Redebeitrag für den Ostermarsch Alpirsbach am 4. April 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Warum Geschichtsvergessenheit tödlich sein kann.

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

am 9. August 1942 wurde in der Petersburger Philharmonie – damals Leningrad – Schostakowitschs 7. Symphonie uraufgeführt. Es war ein besonderes Konzert, denn es wurde über Kurzwelle weltweit übertragen. Selbst in den USA konnte man es hören, nicht nur Schostakowitschs Musik, sondern auch das Artilleriefeuer und das Bombardement der Deutschen. Hitler hatte den Befehl gegeben, Leningrad auszulöschen. Er ließ alle Versorgungswege nach Leningrad blockieren, warf über 100.000 Brandbomben auf die Stadt und wollte die Zivilisten in den Hungertod treiben. Die Belagerung dauerte von September 1941 bis Januar 1944. Gegen Ende der Belagerung gab es in Leningrad keine Ratten mehr, keine Hunde, keine Katzen und keine Krähen. Die Menschen aßen selbst Klebstoff und Tapetenkleister.[1] Über eine Million Zivilisten der Stadt verhungerten. Insgesamt kamen durch das Unternehmen Barbarossa zwischen 25 Mio. und 27 Mio. Sowjets ums Leben. In Russland hat man das nicht vergessen. Gorbatschow hatte das nicht vergessen, Jelzin nicht und schon gar nicht Putin.

Denn Putin ist ein Kind Leningrads. Ein Großteil seiner Verwandtschaft starb durch den deutschen Hungerterror, seine Mutter hat schwer gezeichnet den dtsch. Belagerungsring überlebt, sie verlor in dieser Zeit aber ihr erstes Kind.

Dem kürzlich verstorbenen Sozialdemokraten Jürgen Habermas verdanken wir den Satz: „Jede Obsession hat lebensgeschichtliche Wurzeln.“[2]

Moskau ist besessen von dem Thema „Sicherheitsinteressen“. Nie wieder Einkesselung, nie wieder Belagerung, nie wieder fremde Raketen vor der Haustür.

Richtig ist aber auch: Eine Obsession rechtfertigt nichts. Gar nichts. Keinen völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine und auch keine brutale Kriegsführung bei der hunderttausende junge Männer regelrecht verheizt werden.So falsch es also wäre, den russischen Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen, so verhängnisvoll war und ist es, die historisch bedingten Sicherheitsinteressen Moskaus zu ignorieren. Unmittelbar nach dem Mauerfall war den Verantwortlichen in Deutschland und den USA die zentrale Bedeutung dieses Themas bewusst.

Beim ersten Treffen von Gorbatschow und Präsident Bush in Malta, im Dezember 1989, sprach Bush dieses Thema unmittelbar an und Gorbatschow insistierte, was immer nun geschehen würde, eine Nato-Ost-Erweiterung dürfe es auf keinen Fall geben. Sofort kam die Zusicherung des Westens, „not one inch“.[3] Keinen Zoll nach Osten, eine Formulierung, die dann in den Verhandlungen zur Beendigung des Kalten Krieges ständig wiederholt wurde: Vom amerikanischen Außenminister, von Hans-Dietrich Genscher und von Helmut Kohl und vielen anderen.

Als Kohl am 10. Februar 1990 erstmals direkt mit Gorbatschow verhandelte, war ihm der Stellenwert der russischen Sicherheitsinteressen bewusst. Kohl kam unverzüglich darauf zu sprechen und sagte, man könne nun viele besprechen, aber er, Gorbatschow, müsse das ja seinen Landsleuten erklären und diese würden sich an das Schicksaal ihrer Väter und Brüder erinnern.

Kohls Sensibilität, an das Grauen des Zweiten Weltkrieges zu erinnern[4], öffnete die Tür zur Wiedervereinigung und half mit, den Kalten Krieg zu beenden.

Nach diesem Gespräch in Moskau trafen sich Kohl und Bush in Camp David in den USA. Kohl wollte wissen, wie man nun umgehen solle, mit alle den Versprechen.

