Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Magdeburg

 

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 10 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Borries,
werte Gäste aus Magdeburg und vielleicht aus anderen Orten,

heute, beim Erinnern an die Menschen von Hiroshima 1945, erinnere ich Sie zuerst an jenen Gingko-Baum, der im Zentrum der unvorstellbaren Explosion als einziger überlebt hat. Wieso? Ich weiß es nicht, war es Glück, seine innere Kraft, sollte er zum Zeichen für etwas Neues werden? Heute steht ein Setzling von genau diesem Baum in Hiroshima hier in Magdeburg, mitten in unserer Stadt, gleich neben dem Lukashügel mit der Gedenkstätte für Hiroshima und Nagasaki. Zeichen für etwas Neues!

Ein Film dieser Tage zeigte eine alt gewordene Frau, die von ihrem Schicksal und dem anderer in Hiroshima erzählte. Tief berührend. Doch jene Zeuginnen und Zeugen sterben. Wer malt uns dann vor Augen, was eine Atomwaffe anrichtet? Lesen von Augenzeugenberichten? Wer von Ihnen macht sich diese Mühe?

Dann haben wir noch die Physiker als Zeugen: Wissenschaftlich beschreiben Sie die Wirkung nur einer Atomwaffe: Druckwelle – Radioaktive Strahlung – thermische Strahlung – nuklearer Winter in der Atmosphäre. Was jedoch jede einzelne dieser Wellen für Menschen, Tiere und Pflanzen bedeutet, das wagt kaum jemand genau zu beschreiben.

Atomwaffen sind die einzigen je erschaffenen Waffen mit der Fähigkeit, alle komplexen Lebensformen auf der Erde zu vernichten. Ein wirksamer Schutz vor ihnen ist nicht möglich. Die Auskunft der Physiker – was löst die bei Ihnen aus? Auch Angst, wie bei mir?

Haben wir nicht 1986 beim Unglück von Tschernobyl einen ganz winzigen Vorgeschmack bekommen, als so vieles verseucht war und Menschen wohl auch gerade hier in Magdeburg krank wurden?

Genau deshalb haben am 12. April 1957 die 18 führenden Physiker in der „Göttinger Erklärung“ gefordert, „dass die BRD ausdrücklich und freiwillig auf den Besitz jeder Art von Atomwaffen verzichtet.“ Sie wussten zu genau von den Auswirkungen und blieben dabei nüchtern. Bei der Angst allein stehenzubleiben, lähmt. Der Lebenswille der versehrten und kranken Menschen aus Hiroshima, er macht eher Mut und bringt in Bewegung.

Als Christ ist mir der Weg des Jesus aus Nazareth wichtig geworden, der die Menschen zu einer aktiven Gewaltfreiheit einlädt und herausfordert. So beschreibt der Theologe Helmut Gollwitzer die Haltung, die daraus wächst:
Gollwitzer nennt die atomare Bewaffnung eine „obrigkeitlich betriebene Vorbereitung des widerlichsten Massenmordes“. Und zu dem Gebot „Du sollst nicht morden“ schreibt er: Dem Mord aber steht Gott entgegen. Solange das Kunststück nicht gelingt, von der Anwendung der ABC-Waffe zu zeigen, dass sie etwas anderes als Massenmord sein kann, wird Kirche nicht nur den Christen, sondern allen Menschen laut zu sagen haben: Auf solchem Tun liegt niemals Gottes Segen. Mit solchem Tun kann nur genau das Unheil geerntet werden, das man mit ihm abzuwehren hofft. Die Kirche wird nicht nur die Christen, sondern jeden Menschen davor warnen müssen, sich auch nur mit dem kleinen Finger an Atomwaffen und Abschreckung zu beteiligen.

