Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Schwerin

 

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 17 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Ich begrüße Sie im Namen der IPPNW-Regionalgruppe MV.

IPPNW steht für „Internationale Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges - Ärztinnen und Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.“

Am 6. und 9. August 1945 zerstörten die USA mit zwei Atombomben die Städte Hiroshima und Nagasaki und brachten damit unvorstellbares Leid über die Bevölkerung, dass bis heute andauert. Als die erste Bombe 600m direkt über dem Shima-Hospital Hiroshimas explodierte, befanden sich etwa 350.000 Menschen in der Stadt. In einem Umkreis von 500 Metern um den "Ground Zero" waren 90% der Menschen sofort tot. Die Temperatur im Epizentrum, dem Zentrum der Explosion, betrug eine Sekunde lang mehr als eine Million Grad Celsius. Am Boden darunter, am Hypozentrum, waren es noch 3000 bis 4000 Grad Celsius und es blieben nur die Schatten der Menschen und Häuser übrig. Glas und Eisen schmolzen, der Asphalt brannte. Eine ungeheure Druckwelle, die noch im Umkreis von 40 Kilometern wahrgenommen wurde, zerstörte die Stadt. Es folgten Feuerstürme mit Windgeschwindigkeiten über 250 km/h. Am Ende des ersten Tages waren mindestens 70.000 Menschen gestorben. Der Druck ließ die inneren Organe der Menschen zerplatzen, vielfach traten die Augäpfel aus den Augenhöhlen. Die Kleidung brannte
sich in die Haut hinein und viele Menschen konnten nicht mal mehr identifiziert werden.

In Hiroshima starben bis Ende des Jahres 1945 etwa 140.000 Menschen, in Nagasaki waren es 74.000 Menschen. Viele Menschen erlitten oder starben an Verbrennungen, an physischen Traumata durch die Zerstörung ihrer Städte oder an der akuten Strahlenkrankheit. Diese hat vielfältige Symptome: Schwindel, Erbrechen, Fieber, Haarausfall, Durchfall, schwerer Flüssigkeitsverlust. Durch die Schädigung der blutbildenden Zellen im Knochenmark kommt es zu Störungen der Blutgerinnung mit schweren, oft tödlichen inneren Blutungen sowie zur Abwehrschwäche mit lebensbedrohlichen Infektionen.

Viele überlebten schwer verletzt oder leiden bis heute an den Spätfolgen. An Langzeitfolgen sind neben Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten und Fehlbildungen bei Neugeborenen vor allem Krebserkrankungen zu nennen: Krebserkrankungen des blutbildenden Knochenmarkes (Leukämien), Krebserkrankungen von Blase, Brust, Lunge, Speiseröhre, Magen, Darm und Gehirn. Frauen und Kinder sind häufiger betroffen. Die Wahrscheinlichkeit von Tod oder Erkrankung korreliert mit der Strahlendosis, aber man muss auch sagen: Es gibt keine ungefährliche Strahlendosis!

Die Atombombenabwürfe markieren einen Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit – sie zeigten das unermessliche Zerstörungspotenzial nuklearer Waffen. Trotzdem steht die Doomsday Clock heute -81 Jahre danach- bei 85 Sekunden vor 12 – so nah an einer globalen Katastrophe wie noch nie. Und die Atomwaffenstaaten erweitern ihre Arsenale – 119 Milliarden US-Dollar gaben sie dafür im letzten Jahr aus. Doch es auch gibt Hoffnung: Mit dem Königreich Tonga, einem Inselstaat im Südpazifik, haben seit dem 7. Juli 2026 inzwischen 100 Staaten den Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) unterzeichnet.

Denn: schon vor 30 Jahren hat der Internationale Gerichtshof Atomwaffen als völkerrechtswidrig eingestuft. Und seit Inkrafttreten des Atomwaffenverbotsvertrages 2021 ist das Atomwaffenverbot ein international geltendes Völkerrecht! Die IPPNW fordert die Bundesregierung auf, sich an das Völkerrecht zu halten. Ein erster Schritt wäre, dass Deutschland bei der internationalen Überprüfungskonferenz, die Ende Nov./Anfang Dez. in New York 
stattfindet, mit Beobachterstatus teilnimmt und den Beitritt zum AVV vorbereitet – das wäre ein starkes Signal für das Völkerrecht!

Der nukleare Sicherheitsschirm durch die USA war schon immer eine Lüge. Alle US-Kriege haben eines gemeinsam: sie finden nie auf US-Territorium statt. Die USA hätten nie einen nuklearen Schlagabtausch mit Russland riskiert, um Europa zu retten. Früher nicht und heute unter Trump auch nicht.

