Frieden - voll cool ey

Die Jugend will, wenn wir es nur wollen

von Thomas Krahe
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Ist es möglich, Jugendliche für Politik zu interessieren? Ja, es ist möglich. Doch in vielen Gesprächen stellte ich fest, dass Friedensbewegte nicht wissen wie, oft sogar frustriert sind. Sie folgern, Jugendliche seien unpolitisch, da sie nicht zu Veranstaltungen oder Aktionen kommen oder genau unsere Meinung vertreten, anstatt zu fragen, warum unsere Art zu arbeiten nicht attraktiv für sie wirkt.

Tatsächlich bekommt man einen Zugang zu ihnen, wenn man versteht, in ihrer Welt zu lesen, darin die Vision einer besseren Welt erkennt und genau diese Teile, für die wir ja arbeiten, zu stärken. Verjüngende Begeisterung und enorme Energie sind der Lohn dafür.

Seit 3 Jahren experimentieren wir von der Friedensinitiative Bad Tölz-Wolfratshausen sehr erfolgreich mit Jugendarbeit. Sie ist verblüffend einfach, wenn man ein gewisses Grund-Know-How mitbringt.

Im März 2000, zu Beginn des NATO-Krieges gegen Jugoslawien, organisierten wir eine Brückenblockade, an der über 100 Jugendliche teilnahmen. Das war die größte Aktion der Friedensbewegung in Bad Tölz seit den 80ern. Andere Projekte folgten, wie Friedensfestivals zu Gunsten afghanischer Flüchtlinge, ein Peace Camp, die Einbindung in Straßenaktionen und die "Gründung" einer Jugendgruppe der Friedensinitiative.

Wie kommt man an Jugendliche ran?
Verschiedentlich riefen mich Jugendliche an, ob ich Friedensgruppen in ihren Städten kenne. Als ich ihnen einige nannte, meinten sie, da seien sie schon gewesen, aber die seien so komisch. Immer wenn sie einen Vorschlag machten, käme von der Gruppe, sie wüssten es besser, das machten sie schon seit 20 Jahren so.

Der Umgang mit Jugendlichen ist eine Schlüsselfrage, denn sie braucht die Haltung: Jugendliche so zu akzeptieren und wertzuschätzen wie sie sind. Die Jugendlichenwelt ist geprägt von der Suche nach Identität und Befreiung aus der nörgelnden, besserwisserischen und sanktionierenden Eltern- und Erwachsenenwelt. Jugendliche suchen ihren eigenen Weg und reagieren empfindlich auf Einengungsversuche durch Erwachsene. Sie haben oft sehr hohe Ideale und beobachten kritisch, ob es übereinstimmt, wofür Friedensbewegte eintreten, und wie sie es tun und sich verhalten. Das stimmige menschliche Miteinander ist die Voraussetzung dafür, dass sie sich engagieren (aufeinander achten, Spannungen sofort beheben, lockeres Arbeiten, Seitengespräche und abdriften in andere Themen, rumalbern). Diese Atmosphäre finden sie leider zumeist unter Gleichaltrigen.
 

Probiert es einmal aus. Werden Jugendliche in Anwesenheit von Erwachsenen still und bringen sich nicht ein, dann stimmt etwas nicht. Jugendliche wollen ernst genommen werden in ihrer Andersartigkeit. Sie wachsen anders auf und haben andere Interessen als wir früher. Offenheit ist der Schlüssel für uns. Jugendliche sind immer ein Spiegel der Mängel der Gesellschaft. Und sie rebellieren dagegen. Das ist einer der Gründe, warum wir uns so schwer tun, sie zu verstehen. Hier hilft die Haltung: Sieh das Gute daran statt das Schlechte. Wenn du am Positiven ansetzt, bringen Jugendliche Positives entgegen.

Jugendliche probieren aus und wechseln viele Welten (Clique, Schule, Ausbildung, Studium, Ortswechsel, eigene Wohnung, Beziehungen etc.). Es gibt nie Garantien dafür, dass sie sich langfristig und verbindlich bei uns engagieren. Sie basteln an einer eigenen Identität aus vielen prägenden Erlebnissen. Gute Erfahrungen gehen nicht verloren. Lasst sie bei uns auch gute Erfahrungen machen. Denn die Folgen können verblüffen.

Ein Jugendlicher von "uns" beginnt ein Studium der Friedens- und Konfliktforschung, eine macht ein einjähriges Praktikum bei der Kurve Wustrow, eine macht ein Praktikum bei uns, einige bauten eine Juso-Unterbezirksgruppe auf, zwei wanderten zu Fuß zur Arche-Gemeinschaft von Lanza del Vasto, einer ist Vorstand unseres Vereins ...

