Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2022 in Stuttgart

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,
sehr geehrte Damen und Herren,

wir stehen heute hier, weil sich an diesem 6. August der Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima zum 77. Mal jährt. 3 Tage später, am 9. August 1945 wurde über Nagasaki eine weitere Atombombe mit einer noch größeren Sprengkraft abgeworfen.

Sie wissen es alle, die Anzahl der Opfer und das Ausmaß der Zerstörung übertraf alle Vorstellungen und alles bisher Dagewesene. Unmittelbar nach den Atombombenabwürfen starben geschätzt 100.000 Menschen, und bis Ende des Jahres 1945 weitere 130.000 Menschen und in den folgenden Jahren Tausende weitere nach unermesslichem Leid, Krankheit und Siechtum. Die Schrecken der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki sind bis heute gegenwärtig und seit nunmehr 77 Jahren in das Gedächtnis der Menschheit eingebrannt. Noch heute leiden die Überlebenden unter den Folgen der Explosionen und den Spätfolgen, die auch spätere Generationen betreffen. Unsere Aufgabe ist, mit aller unserer Kraft und unserem Engagement zu verhindern, dass Hiroshima und Nagasaki erneut geschehen können.

Gerade heute sieht es aber nicht rosig aus, die Menschheit hat ganz offensichtlich nichts dazu gelernt. Wir sehen nicht nur den unsäglichen Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Gerade in den letzten Tagen erleben wir das Säbelrasseln der Atommacht China gegenüber Taiwan. Es muss uns deshalb klar sein: Die Bedrohung durch Atomwaffen ist heute aktueller denn je, geschätzte 13.000 Atomraketen lagern in den Arsenalen dieser Erde. Wir wissen, dass ein Atomkrieg alles Potential hat, um jedes Leben auf diesem Planeten auszulöschen. Jedem denkenden Menschen ist dabei klar, dass ein Atomkrieg nicht gewonnen werden kann und in die Katastrophe führen muss. Ein Atomkrieg ist nicht zu gewinnen, die Folgen einer atomaren
Auseinandersetzung sind nicht beherrschbar. Die Explosion einer einzigen Atombombe über einer Großstadt wie Stuttgart hätte Tausende und Abertausende Tote zur Folge. Und die Lage wird immer gefährlicher: Alle Atomwaffenstaaten modernisieren ihre Atomwaffen. Immer mehr Staaten entwickeln das Potential, diese unfassbar tödlichen Massenvernichtungswaffen zu produzieren. Eine immer größere Menge und immer perfektere Tötungstechnologie erhöhen die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes.

Dies alles geschieht Jahre und Jahrzehnte nach dem Ende des kalten Krieges, und wir hatten in den letzten 50 Jahren zunehmend auf eine friedliche Entwicklung in dieser Welt gehofft. Tatsächlich gab es in den letzten Jahren ja auch Lichtblicke:

Der 2017 angenommene Atomwaffenverbotsvertrag trat im Januar 2021 in Kraft. Er verbietet die Entwicklung, Produktion und den Besitz von Atomwaffen, außerdem die Weitergabe, die Lagerung und Stationierung, den Einsatz wie auch die Androhung des Einsatzes. Bis heute sind immerhin 86 Staaten dem Vertrag beigetreten. Deutschland hat den Vertrag nicht unterzeichnet, war aber erstmalig als Beobachter bei der Staatenkonferenz in Wien im Juni 2022 anwesend.

Gerade läuft in New York die 10. Überprüfungskonferenz des 1970 abgeschlossenen Atomwaffensperrvertrags, der die nukleare Abrüstung zum Ziel hat. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock hat dabei – und das begrüßen wir ausdrücklich – die humanitären Auswirkungen von Atomwaffen anerkannt. Was hierzu aber nicht passen will, ist die Akzeptanz der Modernisierung der Atomwaffenarsenale – auch derjenigen Atomwaffen, die in Deutschland auf dem Fliegerhorst in Büchel gelagert werden. Was hierzu nicht passt, ist der beschlossene Kauf von F35 Tarnkappenbombern, die mit Atomwaffen bestückt werden können und die sogenannte nukleare Teilhabe Deutschlands fortsetzen. Was hierzu auch nicht passt, ist das 100-Milliarden-Programm für die Aufrüstung der Bundeswehr. Und - was hierzu wirklich gar nicht passen will – und das hätte ich mir von einer grünen Ausministerin nicht träumen lassen – die Aussage von Frau Baerbock, dass „der Einsatz für nukleare Nichtverbreitung und nukleare Abschreckung in diesen Zeiten kein Widerspruch“ sei. Hier müssen wir laut und deutlich protestieren, hier müssen wir mit aller Kraft widersprechen, liebe Freundinnen und Freunde. Das ist falsch und das ist nicht wahr:

Nukleare Abschreckung löst kein Problem. Nuklearwaffen werden keinen Frieden bringen und Nuklearwaffen bergen in den immer komplexer werdenden Systemen die Gefahr von Fehlalarmen. Automatisierte Alarmierungsketten und immer kürzere Reaktionszeiten durch die Entwicklung extrem schneller neuer Atomwaffen wie z. B. Hyperschallwaffen machen es immer möglicher, dass Alarmierungsfehler nicht mehr korrigiert werden können. Es muss nicht einmal ein „flexibler“ oder „präventiver  tomschlag“ sein, mit dem manche Militärs liebäugeln – tatsächlich ist die Gefahr eines Atomkriegs „aus Versehen“ auch dieser Tage ganz greifbar.

All diese Gefahren sind uns bewußt – und natürlich auch den Verantwortlichen in den Regierungen dieser Welt. Trotzdem erleben wir heute, dass der verbrecherische Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine die Gefahr noch einmal erhöht hat. Die Atomwaffenarsenale wurden in Alarmbereitschaft gesetzt, und niemand weiß, ob ein Wladimir Putin immer alle Eventualitäten so kontrolliert, dass er sich immer an seine eigene Erkenntnis erinnert, dass ein Atomkrieg für niemanden zu gewinnen ist.

77 Jahre nach den Atombombenexplosionen in Hiroshima und Nagasaki stehen wir hier und sehen, dass Deutschland Waffen in Kriegsgebiete liefert. Ohne jeden Zweifel steht der Ukraine das Recht auf Selbstverteidigung zu. Aber die Lieferung von Waffen, die immer weitere Eskalation des Konfliktes mit der Beteiligung Russlands und der zunehmenden Beteiligung der NATO wird nicht zum Frieden beitragen.

77 Jahre nach Hiroshima fordern wir deshalb von den Atommächten der NATO und von Russland und China den öffentlichen Verzicht auf den Einsatz von Atomwaffen.

77 Jahre nach Hiroshima fordern wir unsere Bundesregierung auf, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten. Wir fordern von den USA, ihre Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen.

77 Jahre nach Hiroshima fordern wir Russland und die Ukraine auf, Gespräche für einen Waffenstillstand aufzunehmen. Unter neutraler Vermittlung von UN, OSZE oder anderen müssen Verhandlungen geführt werden, die die Sicherheitsaspekte aller Parteien berücksichtigen. Anders wird es keinen Frieden geben.

77 Jahre nach Hiroshima wissen wir:

Nur mit Verständigung und Verhandlungen und Abrüstung wird es uns gelingen, Kriege zu beenden und einen Atomkrieg zu verhindern.

Nie wieder Hiroshima! Nie wieder Krieg!

 

Dr. Robin Maitra ist Arzt und aktiv bei der IPPNW.