In diesem Jahr will unsere Bundesregierung–erstmals seit 1991- mit der Stationierung hunderter US-Mittelstreckenraketen mit Erstschlagkapazitäten auf deutschem Boden beginnen. Das ist ein neuer Tabubruch im gegenwärtigen Rüstungswettlauf. Er verschiebt das derzeit bestehende, fragile Kräfteverhältnis auf eine gefährliche Art. Dabei sprechen sich 54 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Umfrage für Initiativen der Bundesregierung zur Begrenzung von landgestützten Mittelstreckenwaffen und für Rüstungskontroll-initiativen aus. Wir haben also die Mehrheit der Bevölkerung hinter uns mit unserer Forderung, keine US-Tomahawk-Marschflugkörper zu stationieren.
Die IPPNW vermisst -wie viele Menschen in diesem Land- eine Beteiligung des Parlaments bei dieser weitreichenden Entscheidung. Diese Waffen schließen keine Sicherheitslücke - wie uns erzählt wird - sie bedeuten eine ungeheure Bedrohung, nicht nur für Russland, sondern vor allem für uns, weil sie Deutschland zur Zielscheibe für einen Präventivschlag machen. Und es ist nicht nur die Bedrohung durch eine nukleare Zerstörung, wir müssen auch noch dafür bezahlen und sollen jahrzehntelang erkämpfte soziale Errungenschaften dafür opfern!

Die militärische Bedrohung ist weit größer, als in den Hochrüstungszeiten des Kalten Krieges der 80er Jahre, denn

  • der aktive Krieg in und um die Ukraine ist ein Pulverfass,
  • die Vorwarnzeiten sind durch Hyperschallwaffen 10x kürzer, sie verkürzen sich auf wenige Minuten, dadurch steigt das Fehlerpotential der versehentlichen Anwendung erheblich,
  • alle begrenzenden atomaren Abrüstungsverträge sind gekündigt, es sind keine begleitenden Verhandlungen zu atomarer Abrüstung - wie in der 80er Jahren - auf internationaler Ebene in Sicht,
  • die Dialogfähigkeit und Kommunikation über sogenannte rote Telefone sind weitgehend eingestellt,
  • das Risiko durch diese Waffen wird nicht – wie in den 80er Jahren - auf mehrere europäische Länder verteilt, sondern allein Deutschland stellt sie auf.
  • und durch die Künstliche Intelligenz kommen noch unkalkulierbare Risiken dazu. OpenAI selbst sprach vor 2 Wochen von einem „beispiellosen“ Cyber-Zwischenfall, als ihre Software sich verselbstständigte, ihre Anwendungsumgebung verließ, sich Zugang zum Internet verschaffte und in eine andere KI-Software einhackte.

Papst Leo der XIV schreibt zu diesem Thema in seiner kürzlich veröffentlichten Enzyklika Magnifica Humanitas:

„Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden, befreit von den Logiken, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen.“

Wir hören immer häufiger die Forderung nach einer deutschen Atombombe. Das widerspricht allen völkerrechtlichen Verpflichtungen, die bisher die deutschen Regierungen eingegangen sind. Wer Frieden will, darf nicht den Krieg, sondern muss den Frieden vorbereiten.

Deshalb haben wir ein Friedensgebot in unserem Grundgesetz!

Unsere Regierung aber hat offensichtlich den Kompass verloren. Sie hat sich in einer Kriegslogik verstrickt, statt nach friedenslogischen Optionen zu suchen, z.B. nach vertrauensbildenden Maßnahmen wie Rüstungskontroll- und Abrüstungsinitiativen, nach einer gemeinsamen (und nicht einseitig definierten) Sicherheitsstrategie in Europa.

Der berühmte Atomwissenschaftler und Pazifist Albert Einstein prophezeite schon in den 50iger Jahren zur nuklearen Gefahr: "Entweder wir schaffen die Bombe ab oder die Bombe schafft uns alle ab."

Und deshalb fordert die IPPNW von der Bundesregierung den Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag, denn -wie ich schon sagte- Atomwaffen sind seit 2021 nach internationalem Recht verboten. Es kann nicht angehen, dass neun Atomwaffenstaaten -plus Deutschland mit dem rechtlich fragwürdigen Konstrukt der nuklearen Teilhabe- dieses internationale Recht missachten und gegen den Willen der Mehrheit die gesamte Menschheit in Geiselhaft nehmen! Und es kann nicht angehen, dass unsere Bundesregierung auch in dieser Frage auf der falschen Seite steht, denn immer noch lehnt eine Mehrheit der Befragten eigene und US-Atomwaffen in Deutschland ab!

Aus medizinischer Sicht müssen wir „Internationalen Ärztinnen und Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges“ Euch sagen:

Wir werden Euch nicht helfen können!

Deshalb gibt es keine Alternative zur atomaren Abrüstung! Es gibt nur ein Nein zu dieser hochgefährlichen militärischen Machtpolitik!

Denn Sicherheit ist und bleibt ein Friedensprojekt und kein Militarisierungs- und Aufrüstungsprojekt!

Vielen Dank!

 

Helge Wolff ist aktiv beider IPPNW-Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern.