Redebeitrag für den Ostermarsch in Ansbach am 19. April 2025

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freude,

Herzlichen Dank für die Einladung heute zu sprechen. Mein Name ist Markus Roth. Ich bin evangelischer Theologe. Ich habe eine Teilstelle als evangelischer Pfarrer in Dinkelsbühl-Segringen.Daneben unterrichte ich Erzieherinnen in Gunzenhausen. Und ich reise gerne mit Menschen. Nach innen durch Stilleübungen, Handauflegen und Aufstellungsarbeit. Und nach außen in schöne Länder, in fremde Kulturen.

1999 habe ich an der evangelischen Erlöserkirche mitten in der Altstadt von Jerusalem gearbeitet. Seitdem war ich vielleicht 12 Mal im Heiligen Land. Israel ist ein wunderbares Land. Vom Hermon im Norden bis Eilat am Roten Meer im Süden. Vom Mittelmeer bis zur judäischen Wüste.

Als ich für die Erlösergemeinde arbeitetet bin ich sonntags einfach mit dem VW Bus nach Bethlehem gefahren und habe Gemeindeglieder zum Gottesdienst abgeholt. Das war ganz einfach. Heute geht das nicht mehr. Eine riesige Mauer steht jetzt mitten auf der Straße vor Bethlehem. Diese Mauer schließt das Westjordanland ein.

Wer heute etwas zur politischen Lage in Israel und Palästina sagt bewegt sich auf dünnem Eis.

Die Situation ist so angespannt, energetisch extrem aufgeladen. Unterstützer der einen oder anderen Seite warten nur auf den ersten Fehler.

Die Geschichte zwischen Israel und Palästina ist eine Verletzungsgeschichte.

Keiner kann neutral sein. Die Frage ist, wo habe ich mehr Freunde? Wo sind meine Informationen her? Was berührt mich mehr? Auf welcher Seite schlägt mein Herz deutlicher, lauter?

Im letzten Herbst waren in der Fachakademie in Gunzenhausen zwei Israelis zu Gast. Sie erzählten von Romi, einer Geisel der Hamas. Zwei Tage später war Faten aus Bethlehem zu Gast, sie erzählte von dem Leid der eine Million Menschen in Gaza. Am Ende der beiden Vorträge: Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit.

Inzwischen ist Romi übrigens frei, sie war eine der ersten drei Geiseln, die freigelassen wurden. Gott sei Dank!

Ich bin mit Faten befreundet. Sie lebt bei Bethlehem. Die meisten ihrer Kinder sind in die USA ausgewandert. Sie haben es nicht mehr ausgehalten, hinter der Mauer, im Krieg. Ich fühle mit ihr.

Ich habe einen großen Respekt vor dem jüdischen Glauben und den Judentum in der ganzen Welt. Ich war bei der Beerdigung von Shalom Ben Chorin, dem großen Versöhner zwischen Christen und Juden. Ich habe Vertreter von Rabbies for human rights getroffen. Sie wehren sich gegen israelische Vergeltungstaten. Ich durfte in einer Synagoge in London sprechen. Dort habe ich jüdische Freunde.

Ich habe heute ein Sehnsucht mitgebracht.

Es ist die Sehnsucht von Jesus. Von Mahathma Gandhi und Dietrich Bonhoeffer. Die von Martin Luther King jr.

Es ist die Sehnsucht, dass Völker in Frieden und Freiheit leben. Überall auf der Welt und auch im Nahen Osten, auch im sog. Heiligen Land.

Und ich habe eine Sorge mitgebracht.

Die Sorge, dass der Shalom und der salam, der Frieden keine Chance hat. Dass Krieg und Gewalt gefördert werden und Waffen wieder salonfähig sind. Dass Kriegstüchtigkeit bejubelt und Friedensfähigkeit belächelt wird.

Ich habe die Sorge, dass der gegenseitige Hass sich ausbreitet, in Schulbüchern, Zeitungen und Internet Posts.

Ich habe die Sorge, dass Vernichtungsrufe lauter werden, auf allen Seiten.

Ich versuche die Mitte zu halten:

Ich sage Nein zum Terror der Hamas.

Ich sage aber genauso Nein zum Vernichtungsfeldzug der übermächtigen Armee Israels, der wir die Waffen liefern.

Ich sage nein zu den Raketen, die aus Gaza in die Siedlungen Israels fliegen.

Ich sage genauso nein zu dem Bombardement der Zeltstädte in Gaza auf Menschen, die man gerade wie Tiere von einer Ecke in die andere eines Hochsicherheitsgefängnis namens Gaza Streifen treibt und dann tötet.

