Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 5. August 2025 in Hannover

 

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

zum Einstieg einige Fakten i.S. Atomwaffen und der absolut bedrohlichen Lage. Weltweit befinden sich noch immer etwa 13.000 Atomwaffen im Besitz der 9 Staaten

USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und nicht zu vergessen: Israel.

Etwa 1.800 dieser Waffen befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft und stellen eine permanente Bedrohung dar. Auch 80 Jahre nach den Abwürfen der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki hat die Menschheit nicht die notwendige und einzig mögliche Konsequenz daraus gezogen und eine Ächtung von Atomwaffen umgesetzt.

Vor allem aber – ich zitiere aus der jungen Welt vom 4.8. - : „Nichts deutet bisher darauf hin, dass der letzte noch gültige atomare Rüstungskontrollvertrag ‚New Start“ zwischen USA und Russland über den Februar 2026 hinaus verlängert wird. Sein - von Trump in der ersten Amtsperiode - eingeleitetes Ende, das durch Biden um fünf Jahre hinausgezögert wurde, brächte das sogenannte Gleichgewicht des Schreckens ins Wanken.“

Gefahren durch Atomwaffen ergeben sich nicht nur durch ihren unmittelbaren Einsatz. Bis heute haben weltweit insgesamt 2059 Atomtests stattgefunden. Jeder einzelne dieser Explosionen hat Spuren hinterlassen. Diese Tests haben zu einer weltweiten Strahlenbelastung der Erde geführt, welche die Gesundheit der Menschen und Umwelt beeinträchtigt und auch weiterhin beeinträchtigen wird.

Und nicht nur das!

Es gab zahlreiche Unfälle mit lagernden Atomwaffen. Bekannt geworden sind allein in den USA 32 Unfälle im Zeitraum zwischen 1950 und 1980 – d.h. also mehr als ein nuklearer Unfall pro Jahr. Auch in anderen Ländern kam es immer wieder zu brandgefährlichen Unfällen mit Atomwaffen, über die wenig bis gar nicht berichtet wurde.

Der heutige 80. Jahrestag des Abwurfs der ersten Atombombe auf Hiroshima führt uns erneut den Start des nuklearen Zeitalters vor Augen!

Daher möchte ich die Vorgänge der amerikanischen Entscheidung zum Atombombenabwurfes auf Hiroshima betrachten.

Wir versetzen uns nun in das Jahr 1945 :

  • In den USA hatte im Auftrag des Verteidigungsministers Stimpson eine Sachverständigenkommission Kriterien für die Auswahl eines Zielortes für die Atombombe erarbeitet. Die folgenden drei Empfehlungen wurden an Präsident Truman weitergeleitet.
    • 1. Die Bombe solle so bald wie möglich eingesetzt werden.
    • 2.Sie solle gegen ein Ziel mit doppelten Eigenschaften verwendet werden: zum Einen eine militärische Anlage ..., die zum Anderen von Wohnhäusern und anderen möglichst leicht zu beschädigenden Gebäuden umgeben ist ...
    • 3.Sie solle benutzt werden, ohne die Bevölkerung vorher auf die besondere Natur dieser Waffe hinzuweisen.“

Damit widersprach dieser Plan bereits jeglichen bereits bestehenden Regeln der Kriegsführung und war gezielt ein Angriff auf die Zivilbevölkerung.

Die skrupellose, unverantwortliche Vorgehensweise der Politik ist dann der Ausgangspunkt für das endlose Leid der Überlebenden der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, die im Anschluss zu Wort kommen.

Und nun der angesprochene Blick auf die amerikanischen Vorbereitungen.

