Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des "FriedensForums" (Heft 4/2026) befasst sich mit alternativen Sicherheitskonzepten. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag zum Flaggentag der Mayors for Peace in Bielefeld am 8. Juli 2026
- Sperrfrist: 8. Juli, Redebeginn: ca. 15 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Bielefelderinnen und Bielefelder,
ich freue mich, dass Sie heute hier sind und uns einen Moment Ihrer Aufmerksamkeit schenken.
Heute, am 8. Juli, begehen wir den Internationalen Flaggentag des weltweiten Netzwerks „Mayors for Peace“ – Bürgermeister für den Frieden. Gemeinsam mit Tausenden Städten auf allen Kontinenten setzen wir ein sichtbares Zeichen.
Ein Zeichen gegen Krieg.
Ein Zeichen gegen atomare Bedrohung.
Und ein Zeichen für eine Zukunſt, in der Konflikte nicht mit Waffen, sondern mit Vernunſt und Menschlichkeit gelöst werden.
Auch hier in Bielefeld weht heute die grüne Friedensflagge.
Sie ist mehr als ein Stück Stoff.
Sie ist ein Versprechen.
Ein Versprechen, die Schrecken der Vergangenheit nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass sie sich niemals wiederholen.
Dem Netzwerk „Mayors for Peace“ gehören heute rund 8.500 Städte in 166 Ländern an. Gegründet wurde es 1981 vom damaligen Bürgermeister von Hiroshima, Takeshi Araki.
Allein in Deutschland beteiligen sich heute 617 Städte und Gemeinden.
Bielefeld gehört seit 2018 dazu.
Darauf können wir stolz sein.
Doch eine Flagge allein schafft noch keinen Frieden.
Sie erinnert uns daran, dass Frieden jeden Tag neu verteidigt werden muss – nicht mit Waffen, sondern mit Mut, Vernunſt und Dialog.
Vor 81 Jahren wurden Hiroshima und Nagasaki durch Atombomben ausgelöscht.
Innerhalb weniger Sekunden.
Städte verschwanden.
Familien wurden ausgelöscht.
140.000 Menschen starben allein in den ersten Monaten danach.
Menschen starben nicht nur an der Explosion, sondern über Jahre hinweg an den Folgen der radioaktiven Strahlung.
Die Überlebenden – die Hibakusha – tragen diese Erinnerungen bis heute mit sich.
Und sie richten seit Jahrzehnten dieselbe Botschaſt an die Welt:
„Nie wieder.“
Nie wieder soll ein Mensch diese Hölle erleben.
Ihre Stimmen werden jedoch immer leiser.
Die Zeitzeugen sterben.
Umso mehr liegt es heute an uns, ihre Botschaſt weiterzutragen.
Denn leider müssen wir feststellen:
Die Welt bewegt sich derzeit nicht auf mehr Sicherheit zu.
Sondern auf mehr Aufrüstung.
Die neun Atomwaffenstaaten modernisieren ihre Arsenale.
Weltweit existieren noch immer über 12.000 Atomsprengköpfe.
Jeder einzelne davon besitzt eine Zerstörungskraſt, die alles übertrifft, was wir uns vorstellen können. Gleichzeitig steigen die weltweiten Militärausgaben von Jahr zu Jahr auf neue Rekordwerte.
Und dennoch ist die Welt dadurch nicht friedlicher geworden.
Die Kriege der vergangenen Jahre haben eines deutlich gezeigt:
Atomwaffen verhindern keine Kriege.
Sie haben den Krieg in der Ukraine nicht verhindert.
Sie haben den Krieg im Nahen Osten nicht verhindert.
Sie haben keinen einzigen Konflikt gelöst.
Stattdessen wächst das Risiko, dass sie eines Tages tatsächlich eingesetzt werden.
Vielleicht absichtlich.
Vielleicht durch einen technischen Fehler.
Vielleicht durch eine Fehleinschätzung.
Vielleicht durch wenige Minuten falscher Entscheidungen.
Mit jeder neuen technischen Entwicklung, mit jeder Automatisierung und mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz werden die Entscheidungszeiten kürzer.
Gerade deshalb brauchen wir wieder mehr Diplomatie.
Mehr Vertrauen.
