Redebeitrag zum Flaggentag der Mayors for Peace in Mönchengladbach am 8. Juli 2026

 

- Sperrfrist: 8. Juli, Redebeginn: ca. 14 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -

 

“Entrüstet euch!”

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

diese doppeldeutigen Worte sagte Pfarrer Eddie Erlemann 2011, er ist im Gedächtnis und im Herzen vieler Gladbacher und zeichnete sich durch seine Güte, Präsenz und sein offenes Ohr aus. Meine private Meinung ist, dass er heiliggesprochen werden sollte.

Eine atomwaffenfreie Welt würde zumindest schon mal eines der globalen Probleme angehen und ich vermute, dass es uns damit besser gehen würde, als mit der ständigen Angst der Bedrohung leben zu müssen.

Herzlich willkommen zum Mayors for Peace-Tag!

Ich grüße den OB Herrn Felix Heinrichs, der ja Mayor for Peace ist, also Bürgermeister für den Frieden, und danke für die Gelegenheit, hier sprechen zu können. Ich grüße auch die friedensbewegten Bürgerinnen und Bürger und freue mich, dass Sie alle hier sind, dieses Jahr an einem Mittwoch mitten in der Woche, jedes Jahr zum selben Datum. Letztes Jahr standen wir unten am Geroweiher, wo auch ein Ginkgobaum als Statthalter für den noch anwachsenden Baum aus dem Originalsamen aus Hiroshima gepflanzt wurde.

1982 schuf der Bürgermeister von Hiroshima die Mayors for Peace Bewegung, es sind weltweit an die 9000 Städte und Gemeinden in 166 Ländern. MG ist seit 2007 dabei. Unsere Nachbargemeinden sind ebenfalls aktiv, der Kreis Viersen tut sich hervor durch besonders viele MfPs, heute findet in Hinsbeck im Friedenspark eine Feier statt. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine sind allein in Deutschland über weitere 100 Gemeinden dem Bündnis beigetreten.

Vor dreißig Jahren – am 8. Juli 1996 – hat der Internationale Gerichtshof (IGH) dazu ein wegweisendes Gutachten erstellt. Seine Kernaussage: die Drohung mit und der Einsatz von Atomwaffen verstoßen grundsätzlich gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts. Zudem besteht die völkerrechtliche Verpflichtung zu vollständiger nuklearer Abrüstung. Mit dem Hissen der Mayors for Peace-Flagge erinnern Sie jedes Jahr an dieses Gutachten!

Ich bin Marlene Barghoorn, Ärztin, lebe in MG und habe meine Praxis in Brüggen.

Seit meinem Studium bin ich Mitglied in der IPPNW (International Physicians for the Prevention of Nuclear War). Wir setzen uns für Frieden und soziale Verantwortung in der ganzen Welt und insbesondere für eine atomwaffenfreie Welt ein. Wir sind eine recht aktive lokale Gruppe von Ärztinnen, Ärzten und Psychologen und ein Lehrer in Mönchengladbach und Viersen. (Neue Mitglieder herzlich willkommen) Die IPPNW ist eine NGO, d. h. eine Non-Government-Organisation, die sich international und unabhängig von Parteien oder Staatsformen begreift.

Die IPPNW wurde 1980 gegründet zu Zeiten des Kalten Krieges von einem US-amerikanischen und einem russischen Kardiologen, Herrn Lown und Herrn Chazov, offensichtlich Kollegen, die nicht nur von ihrem Spezialfach „Herz“ etwas verstanden und sich deshalb auf internationalen Kongressen trafen, sondern die auch das Herz am richtigen Fleck hatten. Sie hatten den Mut zu sagen, dass es im Falle eines Atomkrieges fast keine medizinische Hilfe gibt. Das einzig logisch Richtige ist, einen Atomkrieg zu verhindern, um großes Leid über Generationen von Menschen und Vernichtung von Leben und Natur abzuwenden.
D. h. präventiv: Abrüsten, Diplomatie, Einhalten von Völkerrecht, Stärken der UNO, Lösen von Konflikten ohne Töten,
bei Kriegen: Verhandeln, Verhandeln, Verhandeln, Waffenstillstand, Einsatz von Mediatoren usw..: Kurzformel: Frieden schaffen, Frieden erhalten, Probleme des Planeten wie Klimakrise mit allen Ländern der Welt respektvoll lösen, friedenstüchtiger werden.

Die Vernichtung vor nahezu 81 Jahren (6. und 9. 8. 1945) war fürchterlich durch ungeheuren Druck, Hitze, Strahlung, sofort und mit krankmachenden bzw. tödlichen Auswirkungen auch noch für Jahrzehnte später. Medizinische Hilfe für einen ausgelöschten Körper gibt es nicht, Hilfe bei schwersten Verbrennungen oder der akuten Strahlenkrankheit ist zum größten Teil unmöglich, die Infrastruktur am Rande des Kollapses.
Es gab 100.000 Tote sofort und 130.000 Tote in der Folgezeit. Die Einwohnerzahl von MG ist ca. 275.000. In meiner Praxis sehe ich fast täglich die leidvollen Folgen von Krieg, Ängsten und Depressionen wegen der wachsenden globalen Gefahren (Pandemie, Kriege, Klimakrise) und transgenerationale Traumata.

