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Redebeitrag zum Flaggentag der Mayors for Peace in Krefeld am 8. Juli 2026
- Sperrfrist: 8. Juli, Redebeginn: ca. 11 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde,
das Lied, das der Friedenschor eingangs gesungen hat, schrieb Fasia Jansen 1965. Die politische Situation ist heute wesentlich dramatischer.
Die Präsidentin der Nuclear Age Peace Foundation, Dozentin an der Columbia-University, Dr. Nicolic Hughes, betitelt eine ihrer Veröffentlichungen: „Schlafwandelt die EU in einen Atomkrieg?“
Die Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr, die jedes Jahr im Januar von internationalen Atomwissenschaftlern neu gestellt wird, steht auf 85 Sekunden vor Zwölf. Die Gefahr der Vernichtung der Zivilisation, der Auslöschung der Menschheit, war noch nie so groß wie heute, - selbst zur Zeit des Kalten Krieges nicht, denn da gab es zwischen Ost und West noch Verhandlungen und Kontrollverträge, die Ende der 80er Jahre zu einer Reduktion der Atomwaffen führten. Doch die Chancen von 1990, gemäß der Charta von Paris ein gemeinsames Haus Europa, gemeinsam mit Russland, zu bauen, sind nicht umgesetzt worden.
Die Situation heute:
- Vernunft und Friedfertigkeit werden bei uns von Regierung und Medien verächtlich gemacht, kritische Stimmen und Friedensstifter diffamiert.
- Weltweit wird militärisch mit modernster Technologie aufgerüstet.
- Die USA haben in den letzten Jahren Kontrollverträge gekündigt (INF und Open Sky) oder nicht verlängert (New Start), obwohl die russische Seite Angebote vorgelegt hat.
- Indem man das Feindbild Russland erschaffen und in Deutschland das GG geändert hat, ist eine unbegrenzte Aufrüstung möglich. Mit dem 5%-Ziel der NATO geht bald jeder zweite Euro des Bundeshaushalts in die Rüstung. Militär hat Vorrang und der Sozialstaat wird immer mehr abgebaut.
- In Büchel, bei Cochem an der Mosel, lagern im Rahmen der Nuklearen Teilhabe ca. 20 amerikanische Atomwaffen, die B 61-12. Diese Bombe, mit der 4-fachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, sehen Sie hier als Nachbildung in Originalgröße. Im Ernstfall muss ein deutscher Pilot auf Befehl des amerikanischen Präsidenten die Atombombe über einem Ziel abwerfen.
Deutschland verstößt damit gegen den Nichtverbreitungsvertrag (NVV), auch Atomwaffensperrvertrag genannt, und es verstößt gegen den 2+4-Vertrag, denn Deutschland ist ein Nicht-Atomwaffenstaat, und Nicht-Atomwaffenstaaten dürfen nicht die Verfügungsgewalt über Atomwaffen mittelbar oder unmittelbar annehmen.
Die Nukleare Teilhabe verstößt außerdem gegen Art. 20 und 25 des deutschen Grundgesetzes. Darin heißt es: Das Völkerrecht steht dem GG vor. Deshalb darf Deutschland den Völkerrechtsbruch nicht hinnehmen. Denn seit dem Urteil des IGH in Den Haag vom 8. Juli 1996 gilt: „Die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen ist völkerrechtswidrig.“
Atombomben treffen immer die Zivilbevölkerung und verursachen unsägliches humanitäres Leid. Deshalb hat der Bürgermeister von Hiroshima „Mayors for Peace“ und den Flaggentag ins Leben gerufen. Wir sind heute hier, um ein Zeichen zu setzen für eine atomwaffenfreie Welt und fordern zusammen mit den Hibakusha, den Überlebenden des amerikanischen Atombombenabwurfs von 1945: Nie wieder Hiroshima!
Sadako war ein kleines Mädchen, zwei Jahre alt, als sie den Bombenabwurf in Hiroshima überlebte. Sie erkrankte ein paar Jahre später an Leukämie. Sie begann Kraniche zu falten, in Japan das Symbol für Frieden und Gesundheit. Eine Überlieferung sagt: Wer 1.000 Kraniche faltet, wird wieder gesund. Als sie etwa 700 Kraniche gefaltet hatte, starb Sadako. Beim letzten soll sie gesagt haben: „Ich schreibe Frieden auf deine Flügel.“
Wir haben heute für Sie Kraniche mitgebracht, von denen sich jeder einen mitnehmen kann. Mögen sie Ihnen Gesundheit und uns allen Frieden bringen.
Nukleare Abschreckung bringt keine Sicherheit. Es gibt nur ein Mittel dagegen: Das Wort, Verhandlungen und Kontrollverträge. Mit gemeinsamer Anstrengung und ehrlichem Bemühen müssen wir zur Vernunft kommen und friedenstüchtig werden. Zerstörtes Vertrauen gilt es wiederherzustellen. Besonnenes Handeln ist gefragt.
Dazu möchte ich Ihnen zum Abschluss noch die Geschichte von Stanislaw Petrow erzählen, in der ein Fehlalarm 1983 beinahe zu einem Atomkrieg geführt hätte und besonnenes Handeln die Katastrophe verhindert hat:
Im September 1983, im russischen Kontrollzentrum der weltraumgestützten Beobachtung zur Früherkennung amerikanischer Angriffe, hat Offizier Stanislaw Petrow Dienst. Um 0:15 Uhr schlägt der Alarm an und eine riesige Anzeige zeigt rot das Wort Start an. Das computergestützte Überwachungssystem hat mit höchster Wahrscheinlichkeit den Start einer Interkontinentalrakete von einer amerikanischen Basis entdeckt. Petrow kommen Zweifel, und er meldet einen Fehlalarm. Später sagte er in einem Interview, er wollte „auf keinen Fall verantwortlich sein für den Beginn des dritten Weltkriegs“ (Telepolis, 20. Juni 2009, Interview Markus Kompa)
Und jetzt singt der Friedenschor "Das weiche Wasser“ von den Bots, die Hymne der Friedensbewegung der 80er Jahre.
Vielen Dank.
Ingrid Vogel ist aktiv beim Krefelder Friedensbündnis.