Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Stuttgart

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Auswirkungen eines Atomwaffeneinsatzes über Stuttgart

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Heute am Gedenktag des Atombombenabwurfs über Hiroshima soll mit diesem Beitrag auf die katastrophalen Auswirkungen eines Atomschlags hingewiesen werden.

Wir wissen: der Einsatz von Nuklearwaffen führt zur Zerstörung von unvorstellbarem Ausmaß – bis hin zur Auslöschung der gesamten Menschheit.

Wir wissen: Nuklearwaffen wirken bei ihrer Anwendung in dreifacher Weise: durch Wärmestrahlung, durch Druckwellen und durch radioaktive Strahlung – auch weit entfernt vom Ursprungsort.

Die Wärmestrahlung bei der Explosion beträgt im Bereich des Atomdomes 3.000 – 4.000°C. Durch die hohe Temperatur der Wärmestrahlen werden menschliche Körper, Kleidungsstücke und sogar ganze Häuser fast vollständig verbrannt. Es gibt Feststellungen, wonach die Körper einzelner Atombombenopfer, die sich im Hypozentrum aufhielten, restlos verdampft sind.

Die Explosion löst eine ungeheure Druckwelle aus. Diese Stoßwelle von 100.000 bar breitet sich rasend schnell konzentrisch in alle Richtungen aus. Menschen werden weggeblasen, die Haut wird abgeschält, innere Organe zerplatzen. Hinzu kommen die Verletzungen durch umherfliegende Gebäudeteile, über zig Kilometer vom Zentrum entfernt.

Sofort verbreitet sich eine sehr hohe radioaktive Strahlung, die nur von Nuklearwaffen ausgeht. Sie tötet Zellen, schädigt Organe und führt zu einem raschen Tod.

Nach der Explosion kommt es zu einem radioaktiven Fall-out, einem Niederschlag von hoch radioaktiven Teilchen. Diese schädigen die Zellen, führen zu Erbgutveränderungen und Mutationen und lösen bösartige Neuerkrankungen aus.

Bei den beiden Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki starben 100.000 Menschen sofort. Bis Ende 1945 wurden weitere 130.000 Tote verzeichnet (Wikipedia).

Das ist die eine Seite, die naturwissenschaftliche Aufarbeitung der bekannten Wirkung der Nuklearwaffen.

Zur persönlichen Erfahrung sei auf den Bericht eines Augenzeugen aus Hiroshima verwiesen, Herrn Akihiro Takahashi. Er erlebte und überlebte als 14-jähriger in unmittelbare Nähe den Atombombenabwurf. Er hat dies in seinem Bericht: „Hiroshima mahnt….“ eindrücklich veröffentlicht. Ich habe Ihnen diesen Bericht mitgebracht. Er liegt an unserem Informationsstand für Sie bereit.

Während meines Medizinstudiums erschien 1983 eine Studie, die mich seither immer wieder beschäftigte. Die wissenschaftliche Untersuchung gibt Auskunft darüber, welche konkreten Auswirkungen ein Atombombenabwurf über der Stadt Ulm haben könnte. Diese Untersuchung wurde als Taschenbuch: „Tausend Grad Celsius. Das Ulm - Szenario für einen Atomkrieg“ veröffentlicht. Autor war die Ulmer Ärzteinitiative, bestehend aus Allgemeinmedizinern, einem Augenarzt und einem Facharzt für Verbrennungen und Strahlenkunde. Das Ulmer Szenario beschreibt darin verschiedene Teilaspekte der Auswirkung eines Atombombenabwurfs auf Ulm und Umgebung

Dieses „Ulm – Szenario“ habe ich auf die örtlichen Gegebenheiten von Stuttgart und Umgebung übertragen und „Stuttgarter – Szenario“ genannt.

Was würde geschehen, wenn über dem Zentrum von Stuttgart eine Atombombe gezündet würde? Wer besäße eine reelle Überlebenschance? Mit welchen Verletzungen wäre bei der Zivilbevölkerung, also bei uns, zu rechnen? Würden die Krankenhäuser in der Lage sein, wenigstens die Schwerverletzten zu versorgen? Was wäre mit der Infrastruktur, mit Straßen, Transportmitteln und der Lebensmittelversorgung der Überlebenden?

Warum Stuttgart, werden Sie fragen.

Stuttgart ist das Zentrum eines der reichsten Bundesländer mit den Zentralen großen Firmen: Mercedes Benz, Porsche, Bosch und anderen, die teilweise in der Rüstung tätig sind. Und in Stuttgart befindet sich das EUCOM (Hauptquartier des europäischen US-Kommandos) und das AFRICOM (Hauptquartier des US-Afrikakommandos) mit 20.000 – 28.000 US-Militärangehörigen.

Das Stuttgarter Szenario

Eine Atombombe von 1 Mt, das entspricht 1 Million Tonnen TNT, wird über dem Schloßplatz von Stuttgart gezündet.

Alles im Umkreis von 1,5 km verglüht. Selbst die Oberflächen von Steinen schmelzen. Dort, wo der Königsbau stand, zeigt sich ein tiefer Krater.

Dieser gesamte Innenstadtbereich, der vom Bebelplatz bis zum Neckartor und vom Marienplatz bis zum Bürgerhospital reicht, existiert nicht mehr. Alle Einwohner in diesem Bereich werden sofort getötet.

Im Umkreis von 4 km fallen alle Gebäude in sich zusammen: von Mitte Botnang bis zur MLP-Arena und von Degerloch bis zum Pragsattel. Es gibt keine Überlebenden. Und diejenigen, die sich vielleicht in Bunkern aufhalten, versterben in kurzer Zeit durch den Sauerstoffmangel infolge des Feuersturmes und der Brände.

Im Bereich zwischen 4 km bis 7 km um das Explosionszentrum werden immer noch 50% der Menschen sofort getötet und weitere 40% schwerstens verletzt. Dieser Bereich reicht vom Schloß Solitude bis Untertürkheim und von Möhringen bis Zuffenhausen. Die Hälfte aller Häuser in diesem Bereich sind durch die Druckwelle zerstört.

Zeitlich versetzt würden durch den radioaktiven Fall-Out bei Südwestwind von Stuttgart bis Baden-Baden niemand überleben, darüber hinaus würden bis Kaiserslautern 50% der Bewohner getötet werden.

Eine Evakuierung der Bevölkerung ist zeitlich und räumlich nicht durchführbar.

Bei den Überlebenden sind schwere Strahlenschäden und schwere Verbrennungen zu behandeln: dazu ist eine ganz intensive und langwierige Therapie notwendig. Im Großraum Stuttgart selbst gibt es dann jedoch keine Kliniken mehr. Abgesehen davon gibt es in den Kernzonen von Stuttgart keine Überlebenden. In den weitläufigen Randzonen wird jedoch eine so große Anzahl von Behandlungsbedürftigen erwartet, dass deren Klinikversorgung unmöglich sein wird. Zum Vergleich: die Hiroshima-Bombe hatte eine Sprengkraft von 12-16 Kto, also 1/62 der 1Mto-Bombe – damals hätten alle verfügbaren Klinikbetten der Welt nicht ausgereicht, die anfallenden Verletzten zu behandeln.

Wege, Straßen und Brücken sowie Eisenbahnstrecken sind zerstört, so dass das Zentrum und die schwer getroffenen peripheren Gebiete nicht erreicht werden können. Lebensmittel können nicht geliefert werden, noch vorhandene und schwer verletzte Überlebende können nicht transportiert werden. Die Infrastruktur ist vollständig zusammengebrochen.

Langfristig führt die Verbreitung der radioaktiven Partikel durch Wind und Wolken zu einer Schädigung auch weit entfernter Gebiete – an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl sei erinnert.

Wer glaubt, einen Atomschlag unbeschadet überstehen zu können, macht sich gefährliche Illusionen. Der Wahnsinn, der in der atomaren Bewaffnung und in jeder nuklearen Aufrüstung liegt, wird in der notwendigen Klarheit sichtbar.

Wir als Ärzte müssen sagen: Wir werden euch nicht helfen können.

Die einzig sinnvolle Verhütung eines Atomkrieges liegt daher in der weltweiten Abschaffung der Atomwaffen und für uns in Deutschland im Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag.

Vielen Dank

 

Dr. Helmut Zehender ist Arzt und aktiv bei der IPPNW.