Um Jugendliche zu erreichen, muss man einfach dahin gehen, wo sie sind (Schulen, Kneipen, Jugendparlamente, Jugendverbände und Jugendhäuser ... ) und sich ehrlich auf ihre Anliegen einlassen und sie unterstützen (Was wollen sie, statt was wollen wir). Kontakte kann man auch knüpfen, indem man dort z.B. Infoabende zur eigenen Arbeit, Frieden oder einem aktuellen Krisenherd anbietet. Die größte Neugier besteht zumeist darin, wie man überhaupt etwas politisch von unten verändern kann. (gewaltfreies Vorgehen, erfolgreiche Beispiele, konkrete Aktionen, möglichst praktisch). Der politische Anlass ist gar nicht so wichtig. Aber das Erlebnis, einmal die Räder zum Stillstand zu bringen, kann der Anfang der Politisierung sein.

Wie mit Jugendlichen arbeiten?
Das Spontane und Unkalkulierbare ist der große Unterschied zu den Gewohnheiten in der gewachsenen Friedensbewegung. Hier gibt es feste Strukturen und Arbeitsgewohnheiten mit viel größerer Verbindlichkeit und Erwartungshaltung. Das heißt nicht, dass die Friedensbewegung "falsch" arbeitet, aber eben anders. Damit gibt es Grenzen, aber auch die Chance, sich zu öffnen und zu verändern. Tatsächlich sind beide Stile wichtig. Keiner ist der allein richtige. Sie ergänzen sich super, wenn man sich im Anders-Sein belässt. Beide sind zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Situationen unverzichtbar. Nicht umsonst gehen viele Jugendliche zur Anti-Globalisierungsbewegung.

Jugendliche wollen, dass Politik Spaß macht. Der kopflastigen und kämpferischen Diskussionskultur in den Gruppen, der wissenschaftlich analytischen Beschäftigung mit dem Thema und "trockenen", sich wiederholenden Aktionsformen (s. Friedenskundgebung in Köln am 14.9., gähn) stehen Geratsche und chaotischer Arbeitsstil, die spontane Empörung gegen eine Werteverletzung durch die Politik ohne explizites Wissen um Hintergründe und die Aktion als intensives Erlebnis mit Spaß, Phantasie und Kreativität gegenüber. Politische Aktionen sind für Jugendliche attraktiv, wenn sie "spektakulär" und "ausdrucksstark" sind.

Jugendliche wollen mitreden können. Sie wollen eigene Ideen verwirklichen. Und sie haben gute Ideen. Also, greift sie einfach auf. Komplizierten Entscheidungen und langwierigem Abwägen steht der spontane Impuls "Geile Idee" gegenüber. Und sie schaffen es, die Idee zu verwirklichen.

Bis zu 30 Jugendliche bereiteten unsere Projekte monatelang vor. Und die Resultate waren beeindruckend. Benefizkonzerte wurden zu Friedensfeiern, beim Peace Camp entstand eine echte politische Gemeinschaft mit enormer Offenheit. Eine gute Idee der Jugendlichen: Auf Demos einfach das Mikro zur Verfügung stellen. Jede/r konnte dann etwas sagen, singen oder vorlesen. Daraufhin haben Viele etwas vorbereitet, und die Demo wurde ein buntes und lebendiges Ereignis.

Jugendliche wollen jederzeit wieder aussteigen können. Zu Treffen kommen sie meist unpünktlich. Langfristige Termine sind schwierig. Die Gruppe verändert sich ständig. Aber es bleibt ein Kern, der oft als Multiplikator fungiert. Viele sind zwar nicht zur kontinuierlichen Mitarbeit bereit, aber dabei, wenn es drum geht, Sprüche zu pinseln, aufzubauen oder einen Teilbereich, der ihnen Spaß macht, zu übernehmen (Flyer verteilen, Werbung machen, Lieder dichten, Fundraising etc.). Die Jugendlichen kennen sich untereinander und erzählen, was läuft. Und bei der Aktion sind sie dabei, wenn der Funken springt.

Und noch ein paar praktische Tips:
Lasst die Jugendlichen unter sich arbeiten. Wenn zu viele Erwachsene in der Gruppe sind, tun sie sich schwer, weil sie sich "dumm" und unwissend vor so viel Erfahrung fühlen. Begleitet sie. Ein oder zwei von euch sollten als Gleiche unter Gleichen dabei sein.

Überlasst den Jugendlichen ein eigenes Teilprojekt. Versucht die Jugendlichen an euren Projekten zu beteiligen. Z.B. bei einer Demo einen eigenen Beitrag (Rede, Lieder, Theater etc.).

Vergesst nicht die Auswertung mit den Jugendlichen nach dem Ereignis. Da gibt es oft Überraschungen (Initiative für weitere Aktionen, tiefe persönliche Erfahrungen und Veränderungen, Tips für Verbesserungen etc.).

Wenn ihr Fragen habt, meldet euch. Bei Interesse bieten wir auch gerne einen Workshop dazu an.

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Thomas Krahe ist aktiv in der Friedensinitiative Bad Tölz-Wolfratshausen und Teilnehmer der Bagdad-Mission des VB.