Wie wir sehen, bewirken die Warnungen von Zeitzeugen, von Physikern und Theologen wie H. Gollwitzer in der gegenwärtigen Politik wenig. Parteien mit dem C und mit dem S und mit dem A sind mit dem Rat der EKD darin einig: Die Welt ist so in Unordnung geraten, dass wir auf Atomwaffen und weitere Rüstung in anderen Bereichen nicht verzichten können. Abschreckung gehört zur Kriegstauglichkeit. Nur mit den US-Atomwaffen in Büchel und auch sonst hoch gerüstet sind wir sicher. Sicher? Ich halte das für eine verhängnisvolle Falle, wenn gemeint wird: Wer den Frieden will, muss den Krieg vorbereiten. Am 17. Juli zur Pressekonferenz aus Anlass der neuen deutsch-französischen Atomwaffenzusammenarbeit definiert Präsident Macron das Ziel der gemeinsamen Abschreckung: „... dass wir bei unseren Gegnern mehr Unsicherheit schaffen…Wie gesagt, wir wollen damit Unsicherheit bei unseren Gegnern säen.“ In dieser abschreckenden Sicherheitslogik sehe ich eine völkerrechtswidrige Verunsicherungslogik. Die Charta der Vereinten Nationen beginnt mit dem Satz: „Wir, die Völker der Vereinten Nationen (sind) fest entschlossen, künftige Generationen vor der Geißel des Krieges zu bewahren …“ Das Völkerrecht geht davon aus, dass alle Mitgliedsstaaten bereit sind, ihre Konflikte friedlich zu lösen und dass sie sich mit allen Kräften dafür einsetzen, dass auch ihre Gegner dazu bereit werden. Diesen Geist, diese Friedenslogik und diese Praxis vermisse ich z.Zt. in unserem Land weithin.
Mir kommt Erasmus von Rotterdam in den Sinn. Bereits 1517 schrieb er ein Büchlein: „Die Klage des Friedens“. Der Frieden ist darin eine Frau, die in Europa keine Heimat mehr findet. Das aber ist die Aufgabe der Verantwortlichen und der Bevölkerung, dem Frieden eine Heimat in unserer Mitte zu geben!

Was also machen wir, ich und Sie als je Einzelne?

  • Setze ich mich auf das Sofa der Ohnmacht und ruhe mich aus? Ich kann ja doch nichts..usw.
  • Warte ich auf die Gewöhnung an die Gefahren?
  • Bejahe ich Atom- und andere Waffen noch als derzeit notwendige Übel?
  • Werde ich aggressiv gegen mich in der Verzweiflung oder gegen andere als jemand, der mit Gewalt genau das tut, was er bekämpft?
  • Werde ich wach und hellhörig und suche mit anderen gemeinsam Pfade nach Utopia?
  • Lasse ich mir aus humanitären oder christlichen Wurzeln Kraft für neue Fantasie und neue Wege zuwachsen? Was also machen wir, Sie als je Einzelne und ich?

Gibt es etwas, was wir hier von Magdeburg aus gemeinsam suchen? z.B.

  • In den Schulen werden Wege zur Friedenstüchtigkeit gesucht, nicht zur Kriegstüchtigkeit.
  • Völkerrecht und Menschenrechte sowie die Rechte der Natur werden kreativ in die Gesellschaft eingebracht, weil sie als verbindliche Basis für Menschen und Gruppen unterschiedlichster Prägung dienen, als gemeinsame Werte und Ethik. Sie können BotschafterIn dafür werden.
  • Training für den Umgang mit Konflikten auf vielen Ebenen unserer Gesellschaft.
  • Sich in Friedensfragen aus- und weiterbilden, weil die Friedensforschung und Friedenspraxis längst weitergegangen sind.
  • Die Bürgermeister:innen für den Frieden können gemeinsam fordern: Deutschland tritt dem Atomwaffenverbotsvertrag bei, dem bereits 100 Staaten angehören. Und:
  • Das Verbot aller Spielarten von Atomwaffen gehört ins Grundgesetz.
  • Magdeburg wird zur atomwaffenfreien Zone erklärt.
  • Das ist unser Traum: Magdeburg wird Friedensstadt aktiv und engagiert – auch aufgrund seiner Geschichte.

Ich höre heute die Klage des Friedens, dessen Heimat in unserer Mitte bedroht ist. Daran möchte ich mich nicht gewöhnen. Frieden braucht Bilder und Zuversicht. Deshalb gebe ich Ihnen heute wieder den kleinen, verletzlichen und doch so kraftvoll wachsenden Gingko-Baum am Lukashügel mit auf den Weg. Möge sein Bild in Ihnen und uns allen wachsen – zu neuen kleinen und großen Schritten des Friedens.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

 

Eberhard Bürger ist aktiv beim Versöhnungsbund Regionalgruppe Magdeburg.