Vom dekorierten Soldaten des Ersten Weltkrieges zum Friedensfreund

Der Pfarrer Albrecht Gubalke (1886-1943)

von Karlheinz Lipp
Hintergrund
Hintergrund

Albrecht Gubalke studierte Evangelische Theologie in Marburg und Berlin. Am 22. April 1913 heiratete er Toni Pennewiß, aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Im gleichen Monat erschien ein Friedensaufruf, der sich speziell an Pfarrer und Theologen (Frauen in diesen Berufen gab es zu dieser Zeit noch nicht) wandte und von dem Berliner Friedenstheologen Walther Nithack-Stahn maßgeblich verfasst worden war. Den historischen Bezug dieser Friedensresolution stellte das Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) dar. Den politisch-aktuellen Anlass bildete die neue Heeresvorlage von 1913, die eine immense Aufrüstung des Kaiserreiches bedeutete. Auch Gubalke, der zu dieser Zeit als Pfarrer in Linda (Thüringen) tätig war, unterschrieb diesen wichtigen Friedensaufruf.

Trotz der Warnungen der Friedensstimmen begann nur ein Jahr später der Erste Weltkrieg. Als ordinierter Pfarrer musste Gubalke keinen Kriegsdienst leisten, er meldete sich jedoch als Freiwilliger und diente in den ganzen vier Jahren des Ersten Weltkrieges als Mitglied und dann Kommandant einer Scharfschützen-Kompagnie und Feldprediger. Er erhielt Auszeichnungen, so am 12. Oktober 1916 noch auf französischem Boden das Eiserne Kreuz Erster Klasse.

Ethische Bedenken zum Krieg kamen ihm in den Kriegsjahren nie. Zu einer Beerdigung von mehreren Offizieren hielt Gubalke die Grabrede und ein Regimentsadjutant bemerkte daraufhin zu ihm, „diese ganze Schweinerei [des Krieges] und Gott haben doch unmöglich etwas miteinander zu tun“. Diese Kritik beachtete Gubalke jedoch überhaupt nicht – der Adjutant war schließlich Katholik.

Die militärische Prägung Gubalkes änderte sich nach 1918 zunächst nicht. Für eine kurze Zeit um 1922 gehörte er, seit 1920 Pfarrer in Sangerhausen (Südharz), der DNVP an, der Partei vieler protestantischen Pfarrer der Weimarer Republik. Unter dem Vorsitzenden Alfred Hugenberg, dem Pressezar der 1920er Jahre, trauerte diese Partei dem Kaiserreich nach und vertrat nationalkonservative Positionen. Dazu passte, dass Gubalke in den ersten Jahren nach dem Kriegsende an den jährlichen Regimentstagungen zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg teilnahm. Nach dem Abschied von der DNVP distanzierte sich Gubalke auch zunehmend von den Regimentsfeiern. Dies lag vor allem an der Tatsache, dass die einfachen Soldaten in anderen, billigeren Pensionen untergebracht waren als die höheren Offiziere, die in Hotels logierten. Die Klassenunterschiede des Ersten Weltkrieges fanden so nach 1918 ihre Fortsetzung – und dies wollte Gubalke nicht länger mitmachen. 

Allmähliches Umdenken
Aufrüstung und Kriege kosten Geld, viel Geld. Die Inflation beschleunigte sich während des Ersten Weltkrieges, nahm nach 1918 sehr dynamische Formen an und traf vor allem Menschen im Ruhestand, Kriegsinvaliden und kinderreiche Familien. Auch in Sangerhausen beschleunigte sich das Elend zunehmend. In dieser Phase gründete Gubalke im Herbst 1922 das sozial-karitative Werk des Morungshofes – es sollte das Projekt seines Lebens werden. Die Begegnung mit dem sozialen Elend führten bei Gubalke zu einem Überdenken seines Verständnisses von christlicher Kirche sowie zu Selbstzweifel an seinem Berufsbild als Pfarrer. Zunächst entstand eine Küche für Bedürftige, es folgten ein Kinder- und Säuglingsheim. Die sozio-ökonomischen Folgen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 versuchten Gubalke und seine Gleichgesinnten durch ein Arbeitslosen-Tagesheim aufzufangen – auch dies ein beachtliches Sozialprojekt.

Um seine kritischen und mitunter selbstkritischen Positionen medial zu verbreiten, gründete und leitete der Sangerhäuser Pfarrer seine eigene monatliche Zeitschrift mit dem bezeichnenden Titel Die Unruhe, die von Oktober 1925 bis April 1933 erschien und eine Auflage von ca. 4.000 Exemplaren erreichte.

Friedensarbeit
Bereits in seinen Anfangsjahren in Sangerhausen musste sich Gubalke die sehr berechtigte Frage gefallen lassen, wieso er in den kompletten vier Jahren des Ersten Weltkrieges freiwillig gedient habe – und wie sich dies mit der Friedensbotschaft des Jesus von Nazareth in Einklang bringen ließe. Eine Frage, die den hoch dekorierten Militär des Krieges sehr beschäftigte und veränderte. Im Jahre 1927 besuchte der Geistliche die ehemaligen Schlachtfelder von Verdun. Ende August 1929 nahm Gubalke an der Jahrestagung der Deutschen Vereinigung des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen in Kassel teil. Der Pfarrer beschäftigte sich ferner zunehmend mit dem pazifistisch orientierten Quäkertum. Der „sehr, sehr lange Weg“ (Gubalke) zu einem Freund des Friedens führte ihn zum gerade gegründeten Evangelischen Friedensbund im Herbst 1931. Der Pfarrer gehörte zu den Erstunterzeichnern des Programms. Diese konfessionelle Friedensorganisation wurde – wie der komplette organisatorische Pazifismus – von der NS-Diktatur 1933 gezielt zerstört. Gubalke befürwortete auch einen Friedenssonntag, der in der Weimarer Republik besonders von Friedrich Siegmund-Schultze und der religiös-sozialistischen Bewegung gefordert wurde. Dem Religiösen Sozialismus stand Gubalke nahe, ohne sich politisch der SPD anzuschließen.  

Ebenfalls 1931 befasste sich Gubalke erstmals mit dem Nationalsozialismus und ihrem selbsternannten „Führer“. In zwei umfangreichen Teilen rezensierte Gubalke in seiner Zeitschrift sehr kritisch Hitlers Mein Kampf – und diese negative Besprechung verzieh ihm die NSDAP nie. Vom rassistischen Welt- und Menschenbild der NSDAP grenzte sich der Pfarrer klar ab und sympathisierte über Jahre hinweg mit dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus – als einer der wenigen evangelischen Theologen. 

Repression unter den Nazis
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 durch den senilen, antidemokratischen und militaristischen Reichspräsidenten Hindenburg – nach ihm sind noch immer viele Straßen benannt – begann die Abrechnung der neuen Machthaber mit ihren Gegnern. Dies betraf Gubalke zunächst durch das Verbot seiner Zeitschrift. Dann strichen Stadt und Kreis Sangerhausen die Zuschüsse für den Morungshof und entzogen Gubalke die Leitung dieses vorbildlichen Projekts. Für eine kurze Zeit hoffte der Geistliche, dass diese Maßnahmen nur von kurzer Dauer sein könnten – dies erwies sich jedoch als Illusion.

Die jetzt entstandene publizistische Lücke wollte Gubalke – wie auch der Religiöse Sozialist und Quäker Emil Fuchs – durch die Abfassung von Bibelinterpretationen und dann durch kunsthistorische Betrachtungen, die an befreundete Personen versendet wurden, schließen. In der ersten Zeit nach 1933 beinhalteten diese Publikationen kritische Seitenhiebe auf die NS-Diktatur. Bei der Familie Gubalke fanden in Sangerhausen und nach dem Umzug 1939 in Naumburg Hausdurchsuchungen statt. Gubalke gehörte der Bekennenden Kirche an, übernahm jedoch keine Leitungsfunktion. Er blieb ein kritischer Einzelgänger und Einzelkämpfer in der NS-Diktatur.

Ab dem Sommer 1933 begann auch die äußerst nervige Auseinandersetzung Gubalkes mit seiner Landeskirche, der Kirchenprovinz Sachsen. Die nationalsozialistischen Kräfte in der Stadt und in der Kirche wollten den aufmüpfigen Pfarrer unbedingt loswerden. Die Umsetzungspläne in andere Kirchengemeinden scheiterten mehrfach. Im Jahre 1938 wurde der Pfarrer letztlich versetzt – und zwar in den einstweiligen Ruhestand. Am 1. April 1939 musste die Familie Gubalke den Südharz verlassen und siedelte nach Naumburg (Saale) um. Die Querelen mit der NS-Diktatur dauerten weiter an, dies zeigten sehr eindrücklich Gubalkes erfolglose Bemühungen um die Aufnahme in die Reichsschriftumskammer. Der Pfarrer zog sich nun immer mehr in die innere Emigration zurück. Albrecht Gubalke starb am 3. August 1943 im Alter von 57 Jahren. Mit seinem Tod fehlte eine wichtige und interessante Stimme für die politische und kirchenpolitische Entwicklung nach 1945, auch was die Diskussion um die Remilitarisierung der beiden deutschen Staaten anging. 

Literatur:
Albrecht Gubalke: Wie ich ein Freund des Friedens wurde. Sangerhausen 1932.
Karlheinz Lipp: Der Sangerhäuser Pfarrer Albrecht Gubalke (1886-1943). Sozialseelsorger – Antifaschist – Friedensfreund. Ein Lesebuch. Nordhausen 2026

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Hintergrund
Karlheinz Lipp ist Historiker mit dem Schwerpunkt Historische Friedensforschung und Verfasser des Buches: Der Friedenssonntag im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Ein Lesebuch. Nordhausen 2014