In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für den Ostermarsch Würzburg am 4. April 2026
- Es gilt das gesprochene Wort -
Warum Ostermarsch 2026?
Guten Tag zusammen!
Friedensfähig oder kriegstüchtig?
Liebe Leute, warum sind wir hier?
Weil uns die Antwort auf diese Frage wichtig ist!
Und die lautet: nein, nicht kriegstüchtig, sondern friedensfähig! Es geht um Diplomatie und Gerechtigkeit, statt Aufrüstung und Sozialabbau!
Wie gut, dass ihr mit dieser Haltung hier seid!
Wie ist die Situation?
- Nahezu täglich erreichen uns neue Schreckensmeldungen.
- Zu allen Übeln ist jetzt noch der Iran-Krieg hinzugekommen.
- Das Völkerrecht wird einmal mehr in die Tonne gekloppt.
- Die Rüstungsindustrie jubelt.
- Das, was bisher als militärische Sicherheitsarchitektur in Europa galt, ist brüchig geworden.
- Kriegstüchtigkeit wird als gesellschaftliches Motto ausgegeben.
- Der Bundestag hat für den Klimakiller Militär unbegrenzte Geldmittel zu Verfügung gestellt.
- Klimaschutz ist bestenfalls „nice to have“.
- Obszöner Reichtum nimmt weiter zu - aber gegen Migranten und den Sozialstaat wird gehetzt.
- Wir erleben wie in den USA mit der Abrissbirne Demokratie zerstört wird; und eine hiesige braune Partei, mit einem allzu schlecht sitzenden blauen Mäntelchen, sieht darin für sich ein Zukunftsmodell.
Und wir? Wie geht es uns mit all´dem?
Bescheiden…
Mancher mag sich im Bett lieber wieder die Decke über den Kopf ziehen, wenn er morgens die ersten Nachrichten hört. Andere gehen innerlich in Fundamentalopposition. Dann scheinen die Dinge wenigstens übersichtlich zu sein. Doch viele von uns erleben sich zerrissen zwischen all´ den Spannungsfeldern und schwierigen Fragen. Ein Zustand der schwer auszuhalten ist.
Ja, und natürlich gibt es Zukunftsangst! Die hat ja auch Gründe.
Aber zum Glück lässt sich die Empörung nicht unterdrücken, falls es uns gelingt einen klaren Gedanken zufassen.
Die Situation schreit nach Empörung und Engagement!
Deswegen sind wir hier! Menschen die sich für Frieden und Gerechtigkeit engagieren sind wichtig.
Aber wer den herrschenden Diskurs infrage stellt, wird schnell als Spinner abgetan. Das ist auch nachvollziehbar, denn Militarisierung und Sozialabbau brauchen Feindbilder.
Deswegen gerät die Zivilgesellschaft, die den Finger in die Wunde legt, unter Druck:
- Da ist von der 5. Kolonne Putins die Rede,
- die Gemeinnützigkeit von NGO´s wird infrage gestellt
- oder Demokratieförderprogramme werden zusammengestrichen.
Ich brauche garnicht zu sagen, wer der Nutznießer ist…
Die Ostermärsche entstanden Ende der 50er Jahre als Protest gegen die atomare Bewaffnung.
Das ist bis heute ein zentrales Anliegen der Ostermarschbewegung.
Damals wie heute wird uns atomare Abschreckung als Friedenssicherung verkauft. Damals wie heute heißt es, der Tanz auf dem atomaren Vulkan werde schon gut gehen. Mit der dreisten Behauptung zu einem atomaren Inferno werde es gerade wegen der Abschreckung nicht kommen!
Ja, wir protestieren gegen die ungezügelte Aufrüstung, gegen Kriegstüchtigkeit.
Aber eigentlich ist es ein „Für“! Ein Engagement für einen Ausstieg aus der Kriegslogik und für Friedenslogik (ein inzwischen in der Friedensbewegung ja differenziert ausgearbeitetes Konzept).
Und wir befinden uns dabei in respektabler Gesellschaft:
Das Grundgesetz!
Das Grundgesetz spricht in seiner Präambel davon, das deutsche Volk sei „von dem Willen beseelt [..] in einem vereinten Europa dem Frieden in der Welt zu dienen“! - Was für ein Satz auch heute!
In Artikel 20 ist das Sozialstaatprinzip festgeschrieben und in Artikel 20a heisst es: „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen…“ - Der Satz müsste Frau Reiche eigentlich in den Ohren klingeln.
Und weiter in Artikel 25 “Die allgemeinen Regeln des Völkerrechts sind Bestandteil des Bundesrechts. Sie gehen den Gesetzen vor…“.
Ob diese Regeln auch für den US Stützpunkt in Ramstein gelten?
Ja, liebe Leute, es geht um uns!
Um unser Zusammenleben und die Rechte von uns allen, von allen die hier leben;
Und es geht auch darum uns gegenseitig zu ertragen – auch wenn das manchmal schwierig ist.
Aber das ist der wichtige Unterschied zum Menschenbild des Rechtextremismus. Der kennt Menschen 1. Klasse und 2. Klasse. Und Menschen 2. Klasse können fundamentale Rechte verweigert werden.
Was ist unsere Aufgabe?
Ja, wir sollten klar und vernehmlich auftreten, uns einmischen.
Vieles ist empörend und schreit zum Himmel. Doch wenn wir nicht aktiv sind, dann kann der Himmel erst recht nix machen!
Aber wir sollten auch aufpassen. Gerade Kriege polarisieren und engen die Wahrnehmung ein. Das führt zu Schwarz-Weiß-Denken und wechselseitiger Feindwahrnehmung. Und das kann ansteckend sein – auch bei uns.
Empörung kann auch blind machen. Wenn wir glauben etwas als Propaganda entlarvt zu haben, ist deswegen noch lange nicht das Gegenteil richtig. Einfache Einschätzungen erscheinen auch uns leicht verlockend. Differenzierungen wahrzunehmen und auszuhalten ist mühselig, aber doch auch nötig.
Manchmal ist es gut, wenn ich mich am, Kopf kratze und nach den Motiven der anderen Seite frage. Und sinnvolle Kompromisse können trotzdem ätzend zu ertragen sein.
Auch wir hier sind politisch und auch friedenspolitisch verschieden. Das ist auch gut so. Wichtig ist, dass wir Differenzen anerkennen und dennoch eine gemeinsame Orientierung haben. Es geht um einen Ausstieg aus der Kriegslogik und um friedliches Zusammenleben.
Aber es ist auch aus einem anderen Grund noch wichtig, wie wir miteinander umgehen. Wir werden durch den erstarkenden Rechtsextremismus eine weitere Verschärfung des gesellschaftlichen Klimas erleben; mit mehr Druck auf Migrantinnen und Migranten, kritische Menschen und überhaupt die Zivilgesellschaft. – Siehe Minneapolis!
Deswegen ist es wichtig bedrohte Menschen so gut wie möglich zu unterstützen – aber auch mit uns gut umzugehen! Beides ist eine Form von „Care-Arbeit“, die wir noch weiter entwickeln müssen!
Denn die Welt, um die es uns geht, ist nicht aus Hass und Vereinfachung gemacht, sondern aus einem kampfesfreudigen, selbstkritischen und fürsorglichen Engagement, einem Engagement für Frieden, Gerechtigkeit und Demokratie!
Dr. Thomas Schmelter ist aktiv bei der Gruppe Ökopax in Würzburg.