Ich sage ja zum Existenrechts Israels. Ich sage auch, dass im selben Atemzug das Existenzrecht der Palästinenser mit genannt werden muss.

Wer übrigens vom Verteidigungsrecht Israels spricht, der muss an die Verantwortung Israels für den Frieden in der Region des Nahen Ostens appelieren und an Verhältnismäßigkeit.

Wer Israel Fahnen hisst, auch an fränkischen Rathäusern, der muss daneben auch die Fahne Palästinas hängen.

Die große Frustration der Palästinenser und der Araber ist doch die: 80 Jahre nach Kriegsende gibt es in der Region trotz aller UN Pläne nur einen wirklichen Staat: Israel. Von einer 2 Staaten Lösung sind wir angesichts des Trümerhaufen Gaza und des Westjordandlands, in das ständig israelisches Militär und jüdische Siedler einbrechen, Lichtjahre entfernt.

Die Gefahr für den Frieden sind die Extremen auf beiden Seiten. Sie sitzen auf beiden Seiten auch an der Regierung. Wer die Hamas Terroristen nennt, der muss Mitglieder der Regierung Israels ebenso bezeichnen.

Solange Schulbücher auf beiden Seiten Ignoranz und Hass fördern, wie kann dann Frieden entstehen?

Solange man in Israel in die Kita kann, in die Schule, an die Uni und auf 6spurigen Straßen zur Mall fährt – und seit 2023 keinerlei Bildung in Gaza möglich ist – wie soll da Frieden entstehen?

Ich bitte dringend um wichtige Unterscheidungen:

Wer den Zionismus kritisch sieht ist kein Antisemit. Wer die Regierung Israels ermahnt, ist kein Antisemit. Wir müssen deutlich allen antisemitischen Bestrebungen widersprechen. Aber

Antisemitismus ist etwas anderes wie Kritik am Staat Israel und an der zionistischen Bewegung.

Meine jüdischen Freunde in London sind Kritiker Israels und Anti-Zionisten!

Alle meine arabischen Freunde sind keine Antisemiten, sie sind selbst Semiten!

Hören wir die mahnenden Stimmen, die zum Frieden rufen: Hören wir auf den Uno Generalsekretär, der Gaza zum killing field erklärt und beklagt, dass keine bzw. viel zu wenig Hilfslieferungen Gaza erreichen.

Es geht die Sorge um, dass Gaza ausgehungert werden soll.

Hören wir auf  Moshe Zimmermann, den israelischen Historiker,

der in Israel lebt aber von einer Krise des Zionismus – spätestens seit Oktober 2023 - spricht und die Sinnlosigkeit aller Militäraktionen für einen Frieden benennt.

Er fragt zu Recht ob nicht Jüdinnen und Juden überall auf der Welt aktuell sicherer Leben als im Staat Israel?

Auch für Russland und die Ukraine, aber auch für den Nahen Osten gilt:

Die bleibende Lösung sind Verhandlungen, keine Waffen.

Ich klage die Einseitigkeit an, in den Medien, in den Diskussionen, auch in den Kirchen.

Zuletzt: Religiöse Urkunden, sei es die Bibel, der Tanach, der Koran: sie dürfen nicht für Grundbücher gehalten werden und zur Enteignung von Land dienen und auch nicht zur Rechtfertigung von Krieg und Gewalt. Wir brauchen in allen Religionen eine kritische Lesekunst religiöser Schriften.

Was ich nicht ertrage: Wenn auch von kirchlicher Seite erklärt wird, dass die Schuld für fast 50.000 Tote in Gaza nicht Israel trägt, sondern die Palästinenser selbst.

Meine Sehnsucht ist der Shalom, der salam, der Friede Gottes, der höher  ist als alle Vernunft.

Heute ist Karsamstag. Der Tag der Grabesruhe.

Sie haben Jesus, die Liebe Gottes, gekreuzigt. Sie kreuzigen auch heute die Liebe mit Gewalt.

Ich hoffe auf Bildung, auf Herzensbildung.

Der Weg einer Gewaltspirale wird von Menschen gegangen, die keine Liebe im Herzen spüren, keine Achtsamkeit, kein Mitgefühl.

Wir alle brauchen Herzensbildung. Mitgefühl.

So wie es der kleine junge auf dem World press Foto von mir bekommt, dessen Arme in Gaza zerrissen wurden. Zeigen wir Mitgefühl, werben wir für Herzensbildung und sehnen wir uns nach Frieden.

Vielen Dank.

 

Markus Roth ist Ev. Pfarrer in Dinkelsbühl-Segringen.