Französische Atomwaffen für die europäische Sicherheit?

Macrons Rede zur nuklearen Abschreckung

von Regina Hagen
Hintergrund
Hintergrund

45 Minuten nahm sich Präsident Macron Zeit, um die künftige Atomwaffendoktrin Frankreichs zu beschreiben und zu begründen. Der Ausbau des Arsenals und die Einbindung europäischer Partnerländer wurden in den Medien vielfach erwähnt. Die Autorin macht sich Gedanken über diese und weitere Aspekte seiner Rede.

Frankreich beschloss 1958, Atommacht zu werden, führte zwischen 1960 und 1996 knapp 200 Atomwaffentests durch und hält das knapp 300 Sprengköpfe umfassende Arsenal seiner „Force de dissuasion nucléaire française“ (Französische nukleare Abschreckungsstreitmacht) immer auf dem neuen technischen Stand. Die Sprengkraft der französischen Atomwaffen beträgt vermutlich 300 Kilotonnen (für Rafale-Kampfflugzeuge) bzw. 100 Kilotonnen (für U-Boote). Das gesamte nukleare Zerstörungspotential Frankreichs liegt bei etwa 28.000 Kilotonnen. (Zum Vergleich: Über Hiroshima wurden 13 Kilotonnen abgeworfen.)

Seine erste Grundsatzrede zur Atomwaffenstrategie hielt Präsident Macron am 2. März 2020 in der Militärakademie „École de guerre“. Viele Aspekte von damals griff er am 2. März 2026 auf dem U-Boot-Stützpunkt Île Longue wieder auf bzw. führte sie fort.

Das Setting: machtbewusst – und sakral
Macron sprach sein Publikum direkt aus dem „Herzen der Basis Île Longue, einer Kathedrale unserer Souveränität“ an. Die „Kathedrale“, ein 200 m langes, hoch überdachtes Dock, war für die Zuhörer*innen am Kopfende auf drei Seiten mehrreihig bestuhlt. Im Dockbecken hinter dem Rednerpult schwamm das U-Boot Le Téméraire (Der Unerschrockene), das nach einer Wartungsphase in Kürze wieder in den Ozean abtauchen und „seine Rolle als ultimativer Hüter unserer Handlungsfreiheit und unserer Unabhängigkeit“ erfüllen solle. Für die Videoaufzeichnung nahm die Kamera unterschiedliche Blickwinkel ein. War sie von vorn auf Macron gerichtet, ragte das Tiefenruder des U-Bootes wie ein mächtiges Kreuz hinter ihm auf.

Die sakrale Anmutung seines präzise choreographierten Auftritts umrahmte das inhaltliche Credo Macrons: Nukleare Abschreckung sei die Grundlage von Frankreichs Sicherheit. „Alle, die die Kühnheit besitzen, Frankreich angreifen zu wollen, wissen, welch unerträglichen Preis sie dafür zahlen müssten.“ Denn: „Ein einziges unserer U-Boote, wie das hinter mir, hat so viel Feuerkraft wie alle Bomben zusammen, die im Zweiten Weltkrieg auf Europa abgeworfen wurden.“ 

Die Message: mehr Waffen und ein nuklearer Warnschuss
Die Aufrechterhaltung des Status quo reiche allerdings nicht aus. „Wir müssen unsere nukleare Abschreckung gegen vielfältige Bedrohungen stärken.“ Im Jahr 2036 werde L’Invinsible (Der Unbesiegbare), ein U-Boot der dritten Generation, vom Stapel laufen. Für die U-Boote gäbe es neue Raketen, für die Atombomber neue Marschflugkörper, für die seegestützten Rafale neue Sprengköpfe; manövrierfähige Hyperschallraketen seien in Entwicklung. Zusätzlich werde die Zahl der Atomwaffen erhöht. „[U]m jeglicher Spekulation ein Ende zu bereiten“, werde künftig aber nicht mehr offengelegt, wie groß diese sei. „Um frei zu sein, müssen wir gefürchtet werden, und um gefürchtet zu werden, müssen wir mächtig sein. Dieser Aufwuchs unseres Arsenals ist der Beweis dafür.”

Für den Fall, dass sich ein potentieller Gegner vertue, „vitale Interessen“ Frankreichs verletze, mithin die bewusst vage gehaltenen „roten Linien“ überschreite, gäbe es die Möglichkeit „eines nuklearen Warnschusses, einmalig und nicht wiederholbar […], um unmissverständlich zu zeigen, dass sich die Natur des Konflikts geändert hat und dass Frankreich so beabsichtigt, eine letzte Chance zur Wiederherstellung der Abschreckung zu wahren.“ Ein Warnschuss mit einer strategischen Atomwaffe wohlgemerkt, denn taktische Atomwaffen und ein Konzept einer flexiblen Antwort werde es für Frankreich weiterhin nicht geben. Diese Aussage ist nicht neu; sie stand schon 2020 in Macrons Rede. 

Die Neuerung: die Tiefe Europas
Ebenfalls schon 2020 rief Macron die europäischen Länder auf, für die Stärkung des europäischen Pfeilers der NATO selbst mehr Verantwortung zu übernehmen und deutlich mehr in Verteidigung zu investieren. Und er lud interessierte europäische Länder zum strategischen Dialog „über die Rolle von Frankreichs nuklearer Abschreckung in unserer kollektiven Sicherheit“ und zur Teilnahme an Übungsmanövern der französischen „Abschreckungskräfte“ ein.

Nun, sechs Jahre später, verweist Macron darauf, „dass unsere Interessen, die sich auf das französische Mutterland und die Überseegebiete erstrecken, nicht mit dem Verlauf unserer nationalen Grenzen gleichgesetzt werden können. Ist es vorstellbar, dass das Überleben unserer engsten Partner auf dem Spiel steht, ohne dass dies unsere vitalen Interessen beeinträchtigt? Oder umgekehrt, dass eine extreme Bedrohung in Europa nur uns selbst betrifft?“ 

Daraus ergibt sich für ihn: „[W]ir müssen unsere Abschreckungsstrategie unter vollständiger Wahrung unserer Souveränität in der Tiefe des europäischen Kontinents konzipieren, indem wir schrittweise umsetzen, was ich eine vorgelagerte Abschreckung [une dissuasion avancée] nenne. […] Sie eröffnet zuallererst die Möglichkeit, dass Partner an Abschreckungsübungen teilnehmen […] oder sich die Streitkräfte von Verbündeten an unseren nuklearen Aktivitäten konventionell beteiligen. Und schließlich schließt sie die vorübergehende Stationierung von Teilen unserer strategischen Luftkräfte in verbündeten Ländern ein.“

Die Partner: allen voran Deutschland
Eine „erste Gruppe von Verbündeten“ habe der entsprechenden Zusammenarbeit inzwischen zugestimmt, „allen voran natürlich unser wichtigster Partner, Deutschland“, ebenso Polen, die Niederlande, Belgien, Griechenland, Schweden und Dänemark.

Deutschland also. Zeitgleich mit Macrons Rede stellte die Bundesregierung eine gemeinsame Erklärung von Macron und Bundeskanzler Merz online. „Frankreich und Deutschland haben eine hochrangige Nuklear-Steuerungsgruppe eingerichtet, die als bilateraler Rahmen für den verteidigungspolitischen Austausch und die Koordinierung strategischer Maßnahmen dienen soll. Hierzu gehören Konsultationen über die geeignete Mischung aus konventionellen Fähigkeiten, Raketenabwehr sowie französischen Nuklearfähigkeiten“. Dabei gilt: „Diese deutsch-französische Zusammenarbeit wird die nukleare Abschreckung der NATO sowie die nukleare Teilhabe, zu der Deutschland einen Beitrag leistet und auch weiterhin leisten wird, ergänzen, nicht ersetzen.“ Anders als in der NATO wird es keine nukleare Planungsgruppe der beteiligten Länder geben, sondern bilaterale Absprachen, wie die zwischen Macron und Merz, die - ohne vorherige Diskussion im Bundestag - getroffen wurden.

Macron betont, sämtliche Entscheidungen über das französische Arsenal und seinen Einsatz verblieben ausschließlich bei Frankreich und die vorgeschobene Abschreckung sei keine „Garantie im strikten Sinne des Wortes“ für die Partnerländer, vielmehr diene sie den vitalen Interessen Frankreichs.

Die Moral: eine leere Floskel?
Macron gesteht zwar zu, dass „Atomwaffen inhärent Terror verbreiten“ und „moralische Fragen“ aufwerfen, gibt der nuklearen Rüstungsspirale, die seit Jahren im Gange ist, aber weiteren Schwung, und das mit Rückendeckung Deutschlands.

Wir sollten uns davon nicht beirren lassen: Atomwaffen garantieren keine Sicherheit, sondern ultimatives Leiden und maximale Zerstörung. Die Forderung nach Abrüstungsverhandlungen bleibt also aktuell.

Quellen
Speech by the President of the Republic on France’s nuclear deterrence. 2 March 2026. Die Zitate wurden von der Autorin aufgrund ihrer mäßigen Französischkenntnisse aus der offiziellen englischen Version ins Deutsche übersetzt.
Speech of the President of the Republic on the Defense and Deterrence Strategy. 7 February 2020.
Presse- und Informationsamt der Bundesregierung: Joint declaration of President Macron and Chancellor/Gemeinsame Erklärung von Staatspräsident Macron und Bundeskanzler Merz. Pressemitteilung Nummer 41/26 vom 2. März 2026
Hans M. Kristensen et al.: French nuclear weapons, 2025. Nuclear Notebook 4-2025.

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Hintergrund
Sprecherin der Kampagne "Büchel ist überall – atomwaffenfrei.jetzt“ und ehemals verantwortliche Redakteurin der Quartalszeitschrift "Wissenschaft & Frieden".