Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Konstanz

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Friedensfreunde und Friedensfreundinnen,

es ist gut, in der Gluthitze einen Sonnenschirm zu haben. Er schützt. Es ist gut, bei Regen ein Regenschirm zu haben. Der schützt vor Regen. Doch ein Atomschirm schützt nicht. Im Gegenteil: Er zieht Atomraketen an. Das Wort „Atomschirm“ ist ein Falschwort. Es gaukelt Sicherheit vor. Es provoziert die Gefahr. Wir müssen diese Täuschung entlarven. Der Atomschirm ist eine atomare Abschreckung mit Androhung von wechselseitigem Völkermord durch Kernwaffen.

Heute und am 9. August haben vor 81 Jahren US-Streitkräfte Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki geworfen. 65.000 Menschen starben unmittelbar und weitere 200.000 im Verlauf der kommenden Jahre. Das ist ein Menschheitsverbrechen von einem ungeheuerlichen Ausmaß. Das Ausmaß der Zerstörung und der Verletzung brannte sich durch die Bilder der bedrohlichen Atompilze ins Menschheitsgedächtnis ein.

Die beiden im Krieg eingesetzten Atomwaffen sind Mahnung und Verpflichtung, niemals wieder auch nur mit dem Einsatz solcher Waffen zu drohen. Hiroshima erinnert uns daran: Nicht die Fähigkeit zur Vernichtung schafft Frieden, sondern die Bereitschaft zur Frieden ohne Gewalt. Wir wissen, was einmal geschehen ist, kann noch einmal geschehen kann.

Deshalb stehen wir heute hier und verneigen uns vor den Opfern. Die entsetzlichen Bilder von Tod und Zerstörung durch die Atombombe vor Augen, hatte die Menschheit gelernt: Drohung mit und Einsatz von Atomwaffen verstoßen grundsätzlich gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts. So heißt es in einem Gutachten, das der Internationale Gerichtshof vor genau dreißig Jahren in einem Gutachten festgestellt hat.

Seit 30 Jahren gilt: Völkerrechtlich verboten ist die Herstellung, Erprobung, den Besitz und die Lagerung, die Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen. Atomwaffen verstoßen gegen das Völkerrecht und die Menschenrechte. Die Politik sollte endlich das Völkerrecht und die Menschenrechte ernstnehmen. Denn immer lauter werden die Stimmen aus der Politik, die einen atomaren Schutzschirm fordern. Das Verbot von Atomwaffen ist geltendes Völkerrecht seit 2021. […]

Aufrüstung wird wieder zu einem profitablen Geschäftsmodell. Die Reformen der Bundesregierung haben nur ein Ziel: Sie sollen die milliardenschwere Aufrüstung gegenfinanzieren. Fast jeder dritte Euro des Bundeshaushalts 2027 geht für Panzer, Kampfflugzeuge, Drohnen drauf. Die Zinslasten für schuldenfinanzierte Rüstungsausgaben sollen bis 2029 auf über 65 Milliarden Euro steigen – jeder achte Euro im Haushalt für die Aufrüstung. Und Zinsen gehen an die Vermögenden, die dem Staat Geld geliehen haben.

Für die Hochrüstung wird unten gekürzt – also bei denen, die es ohnehin nicht leicht haben: bei der Grundsicherung für Erwerbslose, beim Wohngeld, bei der Rente, beim Elterngeld, beim Unterhaltsvorschüssen für Alleinerziehende oder bei den Kinderzuschlägen, bei den Alten und Kranken, denn sie werden schlechter versorgt. Von den dramatischen Kürzungen bei der Entwicklungshilfe ganz zu schweigen! Die Einsparungen werden Menschenleben kosten, so die Präsidentin von Brot für die Welt. Aufrüstung ist ein Verbrechen an den Armen. Aufrüstung tötet auch ohne Krieg.

Seit 2021 sind im Atomwaffenverbotsvertrag der UNO Atomwaffen, ihre Herstellung, ihr Besitz, ihre Verbreitung, die Androhung ihres Einsatzes und ihr Einsatz international verboten und völkerrechtlich geächtet. Wir dürfen nicht schweigen, wo Menschenverachtung, Krieg und die Drohung mit atomarer Gewalt wieder salonfähig werden.

Wir fordern die Bundesregierung Deutschland auf, dem UN-Atomwaffen-Verbotsvertrag endlich beizutreten. Keine atomwaffenfähige US-Raketen auf deutschem Boden. Statt nuklearer Teilhabe im Rahmen der NATO brauchen wir Abrüstungsinitiativen.

Ich kann nicht schließen ohne eine Ermutigung: Christinnen und Christen lassen nicht ab von ihrer biblischen Vision: „Schwerter in Pflugscharen umzuschmieden“. Deshalb, liebe Friedensfreunde: Wir wollen nicht kriegstüchtig werden. Lasst uns friedenstüchtig werden! Dem Rüstungswahnsinn müssen wir entgegenhalten: „Frieden schaffen ohne Waffen“.

Vielen Dank.

 

Prof. (em.) Dr. Franz Segbers ist Sozialethiker und altkatholischer Theologe.