  • Auf der 9000 km südlich von Japan im Pazifik gelegenen Insel TINIAN hat es damals den größten Militärflughafen der Welt gegeben. Mit etlichen Manövern wurde dort seit längerem die Luftwaffe auf ihre besondere Aufgabe vorbereitet und die günstigste Route ausgelotet. Dort wurde auch die Transportmaschine B29 Enola Gay für den Atombombentransport hergerichtet.
  • Der japanische Geheimdienst in Tokyo beobachtete zwar diese Aktivitäten, konnte sie aber nicht einschätzen. Sie glaubten nicht an einen Einsatz der neuen Waffe.
  • Jetzt zurück zur Situation auf der Pazifikinsel Tinian. Zum Start der Enola Gay hatte die US-Regierung zum 5. August 1945 zahlreiche Fotografen eingeflogen, die den ersten Start eines Atombombenfliegers dokumentieren sollten. Sie waren Teil einer groß angelegten PR-Kampagne.
  • Die Enola Gay stand bereit. Mit den Worten des Piloten: „Los! Wir haben lange genug gewartet“ hob die Maschine am frühen Morgen des 6.8.45 ab. Sie wurde von 2 Flugzeugen begleitet, die Beobachtungs- und wissenschaftliche Messaufgaben hatten.

    Einschub: Die Live-Übertragung zum Gedenktag in Hiroshima beginnt heute unter Berücksichtigung der Zeitverschiebung hier um 23 Uhr

  • Die japanischen Geheimdienste verfolgten den Start. Es blieben noch 5 Stunden, um die Enola Gay abzufangen, sie zum Absturz zu zwingen. Die Informationen wurde an den militärischen Generalstab weitergeleitet. Der Vorsitzende der Militärführung und die Regierung wussten Bescheid. Es bleibt ein Rätsel, warum Hiroshima und die Zivilbevölkerung nicht gewarnt wurden und keine Gegenmaßnahmen erfolgten.
  • Am 6. August 1945 waren kurz vor dem Abwurf der Atombombe „Little Boy“ die Funkgeräte der Enola Gay tot, was bedeutete, dass der Bombenschacht geöffnet und die Atombombe „Little Boy“ um 8.13 Uhr auf ca.9000 m Höhe ausgeklinkt wurde.
    Um 8.15 explodierte die erste Atombombe 573 m über einem lebendigen Treiben im Stadtzentrum mit einem extrem grellen, weißen Licht.
  • Die Crew wurde nach ihrer Rückkehr auf Tinian begeistert empfangen und gefeiert.
  • Demgegenüber steht im krassen Gegensatz geschätzt mehr als 70.000 Soforttote von Hiroshima. Fünf Jahre später sollten es über 200.000 werden. Die Strahlung tötet auch mit Zeitverzögerung, denn bis heute erkranken und sterben Menschen an Krebs infolge der Verstrahlung.

Damit begann das endlose Leid der Hibakusha

Mit dem japanischen Begriff „Hibakusha“ werden die Überlebenden benannt. Sie sind diejenigen, die noch als Zeitzeugen über ihr Schicksal berichten können.

Japanische Hibakusha haben sich aktiv darum bemüht, internationale Kontakte mit anderen Gruppen zu knüpfen. Sie wollen nicht nur auf die Folgen des 6.8. und 9.8.45 hinweisen, sondern auch die Auswirkungen der über 2000 erfolgten Atomtests thematisieren. Sie wollen aufzeigen, dass sie als Atombombenüberlebende nicht die einzigen Menschen sind, die an den Folgen der atomaren Strahlung leiden. Der Kreis der Hibakushas hat sich seit 1945 damit massiv erweitert – um Menschen der Marshallinseln, in Kasachstan, Russland, den USA oder Französisch-Polynesien.

Sie eint das gemeinsame Credo: „Keine weiteren Hibakusha!“

In diesem Sinn soll Setsuko Thurlow zu Wort kommen, die 2017 bei der UN in Oslo bei der Verleihung des Friedensnobelpreises an ICAN für den Atomwaffenverbotsvertrag gesprochen hat.

