Der Schwerpunkt des FriedensForums.
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Kolonial- und Kriegspropaganda

Gelernte Gleichgültigkeit. Wie Europa lernte, Afrika zu ignorieren

In jedem europäischen Haushalt ist ein Stückchen Afrika vorhanden: Kongolesisches Coltan im Handygerät, beninische Baumwolle im Kleiderschrank, südafrikanisches Gold im Ehering. Afrikanische Waren haben einen festen Platz in unserem Alltag. Afrikanisches Wissen nicht. 

Knapp ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt in Afrika. Im europäischen Allgemeinwissen ist davon nichts zu spüren. Medien berichten selten über afrikanische Politik. Statistische Erhebungen zeigen, dass deutsche Fernsehnachrichten weniger als 10 % ihrer Sendezeit dem gesamten globalen Süden widmen – also Afrika, Asien, Lateinamerika und dem Nahen Osten zusammen. (1) Schulbücher und Museen sind nicht viel besser. Selbst die deutschen Hochschulen kommen meist ohne Afrikaexpertise aus.

Allgegenwärtig im Konsum, fast nirgendwo in der Bildung. Wie ist dieser Widerspruch entstanden? Er ist das Ergebnis einer langen Geschichte der Produktion von Gleichgültigkeit. Eine Geschichte, die weder das Resultat eines Masterplans noch das Werk einer koordinierten Gruppe ist. Vielmehr setzt sie sich aus der Kumulation vieler Fragmente zusammen – eine dicke geologische Schicht aus zahlreichen Sedimenten des Unwissens. Das massive Desinteresse an afrikanischen Gesellschaften wurde mühsam von einer Vielzahl kleiner und großer Entrepreneure der Gleichgültigkeit erzeugt, die jeweils gute, wenngleich unterschiedliche Gründe hatten, Europa von afrikanischen Realitäten fernzuhalten.  

Hubert Lyautey war einer dieser Entrepreneure der Gleichgültigkeit. Von Beruf war er General, Heerführer und Kolonialgouverneur von Marokko. Während des Rif-Kriegs führte er eine halbe Million Mann gegen marokkanische Unabhängigkeitskämpfer an. Er ließ Freiheitskämpfer erschießen, Zivilisten töten und Dörfer niederbrennen. Er nahm sich jedoch auch die Zeit, das vorhandene Wissen der europäischen Bevölkerung über das Land zu zerstören. Er nahm sich ein Beispiel an Welt im Bild, einer Zeitung der deutschen Kriegspropaganda und gründete eine eigene Zeitung, France-Maroc, um die Lügen der französischen Kolonialverwaltung zu propagieren. Ausgewählte Journalisten und Fotografen zeichneten das Bild einer vermeintlich authentischen und dankbaren, vor allem aber geschichtslosen nordafrikanischen Bevölkerung. Lyauteys Männer zensierten alle Informationen, die ihm missfielen. Auch hier diente das deutsche Vorbild als Inspiration: Max von Oppenheim mit seiner Nachrichtenstelle für den Orient hatte gezeigt, wie es geht.

Marokkanische Zeitungen wurden verboten und widerspenstige Journalisten eingesperrt. Eine sehr erfolgreiche Strategie. Lyautey nannte sie „Politik des Lächelns“. Der Krieg dauerte sechs Jahre (1921–1927); danach wusste die europäische Öffentlichkeit weniger über Marokko als zuvor. Untersuchungen haben gezeigt, dass französische Journalist*innen am Ende des Krieges nicht mehr in der Lage waren, grundlegende Fakten über Marokko zusammenzustellen – Zeitungsberichte waren voller faktischer Fehler über Geographie, Bevölkerungszahlen und Politik. (2) Es gab zwar noch kleine Gruppen von Zeug*innen und Expert*innen – gehört wurden sie nicht mehr.

Propaganda, Zerstörung und Ausschaltung

Die Geschichte Europas wird gern als eine Geschichte des kontinuierlich wachsenden Wissens erzählt. Es ist die Erzählung der Aufklärung: Immer mehr Bildung, mehr Universitäten, mehr Technologie. Das müsste zu mehr Wissen führen – und in vielen Bereichen ist das auch so. Doch Wissen kann auch zerstört werden. In Bezug auf afrikanische Kriege wurde Wissen nicht selten systematisch vernichtet. Die drei Taktiken von Lyautey – Propaganda, Zerstörung und Ausschaltung kritischer Stimmen – wurden von allen Kolonialgouvernements angewendet.

Die Kolonial- und Kriegspropaganda hat mehr als Jahrhunderte lang die europäische Öffentlichkeit mit einer Welle an Falschnachrichten über außereuropäische Gesellschaften überflutet – Deutsche Kolonialzeitung, Colonial Guardian, Bulletin Mensuel de l’union Colonial, das Boletim da Agência Geral das Colónias und unzählbare andere Pressetitel, Kinonachrichten, Radioberichte, Werbeplakate und Prospekte gehörten zwischen der Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhunderts zu den wichtigsten Informationsquellen über die Welt. Andere Informationsquellen wurden manchmal toleriert, manchmal aber systematisch vernichtet.

