Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des "FriedensForums" (Heft 4/2026) befasst sich mit alternativen Sicherheitskonzepten. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 7. August 2026 in Bad Kreuznach
- Sperrfrist: 7.8., Redebeginn: 12 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Freundinnen und Freunde,
Als ich in den Vorjahren zum selben Anlass sprach, war die Botschaft, dass ohne eine parlamentarische Diskussion und Beschlussfassung, die Aufstellung neuer, erstschlagsfähiger US-Raketen in Deutschland ab 2026 beschlossen sei. Dann haben die USA ihre Pläne geändert. Die Bundesregierung wird das wohl auch in der Zeitung gelesen haben.
Die Freude aller, die Westeuropa nicht als Schauplatz eines Atomkrieges sehen wollten, konnte nicht lange anhalten. Wie schon 1978 war es wieder ein deutscher Kanzler, der eine „Raketenlücke“ zu entdecken vorgab und diese dann mit 400 in den USA zu kaufenden Marschflugkörpern Tomahawk schließen will. Geschosse, bei deren Herannahen im Zielgebiet niemand weiß, ob die nun konventionell oder atomar bestückt sein werden.
In den 80er Jahren gingen Millionen auf die Straßen, in Bonn, in Stuttgart, auf dem Hunsrück, weil ihnen klar war, dass die Stationierung von Pershing II und Cruise Missle, bei Vorwarnzeiten von 20 bis 30 Minuten, schon die Gefahr eines auf Europa begrenzten Atomkrieges aus Versehen heraufbeschwören würden.
Vorwarnzeiten bei den neuen US-Raketen von 8 bis 10 Minuten treiben unsere Gefährdung auf sie Spitze. Auch die für uns in Bad Kreuznach, im Kriegsfall Zentrum eines tödlichen Dreiecks zwischen der Airbase Ramstein, der Drehscheibe für alle US-Kriege in Westasien, der Kommandozentrale für die „Dark Eagle“ Hyperschallraketen in Wiesbaden und dem Flugplatz Büchel. Von dem aus sollen in sog. Ernstfall Atombomben von deutschen B 35 Bomber, geflogen von deutschen Soldaten, eingesetzt werden.
Wir fordern die Beendigung dieser Atomaren Teilhabe, wie vor knapp 20 Jahren schon einmal der Bundestag. Leider nur mit einer Resolution, nicht mit einem Gesetz.
Nie dürfen Atomwaffen in deutsche Hände gelangen!
Statt über neue Massenvernichtungswaffen zu fantasieren, sollten sich alle Bundestagsparteien zu den bestehenden internationalen Verpflichtungen bekennen.
Bedauerlicher Weise beteiligt sich das offizielle Deutschland nicht mal mehr an den Verhandlungen über eine Unterzeichnung des Atomwaffen-Verbotsvertrags der UN, den bisher 95 Staaten, somit ungefähr die Hälfte der UN-Mitglieder unterzeichnet und 75 ratifiziert haben.
Nicht genug damit, will die Bundeswehr in naher Zukunft mit der französischen Armee gemeinsame Nuklearübungen durchführen. Wozu fragen wir uns?
Käme es zu einem Atomkrieg mit Angriffen auf die vorhin genannten Stützpunkte um uns herum, es würden die Lebenden die Toten beneiden. Unsere Friedensfreunde, Dr. Eva und Dr. Andre Borsche, die viel Erfahrung und Verdienste bezüglich der Behandlung von Kriegsopfer haben, weißen immer wieder darauf hin, dass in dem Fall keiner mehr wirksame Hilfe, ob medizinische oder andere, werde leisten können.
Es gibt auf der Erde 9 Staaten mit Atomwaffen. Israel, dessen Vorgehen in Gaza und im Libanon weltweit fast ausnahmslos als Genozid verurteilt wird, besitzt alleine bis zu 300 atomare Massenvernichtungswaffen.
Das Vorgehen der USA und Israels führt auch dazu, dass im globalen Süden weiter die Überzeugung zunimmt, dass man vor „denen“ nur sicher sei, wenn man selbst Atomwaffen habe. Keine neue, aber eine sehr verhängnisvolle Entwicklung.
Was uns dieser Tage wohl alle weiter stark bewegt ist, dass die Regierenden in Israel und ihre Armee weiter den Hunger zur Waffe gegen 2 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser machen, fast die Hälfte von ihnen Kinder und Jugendliche. Es gibt nichts, was das rechtfertigt. Auch nicht der Angriff vom 7. Oktober 2023 der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf Israel. Der hat eine lange Vorgeschichte. Auch Verbrechen wie das Shatila-Massaker von 1982, bei dem unter politischer und militärischer Verantwortung von Sharon 3.000 palästinensiche Zivilisten abgeschlachtet wurden, gehören dazu. Einige von uns haben ja bei unseren Libanonreisen Kifah Afifi kennengelernt, die dabei 28 Angehörige verloren hatte.
Die Bundesregierung muss die Waffenlieferungen nach Israel einstellen und darf sich nicht länger den Forderungen aller anderen EU-Staaten blockieren, Handelsabkommen zu suspendieren, imsbesondere gegen Waren aus den illegalen Siedlungen in den besetzten Gebieten. Und sie darf nicht länger schwerverletzten Kindern aus Gaza, denen auch hier in Bad Kreuznach medizinische Hilfe geleistet könnten, die Visa verweigern.
Ich sah Aufnahmen, wie mutige junge Israelis öffentlich ihre Einberufungsbescheide verbrannten. Sie gehen dafür auch ins Gefängnis. Ich sah israelische Wissenschaftler, Journalisten und andere Persönlichkeit öffentlich anklagen, dass ihr Staat Völkermord betreibt. Sie nicht zu unterstützen heißt auch, denen in den Rücken zu fallen, welche die humanistischen Traditionen des Judentums bewahren und leben.
Ich will an dieser Stelle nicht auf weitere Kriege eingehen, nicht in Afrika, auch nicht auf den in der Ukraine, mit seiner langen Vorgeschichte. Fest steht für mich, dass es nirgends eine Friedenslösung geben wird, wenn nicht die Sicherheitsinteressen aller berücksichtigt werden. Ich denke, dass da die diplomatische Lösung der sog. Kuba-Krise von 1962 ein Vorbild sein kann. Keine Atommacht auf der Welt wird es hinnehmen, dass ihr die gegnerischen Raketen vor die Nase stellt.
Lasst mich jetzt noch etwas sagen, was mir weiter sehr am Herzen liegt. 2/3 der jungen Menschen unter 30 lehnen weiterhin eine Wehrpflicht, überhaupt alle Zwangsdienste ab. Ich bin auch froh darüber, dass diese Position der Gewerkschaftsjugend seit dem jüngsten DGB-Bundeskongress mehrheitlich vom DGB unterstützt wird.
Seit letztem Jahr gingen mehrfach 50.000 junge Menschen gegen Kriegs- und Zwangsdienste auf die Straße, trotz verschiedener Einschüchterungsversuche. Ihr nächster Streiktag wird der 25. September sein. Hoffentlich auch in Bad Kreuznach. Für den Tag danach rufen die Gewerkschaften auf, in 15 Großstädten gegen den Sozialabbau zu demonstrieren.
Heute Mittag ab 15 Uhr können wir hier in Bad Kreuznach schon mal mitmachen. Und zeigen, dass die Friedensbewegung auch ein Teil dieser Bewegung ist. Als langjähriges aktives Gewerkschaftsmitglied sage ich vor allem in Richtung unserer Vorstände: Kolleginnen und Kollegen, verschließt nicht die Augen vor dem Elefanten im Raum. Hunderte von Milliarden für die Kriegstüchtigkeit lassen sich nur finanzieren, wenn bei Bildung, Krankenversorgung, Renten, Infrastruktur usw. der Rotstift angesetzt, wenn der 8-Stunden-Tag, der Kündigungsschutz und andere Errungenschaften beseitigt werden.
„Die Waffen liefern die Reichen, die Armen liefern die Leichen“?
Und letztere bezahlen auch die Waffen, derweil die erstgenannten noch reicher werden.
Auch deshalb zum Abschluss mein Appell gegen alle Zwangsdienste, besonders auch an meine
Generation, und die klare Absage an jene, die Kriege vorbereiten.
Reinhard Mey besang das so:
„Die Kinder schützen vor allen Gefahren,
ist doch meine verdammte Vaterpflicht.
Und das heißt auch,
sie vor euch zu bewahren!
Nein, meine Söhne geb' ich nicht!“
Und auch nicht die Töchte willl ich ergänzen.
Vielen Dank.
Volker Metzroth ist aktiv bei der Gruppe "Aktiv für Frieden" in Bad Kreuzach.