Zum Erstaunen von Kohl erklärte Bush: „To hell with it“- Zur Hölle damit, wir haben den Kalten Krieg gewonnen und lassen uns den Sieg nicht mehr entreißen. Die USA würden auf jeden Fall in Deutschland bleiben, das sei für die Sicherheit der USA notwendig – es ging nie darum Deutschland zu beschützen – und auf gar keinen Fall dürfe es eine Friedensdividende geben. Kohl war vor den Kopf gestoßen und Bush erklärte, Kohl müsse jetzt eben tief in die Tasche greifen.

Tatsächlich tauchten die vielen Zusagen, die Nato nicht zu erweitern, nicht in den Zwei-Plus-Vier-Verträgen auf, Gorbatschow war empört, rief bei Kohl an und erklärte, wir Russen sind da wohl in eine Falle getappt – Kohl beruhigte ihn und griff tief in die Tasche und machte einen Milliardenkredit locker. Man sprach später vom teuersten Kanzlertelefonat jemals.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Die amerikanische Rüstungsindustrie gründete das Komitee zur Nato-Ost-Erweiterung, denn es war klar, dass damit sehr viel Geld zu verdienen sei, Mitte der 90er Jahre beschloss der US-Kongress die NATO-Erweiterung nach Osten – wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt als in den östlichen Ländern niemand von russischer Bedrohung sprach, sondern davon, dass diese nun vorbei sei. Die Russen packten ja ihre Koffer, räumten Kasernen und zogen Panzer und Raketen ab.

In Deutschland und Europa war viel von einem gemeinsamen Haus Europa die Rede. Von einem Wirtschaftsraum von Vladi Wostock bis Lissabon, von Sicherheitspartnerschaft mit Moskau. Davon wollten die USA nichts wissen. Sie wollten die Gunst der Stunde nutzen, Amerika endgültig als einzige und letzte Weltmacht zu etablieren. Bereits 1992 berichtete die NYT von der sog. Wolfowitz-Doktrin, wonach nun sichergestellt werden müsse, dass weder in West-Europa noch in Asien oder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion eine rivalisierende Macht entstehen könne. Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski, veröffentlichte sein einflussreiches Werk: Amerikanische Vorherrschaft und ihre geopolitischen Voraussetzungen. Kernthese darin: Die USA müssten die Ukraine beherrschen, dann könne Russland sich nie wieder zu einer Großmacht entwickeln. Brezinski schlug vor, Russland zu zerschlagen und in mehrere Teilstaaten zu zerlegen.

Ein Vorschlag, der im Mai 2024 von der Außenbeauftragten der EU Kaja Kallas aufgegriffen wurde – was natürlich zu scharfen Protesten aus Moskau führte. Fr. Kallas erklärte: „Die Niederlage Russlands wäre keine schlechte Sache, dann könnten mehrere kleinen Staaten entstehen, statt eines großen Staates.“[5] Antwort aus Moskau: Mit dieser Frau werden wir niemals verhandeln.[6]

Gegen diese Strategie der US-Amerikanischen Vorherrschaft - man kann auch sagen, „Weltherrschaft als Politikziel“ – gab und gibt es auch in den USA massive Einwände und Proteste.

Die gesamte Elite amerikanischer Außenpolitik, ehem. Minister, CIA-Chefs, Diplomaten, Abrüstungsexperten, über 60 Fachleute schrieben an Clinton, die Politik der Nato-Osterweiterung sei ein historischer Fehler, der die Demokratisierung Russlands beenden würde und Europa destabilisieren. Ähnliche Warnungen kamen von Roman Herzog, Erhard Eppler, Antje Vollmer, Horst Teltschik, Herta Däubler-Gmelin und vielen anderen. Sie schrieben gemeinsam einen offenen Brief mit der Überschrift: „Krieg in Europa – nicht in unserem Namen“[7]. Kernthese des Briefes: Wenn wir die Sicherheitsinteressen Russlands nicht ernst nehmen, wird es Krieg geben. Die Autoren wussten, was wir Russland im 2. WK angetan haben. Sie wussten, dass Obsessionen, lebensgeschichtliche Wurzeln haben und dass sie – ob sie einem passen oder nicht – dass sie beachtet werden müssen.