Als die französischen Kolonialtruppen Algerien eroberten, zerstörten sie osmanische Bibliotheken und Archivbestände. Bevor sie 1962 das Land verließen, vernichteten sie Kartons aus dem Archiv und verbrannten die 40.000 Bücher der Universitätsbibliothek von Algier. Die deutschen Kolonialtruppen führten in Kamerun innerhalb von 30 Jahren mehr als 180 Racheaktionen – also etwa sechs pro Jahr – durch, um Zeugen zum Schweigen zu bringen und herkömmliche Wissensbestände zu vernichten. (3) In Uganda, Tanganyika und Sansibar zerstörte die britische Kolonialverwaltung einen Großteil der Archive, bevor sie das Land verließ. In Kenia, als klar wurde, dass der Krieg verloren war, zerstörte die britische Kolonialverwaltung die Archive so systematisch, dass bis heute nicht vollständig bekannt ist, welche Menge an Informationen verloren gegangen ist.

Wenn die Kontrolle über das Medium nicht genügte, wurden die Produzenten von Information verhindert – oder umgebracht. Der Kameruner Rudolf Manga Bell war klug, mutig, und rhetorisch begabt. Er wurde von der Kolonialverwaltung zunächst am Reisen verhindert, dann eingesperrt, und schließlich erhängt. (4) Die Liste afrikanischer Intellektueller, die vor und nach der Unabhängigkeit umgebracht wurden, ist lang – Kudirat Abiola, Angèle Bandou, Amílcar Cabral, Carlos Cardoso, Dele Giwa, Cecilia Koranteng-Addow, Patrice Lumumba, Félix Moumié, Sylvanus Olympio, Ruben Um Nyobè, Norbert Zongo sind nur einige Beispiele. Einige postkoloniale Herrscher eigneten sich koloniale Schweigetechniken an. Wissen über Afrika zu produzieren, blieb an vielen Orten gefährlich.  

Wer kommt zu Wort und wem wird Aufmerksamkeit geschenkt?

Heißt das, dass kein neues Wissen produziert wurde? Doch, gewiss: Wissen über afrikanische Gesellschaften ist vorhanden – heute mehr als je zuvor. Wissenschaftler*innen, Intellektuelle, Künstler*innen, Journalist*innen und viele mehr produzieren Wissen über Gesellschaften. Aber dieses Wissen ist nach wie vor marginalisiert. Denn die Aufmerksamkeitsökonomie ist auch Ergebnis von Machtverhältnissen. Wer kommt zu Wort und wem wird Aufmerksamkeit geschenkt? Wenn heute Kriege in Afrika ausbrechen, kommen sie für Europäer*innen immer unerwartet. Afrikanische Gesellschaften wirken für europäische Audienzen so fern und fremd, dass ihre Konflikte unverständlich erscheinen. Kriege gelten als irrational, archaisch oder tribalistisch, weil man sonst so wenig über die Geschichte und die Politik dieser Gesellschaften weiß, dass keine andere Erklärung plausibel erscheint. Europäische Kriege dagegen erscheinen selbstverständlich vollkommen rational: Der deutsche Krieg in Afghanistan, der Angriff auf den Iran, die Eroberung Gazas – darüber kann man streiten, als seien dies Ergebnisse politischer Entscheidungen. Afrikanische Kriege dagegen werden oft als willkürliche und apolitische Ereignisse wahrgenommen. 

Anmerkungen

1 Ludescher, Ladislaus: Vergessene Welten und blinde Flecken. Die mediale Vernachlässigung des Globalen Südens. Heidelberg: 2020.
2 Lyautey dagegen wurde berühmt – Schulen und Straßen tragen seinen Namen.  d’Andurain, Julie. "La propagande de guerre aux colonies, fonctions et modalités dans le Maroc de Lyautey." Outre-Mers 390391.1 (2016): 235-250. d’Andurain, Julie. "Le réseau dans le réseau. La phalange coloniale ou la collecte de l’information du «parti colonial»." Outre-Mers 386387.1 (2015): 227-240. Ageron, Charles-Robert. "La presse parisienne devant la guerre du Rif (avril 1925-mai 1926)." Revue des mondes musulmans et de la Méditerranée 24.1 (1977): 7-28.
3 Meyer, Andrea, Savoy, Bénédicte. Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland. Frankfurt, 2023.
4 Richard Hölzl, Bereden, Verschweigen und zum Schweigen bringen: Gewalt und Kommunikation im deutschen Kolonialismus, in: Bettina Brockmeyer, Richard Hölzl, Philipp Müller, Karolin Wetjen (Hg.), Schweigen Machen. Praxeologische Zugänge zur Geschichte des Schweigens, Frankfurt/M.: Campus 2024, 99-124.    

Autor

Prof. Dr. Joël Glasman ist Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Bayreuth und Vize-Direktor des Instituts für Afrikastudien.

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  • Europa
  • Friedensforschung