Marvin Mendyka, Bonn
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki- Gedenkveranstaltung am 6. August 2020 in Bonn
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich mich freue, dass ihr heute alle trotz der Hitze hier seid. Als die Atombombe heute vor 75 Jahren über Hiroshima zündete, stieg die Temperatur im Zentrum der Explosion kurzzeitig auf 3.- bis 4.000 Grad Celsius anstieg, gefolgt von Feuerstürmen mit einer Geschwindigkeit von über 250 km/h. Aber genug vom Wetter…
Das schwedische Friedensforschungsinstitut SIPRI, das jedes Jahr die aktuellen Zahlen zu den weltweiten Atomwaffenarsenalen veröffentlicht, hat in diesem Jahr bekannt gegeben, dass die Zahl der Atomwaffen auf rund 13.400 gesunken ist. Die allermeisten Atomwaffen befinden sich im Besitz Russlands und der USA, die jeweils rund 6000 nukleare Sprengköpfe besitzen.
Müssen wir also weniger beunruhigt sein, weil die Zahl der Atomwaffen wieder einmal gesunken ist? Die Antwort ist leider: Nein. Und das hat gleich mehrere Gründe.
Auch heute befinden sich noch rund 1.500 Atomwaffen in höchster Alarmbereitschaft und können innerhalb weniger Minuten zum Einsatz kommen. Zudem besteht die Gefahr eines unbeabsichtigten Einsatzes von Atomwaffen. Automatisierte und schnellere Abläufe lassen die Gefahr eines „Atomkriegs ausversehen“ immer größer werden.
Die Atomwaffen von heute basieren auf einem anderen Kalkül als früher. Die Sowjetunion testete Anfang der 60er-Jahre die sogenannte „Tsar-Bombe“. Eine Bombe mit 50 bis 60 Megatonnen Sprengkraft. Die Druckwelle der Explosion dieser Bombe war so groß, dass die Druckwelle den Globus zweieinhalb Mal umrundete.
Aber wer würde heute noch auf die Idee kommen, so eine Bombe zu bauen? Die Atomwaffen von heute werden kleiner, vermeintlich präziser und vom Feind schwerer abfangbar. Das zeigt sich auch an den in Büchel stationierten Atomwaffen vom Typ B-61. In den kommenden Jahren sollen diese zum Typ B61-12 aufgerüstet werden. Die neuen Bomben erhalten dann eine präzisere Lenkung und können so flexibler eingesetzt werden. Dadurch sinkt die Hemmschwelle ihres Einsatzes.
Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträge werden bald der Vergangenheit angehören. Seitdem US-Präsident Trump im Amt ist, ist der Vertag über das Verbot von landgestützten Mittelstreckenwaffen gescheitert, ebenso das Iran-Abkommen, im Mai wurde der Austritt der USA aus dem Open Skies Vertrag verkündeten und die erste Runde der Verhandlungen über eine Verlängerung des New Start-Vertrags zwischen den USA und Russland ist in diesem Jahr ebenfalls gescheitert. 2021 läuft auch dieser Vertrag aus. Dann gibt keinerlei Rüstungskontrolle mehr. Dadurch wird die Situation noch gefährlicher als zu Zeiten des Kalten Krieges.
Also: Die Lage ist ernst, aber nicht aussichtslos.
Während alle Atommächte dabei sind, ihre Atomwaffenarsenale aufzurüsten, hat sich die große Mehrheit der Staatengemeinschaft in den vergangenen Jahren auf den Weg gemacht, Atomwaffen zu verbieten.
Atomwaffen sind in ihrer Zerstörungskraft einzigartig. Die Auswirkungen eines Atombombeneinsatzes sind katastrophal und machen keinen Halt an Grenzen. Deshalb kann auch kein Staat sagen: „Atomwaffen? Das geht uns nichts an.“ Und könnte es eine schlechtere Idee geben, als das Thema Abrüstung den Trumps, Putins und Kims zu überlassen?
Damit sich Hiroshima und Nagasaki niemals wiederholen, ist jede und jeder gefragt. Seitdem das UN-Atomwaffenverbot 2017 von 122 Staaten verabschiedet wurde, wurde der Vertrag bereits von mehr als 80 Staaten unterzeichnet und von mehr als 40 Staaten ratifiziert. 90 Tage nach der Ratifizierung des 50. Staates wird der Vertrag in Kraft treten – also vermutlich Ende diesen und Anfang des kommenden Jahres. Aktuell fehlen noch 7 weitere Ratifizierungen.
Erst heute haben drei weitere Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag ratifiziert: Irland, Nigeria und der pazifische Inselstaat Niue. Ein Staat, dessen Fläche gerade einmal doppelt so groß ist wie die Stadt Bonn.
Es wäre leicht über letzteren Staat zu lachen und zu sagen: „Niue verbietet Atomwaffen. Was macht das schon? Ist die Gefahr durch Atomwaffen dadurch gebannt?“. Ich finde das aber ganz bemerkenswert, denn es zeigt, dass kein Staat zu klein oder zu unbedeutend ist, um Verantwortung zu übernehmen.
Umso beschämender finde ich es zu sehen, was unsere Bundesregierung tut. Unser Außenminister Heiko Maas hat anlässlich des heutigen Jahrestages des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima verkündet:
"Hiroshima steht für den Wahnsinn des Atomkriegs und das unfassbare Leid seiner Opfer. Wir schulden ihnen unseren vollen Einsatz für eine Welt ohne Atomwaffen.“
Das sind vollkommen leere Worte. Die Verhandlungen zum UN-Atomwaffenverbot hat Deutschland von Anfang an boykottiert. Die in Deutschland stationierten Atomwaffen werden nicht abgezogen – wie es ein fraktionsübergreifender aus dem Jahr 2010 forderte – sondern in den kommenden Jahren noch aufgerüstet. Und damit diese Waffen auch eingesetzt werden können, sollen in den kommenden Jahren sogar noch neue atomwaffenfähige Flugzeuge für die Bundeswehr angeschafft werden.
Hiroshima und Nagasaki mahnen uns, dass wir uns konsequent für eine atomwaffenfreie Welt einsetzen und ich wünsche mir, dass von den mehr als 180 Aktionen, die es rund um den diesjährigen Hiroshima- und Nagasaki-Gedenktag gibt, ein deutliches Zeichen ausgeht. Und zwar:
- Gegen den Kauf von neuen Atombombern für die Bundeswehr
- Für den Abzug der Atomwaffen aus Büchel
- Und für den Beitritt Deutschlands zum UN-Atomwaffenverbot.
Vielen Dank.
Marvin Mendyka ist Mitarbeiter des Netzwerkes Friedenskooperative in Bonn.