„Die Welt ist überbewaffnet und Frieden unterfinanziert.“ Sagte 2009 Ban Ki-Moon, Generalsekretär der UNO. Heute 16 Jahre später ist die Situation zugespitzter, die RP vom 8.6.26 gab einen Artikel heraus mit der Überschrift „Warnung vor atomarem Wettrüsten, laut SIPRI (Friedensforschungsinstitut in Stockholm) bauen alle Nuklearmächte ihr Waffenarsenal aus.“
Die aktuellen Krisenherde, Gaza-Israel-Iran-USA, Ukraine-Russland bieten hohe Gefahrenpotenziale für eine u. U. atomare Eskalation.

1985 gab es den ersten Friedensnobelpreis für die IPPNW, 2017 den zweiten für ICAN (International Campaign to Abolish Nuclear Weapons). Im Januar 2021 ist der, von der UNO verabschiedete, internationale Atomwaffenverbotsvertrag in Kraft getreten, wodurch Atomwaffen verboten sind, wie zuvor schon Landminen, Streumunition, chemische und biologische Waffen.

Das Selbstzerstörungspotenzial der Menschheit war noch nie so groß wie heute. Es gibt ca. 13.000 Atomwaffen von vielfach größerer Kraft verglichen mit der Hiroshimabombe. Die Militärausgaben explodieren mit dem Argument der Sicherheit, das etwas Trügerisches hat. Die Abschreckungsideologie ist überholt, weil sie keine Sicherheit bietet. Sicherheit gäbe es auch durch bezahlbaren Wohnraum, Gute Bildung, Arbeitsplätze, Einhalten von Menschenrechten, Klimaschutz ...

Es gab und gibt immer wieder Beinahe-Unfälle bei Atomkraftwerken oder Fast-Atomkriege,
letztes Jahr erzählte ich von Palomares, wo 1966 im Luftraum Andalusiens 2 US-Militärflugzeuge beladen mit Atomwaffen kollidierten und von einem zum Glück erkannten Fehlalarm 1983. Viele der Katastrophen oder Entsorgungspannen usw. sind nicht bekannt, sind Militärgeheimnisse oder Opfer einer nicht transparenten Informationspolitik.

Heute möchte ich die Kuba-Krise ins Gedächtnis rufen:

Als Folge der Aufrüstungsspirale, hatten die USA schon in Europa, u.a. in der Türkei Atomwaffen stationiert, beschließt Chruschtschow im Frühjahr 1962 mithilfe von Castro Kuba hochzurüsten mit Atomwaffen von mindestens 1.600-facher Sprengkraft der Hiroshimabombe, erst im November wollte er Kennedy davon unterrichten, es kam anders.

Die USA entdeckten die Aktivitäten und Atomwaffen, ein eskalierender Austausch und Aufbau von massiver Drohkulisse des Militärs beiderseits entstand im Oktober 62. Auf beiden Seiten gab es Militärs, die zur Konfrontation rieten und damit einen dritten Weltkrieg, dieses Mal mit weltvernichtendem atomarem Ausmaß in Kauf nahmen, sie wurden zum Glück zurückgehalten. Am 27.10.62 gelang beiden Seiten die erlösende Deeskalation mit der Übereinkunft, dass die Atomwaffen von Kuba abgezogen würden und im Gegenzug die Jupiter Raketen aus der Türkei, die eine Bedrohung für die UdSSR darstellten. Haarscharf ist die Welt einem Atomkrieg entkommen. Einem russischen U-Boot, bestückt mit Atomwaffen, das in der Karibik lauerte, ging buchstäblich die Luft aus, der Kapitän verlor die Nerven, wollte schon abschießen, er wurde beruhigt, das U-Boot tauchte auf und die Crew eines USA-Zerstörerschiffes morste: „Benötigen Sie Hilfe?“ (GEO 9/2012)

Zurzeit wird wieder offen mit Atomschlägen gedroht, vom größten europäischen Atomkraftwerk in Saporischschja geht ständig eine Gefahr aus durch Beschuss oder der nicht mehr funktionierenden Kühlung usw.. Die Haube von Tschernobyl wurde beschädigt, die Schäden und Reparatur unklar.

Es gibt nur eine Antwort auf atomare Bedrohung und die heißt: atomwaffen- und atomkraftwerke freie Welt.
In unserer Nähe gibt es Atomwaffen in Büchel und/oder Nörvenich und das Atomkraftwerk in Tihange, das immer noch nicht abgeschaltet ist, seit neuestem setzen die Belgier wieder auf Atomkraft.

Jedes Jahr wird die Flagge gehisst am Mayors für Peace Day, an die Opfer der Atombombenabwürfe gedacht sowie ein Zeichen gesetzt, dass es nie wieder zu solch einer Katastrophe kommen soll.
Wir wollen eine atomwaffenfreie Welt.

Bhikku Pannakara, der Leiter der Mönchgruppe, die von Oktober 25 bis Febr. 26 von Texas bis Washington barfuß oder mit Sandalen den „Walk for Peace“ liefen, sagte: „Die Menschen haben den Frieden eingesperrt. Wir sind unterwegs, um diesen Frieden zu befreien.“ (ZDF 11.2.26)

Wir danken euch allen fürs Zuhören und Kommen, und wir werden uns weiter unermüdlich für Frieden stark machen. Am 8.7.2027 werden wir wieder hier sein. Vielleicht ist dann auch schon der Ginkgobaum so weit, dass er eingepflanzt werden kann.

 

Marlene Barghoorn ist Allgemein Ärztin und ist aktiv bei der IPPNW-Regionalgruppe Mönchengladbach.