Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2021 in Kiel

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

 

Marie Luise Kaschnitz: Hiroshima Hiroshima
Der den Tod auf Hiroshima warf
Ging ins Kloster, läutet dort die Glocken.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Sprang vom Stuhl in die Schlinge, erwürgte sich.
Der den Tod auf Hiroshima warf
Fiel in Wahnsinn, wehrt Gespenster ab
Hunderttausend, die ihn angehen nächtlich
Auferstandene aus Staub für ihn.

Nichts von alledem ist wahr.
Erst vor kurzem sah ich ihn
Im Garten seines Hauses vor der Stadt.
Die Hecken waren noch jung und die Rosenbüsche zierlich.
Das wächst nicht so schnell, dass sich einer verbergen könnte
Im Wald des Vergessens. Gut zu sehen war
Das nackte Vorstadthaus, die junge Frau
Die neben ihm stand im Blumenkleid
Das kleine Mädchen an ihrer Hand
Der Knabe der auf seinem Rücken saß
Und über seinen Kopf die Peitsche schwang.
Sehr gut erkennbar war er selbst
Vierbeinig auf dem Grasplatz, das Gesicht
Verzerrt von Lachen, weil der Photograph
Hinter der Hecke stand, das Auge der Welt.

Dieses eindrucksvolle Gedicht von Marie Luise Kaschnitz entstand 1957. 1957 warnten die 18 führenden deutschen Atomwissenschaftler mit dem „Göttinger Manifest“ öffentlich vor den geheimen Plänen der Adenauerregierung, die eine atomare
Bewaffnung der Bundeswehr anstrebte. Dagegen entstand die „Kampf dem Atomtod“-, die Ostermarsch- und letztlich die Friedensbewegung.

Im ersten Teil des Gedichts werden Reaktionen beschrieben, die wir von jemandem erwarten würden, der solche Schuld auf sich geladen hat. Kaschnitz beschreibt eindrucksvoll, wie „das Auge der Welt“ zuschaut, wie der Hiroshimapilot und mit ihm sein Land nicht von Schuldgefühlen gepeinigt, wahnsinnig wird und in Alpträumen von den Opfern seines Handelns verfolgt wird, sondern dreist grinsend und triumphierend zur Normalität übergeht.

Zwar könnte man sich fragen, welche perverse Charakterstruktur diesen Hiroshimapiloten dazu bringen konnte, seinem die Todeslast tragenden Flugzeug den Namen seiner Mutter, „Enola Gay“, zu geben und die hunderttausendfach todbringende Bombe
„Little Boy“ zu taufen. Eine Mutter, die solch einen „Little Boy“ in die Welt gebar.

Aber dieser Hiroshimapilot steht für eine wahnsinnige und perverse Gesellschaft, die wieder Bomberpiloten in Flugzeuge mit potentiell noch viel tödlicherer Fracht setzt und unter dem Vorwand der Abschreckung schon wieder mit dem atomaren Feuer
spielt.

Wir sind das Auge der Welt und unser empörter, entsetzter Aufschrei bleibt uns zu oft im Hals stecken. Heute ist es ein deutscher Pilot, der in Büchel übt, den vielfachen Hiroshimatod auf Ziele in Russland zu fliegen und der vielleicht
ebenfalls in seinem Zuhause harmlos -“normal“ - mit seinen Kindern spielt. Und der auf Standorte wie Büchel, Ramstein und Africom bei Stuttgart, primären Zielen eines gegnerischen Präventivschlags, den hunderttausendfachen Atomtod auf
Deutschland lenken kann.

Mit ihrer Weigerung, den von ihr unterschriebenen Atomwaffensperrvertrag einzuhalten und keine Atomwaffen auf ihrem Staatsgebiet zu dulden und vor allem mit ihrer aktiven Gegnerschaft zum Atomwaffenverbotsvertrag unterstützt die
Bundesregierung die taktische Ausrichtung der US-Streitkräfte, einen Atomkrieg scheinbar auf Europa begrenzbar und damit führbar zu machen. Die Bundesregierung bietet Europa als atomares Schlachtfeld an!

Wie wahnsinnig ist es, für solche mörderischen und selbstmörderischen Ziele Unmengen an Ressourcen zu verschleudern, die doch dringendst gebraucht würden, um die Klimakatastrophe mit all ihren Folgekonflikten in letzter Sekunde noch zu verhindern!

 

Mechthild Klingenburg-Vogel ist aktiv bei der IPPNW Regionalgruppe Kiel.