Das US-Ziel, einzige und letzte Weltmacht zu sein, kollidiert mit historisch begründeten russischen Ängsten. Wahrscheinlich hätte der russische Überfall auf die Ukraine verhindert werden können, wenn der Westen bereit gewesen wäre, genau darüber nachzudenken und zu verhandeln.

Der Krieg hätte wahrscheinlich bereits im Mai 2022 beendet werden können, wenn die sog. Istanbul-Verhandlungen nicht von England und den USA gestoppt worden wären. Und wahrscheinlich wäre es aktuell möglich, durch Verhandlungen diesen Krieg zu stoppen.Das amerikanische Quincy-Institut, ein Think-Tank, der von Militärs und CIA-Leuten gegründet wurde, allerdings von Leuten, die sagten, so etwas wie der Irak-Krieg darf nie wieder geschehen, gilt als absolut verlässliche, seriöse und sehr gut informierte Quelle. Der Chef des Institutes, George Beebe, war über viele Jahre Leiter der Abteilung Russlandanalyse innerhalb der CIA.

Laut Quincy-Institut hat die russische Seite inzwischen viele Zugeständnisse gemacht[8]: Ja zum EU-Beitritt der Ukraine, ja zu einer 800 T Mann starken Armee der Ukraine, das wäre dann die größte Europas, aber nein zum Nato-Beitritt und nein zu englisch-franz. Truppen in der Ukraine. Das ist angeblich der aktuelle Knackpunkt. Der Verzicht auf Nato-Truppen in der Ukraine wäre, so das Quincy-Institut, der Schlüssel zur Beendigung des Krieges.

Sicher ist das nicht. Aber die Frage ist doch, warum versuchen wir nicht darüber zu verhandeln? Warum gibt es keine eigenständigen europäischen Verhandlungsinitiativen? Warum überlassen wir dieses Feld einem narzisstischen Autokraten im Weißen-Haus? Warum schauen wir zu, wie Monat für Monat Tausende Sterben? Warum versuchen wir es nicht wenigstes, auf der Basis von russischen Sicherheitsinteressen eine Lösung zu finden? Eine Lösung, die selbstverständlich eine selbstbestimmte Ukraine zum Ziel haben muss.

Putin ist schuld an diesem Krieg. Aber wir tragen eine Mitverantwortung dafür, dass er nicht verhindert worden war und jetzt nicht beendet wird.

Das amerikanische Streben nach Weltherrschaft führte nicht nur zu diesem Krieg, sondern auch zum völkerrechtswidrigen Angriffskrieg auf den Iran.

Auch dieser Krieg hätte durch Verhandlungen verhindert werden können. Viele sagen jetzt, das Völkerrecht passt eben nicht mehr in die Zeit. Es sei überholt. Sie vergessen dabei, dass der Iran überhaupt erst durch die Verletzung des Völkerrechts unter die Herrschaft der Mullahs kam. Wäre Mohamad Mossadegh 1953 nicht vom Westen weggeputscht worden, hätte sich der Iran völlig anders entwickelt. Auch die Frage der Atombewaffnung hätte sich längst lösen lassen, wenn Donald Trump nicht das entsprechende Abkommen gekündigt hätte. Die vielen völkerrechtswidrigen Interventionen des Westens hat man dort nicht vergessen. Auch im Iran haben anti-westliche Obsessionen lebensgeschichtliche Wurzeln.

Wir brauchen Verhandlungen mit Moskau und Teheran und es braucht auch eine Verhandlungslösung im Israel-Palästina-Konflikt.

Gewalt ist weder in der Ukraine noch im Nahen Osten die Lösung – im Gegenteil.

Vielen Dank.

 

Dr. Ulrich Bausch ist aktiv bei der Gruppe "Aufbruch zum Frieden". 

 

Anmerkungen: