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Hesinki Citizens Assembly - was ist denn das?
vonZur Friedenskarawane durch Jugoslawien im September hatte die HCA, die Helsinki Citizens Assembly, aufgerufen. Anfang Juli tagten ihre Vertreter und Vertreterinnen in Belgrad und beratschlagten, wie eine europäische Verantwortung in diesem Konflikt wahrgenommen werden könnte. Schließlich liegt eine zentrale Aufgabe der Assembly darin, die Menschen zu einer Arbeit von unten an einem menschlichen und menschenrechtlich verantwortlichen Europa zusammenzubringen.
Aber nicht nur während der Karawane durch die jugoslawischen Republiken, sondern auch in der BRD wurden wir immer wieder gefragt, was ist und was will diese HCA eigentlich? Dies ist nicht leicht zu berichten, kann doch die tatsächliche Politik eines solchen Zusammenschlusses erst aus der verwirklichten Praxis abgelesen werden, aber diese Praxis ist noch nicht weit entwickelt. Die HCA wurde nämlich erst im vergangenen Jahr in einer großen Konferenz vom 19. - 21. Oktober in Prag gegründet.
Die Initiative zu einem Zusammenschluß von KSZE-BürgerInnen von unten stammt noch aus der Zeit vor dem Zerfall des Ostblocks. Die sogenannten Dissidenten in der CSSR, Polen und Ungarn hatten damals ein lebhaftes Interesse, die in Helsinki auf der KSZE-Konferenz vereinbarten Rechte und Freiheiten auch tatsächlich in ihren Gesellschaften durchsetzen zu können. Das wurde ihnen in aller Regel bürokratisch-autoritär verwehrt, denn die herrschenden Parteien wollten wohl die Früchte europäischer Entspannung ernten, nicht aber den innenpolitischen bürgerrechtlichen Preis dafür zahlen. Ein Zusammenschluß von unten, so war die Hoffnung, würde den Oppositionsgruppen in den Ostblockstaaten Unterstützung und politischen Schutz geben, wenn sie ihre Forderungen, wie z.B. die Charta 77 in der damaligen CSSR, vorbrachten. Das Projekt unter den damaligen schwierigen Verhältnissen wurde jedoch von dem rasanten Wechsel im Ostblock überholt. Als schließlich die letzten Vorbereitungen im Frühjahr 1990 in Budapest von den Initiatoren getroffen waren, hatte sich die Situation schon grundlegend geändert. Bis zum Gründungstreffen in Prag im Oktober des Jahres waren aus den Dissidenten mancherorts schon die neuen führenden, ja sogar regierenden Gruppierungen geworden. Vaclav Havel, der auf der Gründungskonferenz sprach, war inzwischen zum Präsidenten aufgestiegen, Jiri Dienstbier sein Außenminister geworden.
Trotzdem, so fanden die beinahe 1000 Teilnehmer, die zur Gründung kamen, war der Ansatz europäischer Zusammenarbeit von unten nicht überflüssig, ja vielleicht dringender und möglicher als je zuvor. In dem Prager Gründungsappell hieß es dementsprechend:
In der vor uns liegenden Übergangsperiode wird der KSZE-Prozeß ein äußerst nützliches Instrument bleiben ... Die Aufgabe der gesamteuropäischen Integration muß von einer breiten Öffentlichkeit getragen werden ... Dieser Prozeß bedarf der beständigen Verstärkung und Vertiefung durch die Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern aller KSZE-Staaten, also einschließlich der Sowjetunion, der USA und Kanadas.
Die Teilung Europas zu überwinden ist in erster Linie die Aufgabe der zivilen Gesellschaft, der Bürgerinnen und Bürger, die in selbstorganisierten Vereinigungen, Bewegungen, Initiativen und Clubs über die nationalen Grenzen hinweg aktiv sind ...
Solche gemeinsame Auffassung kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Oppositionsgruppen in den ehemaligen Ostblockstaaten heute eben nicht mehr Bewegung von unten repräsentieren, sondern nicht selten wichtige Repräsentanten von ihnen eher oben in der Gesellschaft angesiedelt sind. Auch sind in diesen Gesellschaften neue soziale Bewegungen erst im Entstehen. Wie ihr Verhältnis zu den früheren Dissidenten sein wird, ist keineswegs sicher, werden sie sich doch gerade im Kontrast zur nun herrschenden Politik ausbilden müssen. Das alles schränkt die Richtigkeit des Ansatzes der HCA nicht ein, weist aber auf die Schwierigkeiten hin, von ihr aus eine Politik von unten zu entfalten.
Das Sekretariat der HCA ist in Prag angesiedelt. Für die Arbeit wurden sechs internationale Kommissionen gebildet:
1. Entmilitarisierung und Friedenspolitik,
2. Wirtschaft und Ökologie,
3. Probleme des Nationalismus und (kon)föderativer Strukturen,
4. Menschenrechte einschließlich der Rechte ethnischer, religiöser, sexueller und anderer Minderheiten,
5. Zivile Gesellschaft und der institutionelle Prozeß der europäischen Integration,
6. Frauen.
Die Entfaltung der Arbeit der HCA setzt freilich die Bildung wirksamer nationaler Vertretungen oder Zweige in den KSZE-Gesellschaften voraus. Da liegt eine zukünftige Aufgabe, auch in Bezug auf die Bundesrepublik. Bei ihnen kann es sich nicht um Dachorganisationen handeln, die den Initiativen und sozialen Bewegungen überlagert sind. Vielmehr wird Verknüpfungsarbeit zu leisten sein und Kommunikation, so daß immer wieder diejenigen zusammengeführt werden, die an spezifischen europäischen Aufgaben zu arbeiten bereit sind. HCA, das ist also erst ein Anfang, aber ein richtiger, den weiter zu entwickeln es sich lohnt.
Andreas Buro ist Sprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie