer lohnt und unbedingt erforderlich ist, Alternativen zu suchen zur Sprache der Waffen. Wir dürfen auf keinen Fall nur die Waffen sprechen lassen!
Protest
Konkret protestieren wir gegen die Anheizung der Rüstungsspirale durch ständig weiter gesteigerte Bedrohung des Gegners. Dazu gehört der Protest gegen die Aufstellung von Mittelstreckenraketen auf deutschem Boden mit ihrer wahnwitzig kurzen Vorwarnzeit und der einhergehenden Gefahr, dass ein Krieg durch Fehlalarme ausgelöst wird und dass wir bevorzugtes Angriffsziel wären. Dazu gehört auch der Protest gegen die nukleare Aufrüstung und die Vorstellung, ein Atomwaffeneinsatz auf dem Gefechtsfeld wäre nicht so schlimm – wo doch jeder Tabubruch eines Atomwaffeneinsatzes eine Eskalation sehr wahrscheinlich macht und eine Auslöschung zumindest Mitteleuropas droht. Unterschreiben wir den Atomwaffenverbotsvertrag! Drängen wir auf Umsetzung der humanitären Völkerrechtspflicht, atomar abzurüsten!
Zielrichtung
Und wofür stehen wir? Nur wenn wir glaubwürdig für friedvollere Alternativen stehen und diesen eine Kontur geben können, werden Andersdenkende uns zuhören. Wir stehen für eine klar defensiv ausgerichtete Wehrhaftigkeit. Defensive Rüstung zeigt sich im Engagement für Rüstungskontrollverhandlungen. Und es gibt Konzepte strikt defensiver militärischer Landesverteidigung aus den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es ist das mindeste, sie zum Leben zu erwecken und in unsere KI- und Drohnenzeit mit ihren ja ganz anderen Herausforderungen zu transformieren.Und es gibt Konzepte zivilen Widerstands und sozialer Verteidigung. Sie müssen Teil unserer Landesverteidigung werden, wie das in Litauen der Fall ist, wo die Mobilisierung und Organisation des zivilen Widerstands neben der militärischen Verteidigung zum Verteidigungsplan gehören. In Litauen hat das Geschichte. Die Litauische Regierung hat in der zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts nach jahrelangem blutigen Guerillakrieg gegen die Sowjets die Bevölkerung systematisch ermutigt, gewaltfrei zu bleiben gegenüber den Sowjets, den Film über Gandhi flächendeckend verbreitet und mit Friedensaktivisten eine nationale Verteidigungsstrategie entwickelt. 1991 zeigte sich Erfolg: Litauen wurde unabhängig.
Befähigung zum Zivilen Widerstand stärkt die Resilienz der Bevölkerung – und nicht ein Operationsplan Deutschland, der sich Kriegsszenarien ausdenkt und zeit- und geldaufwändig Strukturen im Top-Down-Prinzip aufbauen will.
Frieden sichtbar machen
Wir können aktiv werden. Wir können Workshops zur Sozialen Verteidigung organisieren und selbst Teil davon werden. Dabei brauchen wir Nahrung aus Geschichten zivilen Aufstehens. Eine wunderbare Möglichkeit, Geschichten von anderen zu hören, ist der Peace Walk4, der am 31. Januar in Spanien startete. Die Initiative dafür kommt von palästinensischen und israelischen Friedensstiftern. Der Weg führt von Dorf zu Dorf bis er im Mai/Juni 2027 in Jerusalem enden wird. Er führt durchs Ländle. Am 14.6. erreicht er von Besigheim herkommend Marbach, dort ist am 15.6. Ruhetag, am 16.6. geht’s weiter bis Waiblingen, am 17.6. nach Esslingen und dann weiter nach Remshalden – Rüdershausen-Schwäbisch Gmünd. Menschen aus israelisch-palästinensischen Friedensorganisationen möchten hier Friedensstifter an der Basis treffen, sie unterstützen und von ihnen lernen, Wunden zu heilen, Gräben zu überwinden und sich für eine gemeinsame Zukunft einzusetzen. Siehe homepage Peace Walk.
Lasst uns weniger Zeit vor unseren Bildschirmen verbringen und stattdessen sichtbar machen, für welches Leben wir stehen. Lasst uns die Lähmung durchbrechen, die uns selbst und andere angesichts der Trostlosigkeit der Nachrichten immer wieder überfällt. Lasst uns bauen an Netzwerken – auch ganz konkret in unseren Sozialräumen und dort Konflikte konstruktiv bearbeiten und füreinander sorgen. Dann spüren wir selbst und vermitteln es anderen: wir Menschen in der Zivilgesellschaft sind stark und können viel – und das ist so viel mehr Leben als sich ängstlich gelähmt unter einen vermeintlichen Waffenschutzschirm zu setzen, der uns finanziell und gedanklich die Basis fürs Zusammenleben entzieht.
Ich möchte schließen mit dem Motto des Peace Walks: „Let’s learn what it takes to be part of a more peaceful world!“
Danke für’s Zuhören!
Anmerkungen:
- [1] Heribert Prantl, Den Frieden gewinnen. Die Gewalt verlernen, München 2024 S. 29.
- [2] https://www.aufbruch-zum-frieden.de
- [3] https://friedenstheologie-institut.jimdofree.com/praxisfelder/friedenssy...
- [4] https://peacewalk.info/
Dr. Susanne Edel ist aktiv beider Gruppe "Aufbruch für den Friede".