Mehr Abrüstung.
Nicht weniger.
Viele von Ihnen erinnern sich noch an die Kubakrise im Jahr 1962.
Damals stand die Menschheit am Rand eines Atomkriegs.
Nicht, weil jemand ihn wirklich wollte.
Sondern weil Missverständnisse und Eskalation beinahe außer Kontrolle geraten wären.
Diese Erfahrung führte später zu Abrüstungsverträgen und gegenseitigen Kontrollen.
Die Erkenntnis war einfach:
Wer miteinander spricht, reduziert das Risiko.
Wer nur auf Abschreckung setzt, erhöht es.
Leider wurden viele dieser Verträge in den vergangenen Jahren aufgekündigt.
Das Wettrüsten beginnt erneut.
Dabei gibt es längst einen anderen Weg.
Seit Januar 2021 ist der Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen in Kraſt getreten.
86 Staaten haben ihn bereits unterzeichnet.
Aber Deutschland gehört bisher nicht dazu.
Deshalb fordern die Ostwestfälischen Friedensinitiativen, die IPPNW und viele weitere Organisationen:
Deutschland muss dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten!
Wir Ärztinnen und Ärzte der IPPNW sagen dabei etwas, das viele erschreckt – das aber wahr ist: Nach einer Atomwaffenexplosion können wir Ihnen nicht helfen!
Es gäbe nicht genügend Ärztinnen und Ärzte.
Nicht genügend Krankenhäuser.
Nicht genügend Medikamente.
Nicht genügend Hilfe.
Die einzige wirksame Medizin gegen einen Atomkrieg ist, ihn zu verhindern.
Deshalb richten wir heute einen klaren Appell an die Bundesregierung:
Beenden Sie die nukleare Teilhabe Deutschlands.
Unterzeichnen Sie den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen!
Heute ist es 30 Jahre her, dass der Internationale Gerichtshof in einem wegweisenden Gutachten für die UN festgestellt hat, dass der Einsatz von Atomwaffen und die Androhung des Einsatzes völkerrechtswidrig ist.
Noch haben wir das Ziel der Abschaffung aller Atomwaffen nicht erreicht.
Doch die internationale Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen ICAN rollt weiter.
Auch in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen.
Nachdem nun schon mehr als die Hälſte der Städte und Gemeinden in NRW den Appell zum Verbot von Atomwaffen unterzeichnet haben, ist der nächste Schritt, dass auch der Städtetag NRW sich dem Appell anschließt.
Daher fordern wir: Unsere Oberbürgermeisterin sollte dazu die Initiative beim nächsten NRWStädtetag ergreifen!
Und nun richte ich mich an Sie.
An uns alle.
Frieden ist keine Aufgabe allein für Regierungen.
Frieden beginnt im Alltag.
Frieden beginnt mit dem Gespräch.
Mit dem Zuhören.
Mit dem Widerspruch gegen Hass.
Mit der Bereitschaft, Brücken zu bauen statt Mauern.
Sprechen Sie mit Ihren Kindern.
Mit Ihren Enkeln.
Mit Ihren Freundinnen und Freunden.
Mit Ihren Nachbarn.
Schreiben Sie Ihren Bundestagsabgeordneten.
Machen Sie deutlich, dass Aufrüstung allein keine Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit sein kann.
Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger ihre Stimme erheben.
Und genau das tun wir heute.
Hier.
Mitten in Bielefeld.
Gemeinsam mit Tausenden Städten weltweit.
Denn wir glauben an eine Zukunſt ohne Atomwaffen.
Wir glauben daran, dass Frieden möglich ist.
Und wir glauben daran, dass Engagement etwas verändern kann.
Lassen Sie uns deshalb heute nicht nur eine Flagge hissen.
Lassen Sie uns Hoffnung hissen.
Mut und Verantwortung hissen.
Und die feste Überzeugung, dass unsere Kinder und Enkel eine Welt verdienen, in der die Drohung mit atomarer Vernichtung endlich der Vergangenheit angehört.
Für Frieden.
Für Menschlichkeit.
Für eine Welt ohne Atomwaffen.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Dr. Bernd Lehne ist aktiv bei der IPPNW Regionalgruppe Bielefeld.