Redebeitrag zum Flaggentag der Mayors for Peace in Aachen am 8. Juli 2026

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

nur in knapp einem Monat sind wir wieder versammelt: am 6. August, ganz hier in der Nähe auf dem Hiroshimaplatz, um an den Atomwaffenabwurf im Jahr 1945 zu erinnern. Dieser Platz, der mit der Errichtung einer Stele stärker ins Bewusstsein all derer gerückt werden soll, die hier in Aachen durch die Fußgängerzone gehen, ist eine ständige Erinnerung an die Opfer dieses katastrophalen Einsatzes von Atomwaffen mit den grässlichen Bildern der Frauen, Männer und Kinder, die durch Atomwaffen getötet oder für ihr ganzes restliches Leben mit schrecklichen Folgen zu kämpfen hatten und haben. Die grausamen Bilder aus Hiroshima und Nagasaki sind Grundlage des Rechtsgutachtens des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag vom 8. Juli 1996, welches die Androhung und den Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich als Verstoß gegen das Völkerrecht bewertet.

Vor 40 Jahren ist die Stadt Aachen dem Netzwerk der „Mayors for Peace“ beigetreten, das im Jahre 1982 vom Bürgermeister der japanischen Stadt Hiroshima gegründet wurde. Es ist gut, dass die Stadt Aachen sich im Rahmen der proklamierten „Zeitenwende“ nicht aus diesem Netzwerk verabschiedet, sondern wie heute Flagge zeigt für die weltweite Abschaffung von Atomwaffen. Denn es wird deutlich, dass die Vorhaltung von Atomwaffen nicht den avisierten „Schutzschirm“ bietet (dieses Bild empfinde ich ohnehin als zynisch gegenüber den Opfern in Hiroshima und Nagasaki, wenn ich an das Bild der Wolke nach dem Abwurf der Bombe denke.), sondern eher zu weiterer Aufrüstung beiträgt.

Hinzu kommen die aktuellen Verunsicherungen durch die wankenden Äußerungen des amerikanischen Präsidenten, der bisher diesen sogenannten „atomaren Schutzschirm“ auch über Europa gehalten hat. Sie führen zu bizarren Überlegungen und Forderungen, dass Europa selbst stärker in die nukleare Rüstung einsteigen müsse, also die Zahl der bisher neun Atommächte zu erhöhen. Die Überlegungen des französischen Präsidenten zur Erhöhung der Zahl seiner Atomwaffen und die nukleare Zusammenarbeit mit zahlreichen europäischen Staaten inkl. Deutschland beweisen das. Aktuellstes Beispiel sind die anlässlich des Nato-Gipfeltreffens in Ankara geäußerten Pläne Litauens, angesichts der Bedrohung durch Russland eine Verfassungsänderung zur Aufhebung des verfassungsrechtlichen Verbots von Atomwaffen auf litauischem Boden anzugehen.

Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI sagt: „Im Kalten Krieg waren Atomwaffen ein zentraler Bestandteil, um das Gleichgewicht zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion zu sichern – gestützt nicht nur auf militärische Fähigkeiten, sondern auch auf ein sehr ausgefeiltes System der Rüstungskontrolle.“ Heute aber gerate genau dieses System ins Wanken. Verträge zur Begrenzung von Atomwaffen laufen aus oder werden nicht verlängert. Das führt zu einem Zusammenbruch der nuklearen Rüstungskontrolle. Staaten können die Größe ihrer Nukleararsenale erweitern, mehr Atomwaffen stationieren und dabei weniger transparent mit ihren Programmen umgehen.

Die Unberechenbarkeit eines amerikanischen Präsidenten, der sich nicht nur im Fußball an keine Regeln gebunden fühlt, sondern sich eigenmächtig über bestehende Verträge hinwegsetzt, verstärkt das Risiko der Nicht-Beherrschbarkeit der existierenden Atomwaffen. „Wir werden nicht zulassen, dass der Iran eine Atomwaffe bekommt“, sagt US-Präsident Donald Trump. „Das ist ganz einfach. Das wird nicht passieren. Wir haben ihn hart getroffen, vielleicht müssen wir noch härter zuschlagen.“ Oder Wladimir Putin sagt: „Der Einsatz von Atomwaffen ist eine extreme, außergewöhnliche Maßnahme. Aber unser nukleares Arsenal muss angesichts der wachsenden Spannungen ein verlässlicher Garant für unsere Souveränität bleiben.“ Solche Drohungen der aktuellen Kriegsgegner Amerika, Israel und Iran oder aus Russland bereiten zunehmend Sorge, dass der Einsatz von Atomwaffen nicht mehr zu kontrollieren ist.

Hinzu kommt der wachsende Einsatz von KI und drohnengesteuerten Objekten, die losgelöst von menschlichen Entscheidungen agieren. Papst Leo XIV. hat in seiner Enzyklika „Magnifica Humanitas“ vom Mai dieses Jahres eindringlich davor gewarnt, tödliche oder irreversible Entscheidungen künstlichen Systemen anzuvertrauen.

Wir erneuern als Aachener Bündnis gegen Atomwaffen die Forderung, dass die Bundesrepublik dem Atomwaffenverbotsvertrag der UN von 2021 beitritt, der Einsatz, Tests, Entwicklung und jeglichen Besitz von Atomwaffen verbietet. Und bitte: Save the date: 6. August um 16.15 Uhr, Hiroshimaplatz!

Vielen Dank.

 

Hans-Otto von Danwitz ist Vorsitzender von pax christi im Bistum Aachen und Mitglied im Aachener Bündnis gegen Atomwaffen.