Am 6. August hatte sie mit 30 anderen Schülerinnen der Oberschule die Aufgabe, im japanischen Armeehauptquartier codierte Nachrichten der US-Streitkräfte zu entschlüsseln. Sie befand sich im zweiten Stockwerk des Gebäudes, als sie den Blitz vom Feuerball sah. Gleich danach wurde sie ohnmächtig. Das Gebäude brach zusammen. Ihre Worte:

„Ich steckte zwischen eingestürzten Gebäudeteilen fest und konnte mich nicht bewegen – ich wusste, dass ich dem Tod ins Auge sah. Ich hörte das Jammern meiner MitschülerInnen.

Da spürte ich Hände an meiner linken Schulter. Eine Männerstimme sagte: „Gib nicht auf – beweg Dich weiter! Ich versuch Dich hier raus zu kriegen. Kriech auf das Licht aus der Öffnung da oben zu – schnell!“ Als ich es geschafft hatte, standen die Trümmer schon in Flammen. Die meisten meiner Mitschülerinnen sind bei lebendigem Leibe verbrannt.

Ein Soldat zeigte mir und zwei anderen Mädchen einen Fluchtweg in die nahegelegenen Hügel.“

Setsukos schreckliche Beschreibung von dem, was sie sah und erlebte, hat sie sehr oft in den letzten achtzig Jahren erzählt. Es war ihr wichtig zu zeigen, wie schlimm die Auswirkungen der Atombombe waren.

Zitat: „Geisterhafte Gestalten strömten vorbei, aus dem Stadtzentrum trotteten sie in Richtung der nahegelegen Hügel. ‚Geisterhaft‘ sage ich, weil sie nicht wie Menschen aussahen. Ihr Haar stand zu Berge, sie waren nackt und zerrissen, blutig, verbrannt, schwarz und verschwollen. Körperteile fehlten, Fleisch und Haut hingen ihnen von den Knochen, manche hielten ihre Augäpfel mit den Händen, manchen hingen die Eingeweide aus dem offenen Bauch. Wir schlossen uns der gespenstischen Prozession an, vorsichtig stiegen wir über die Toten und Sterbenden. Im tödlichen Schweigen hörte man nur das Stöhnen der Verletzten und ihr Flehen nach Wasser. Der Gestank verbrannter Haut erfüllte die Luft.“ (Zitatende)

Keine Hilfe war für die verletzten Überlebenden vorhanden. Sie flohen mit den anderen Menschen zusammen zum Fluss, weil alle durstig waren und kein Wasser finden konnten. Setsuko beschrieb auch die akute Strahlenkrankheit, die sie und andere erlitten. Sie verlor ihre Haare, ihr war ständig übel und ihr Zahnfleisch blutete. Aber sie überlebte, anders als viele um sie herum. Ihre Eltern überlebten auch und die Familie wurde von anderen Familienmitgliedern aufgenommen.

Nach diesem grausamen Schicksalsbericht ein Blick, wie eine atomwaffenfreie Zukunft gelingen könnte. Dieser geht auf den in jahrelanger Vorbereitung von der Zivilbevölkerung erarbeitete Atomwaffenverbotsvertrag.

Nur kurz an dieser Stelle das Wichtigste.

Zu Beginn dazu die Frage. Was würde nach einem Atomkrieg bleiben? Zerstörte Städte, Abermilliarden Tote, weltweit. Ein Zusammenbruch von Zivilisation und Ökosystemen. Das Ende der Menschheit.

Es muss dringend ein weltweites Umdenken erfolgen.

Deshalb ist der Atomwaffenverbotsvertrag ein Zeichen der Hoffnung. Die Organisation ICAN hat maßgeblich zu der Verabschiedung des AVVes beigetragen und damit eine wichtige Voraussetzung auf dem Weg zu einer atomwaffenfreien Welt geschaffen.

Am 07.07.2017 haben von den 193 UN-Staaten ganze 122 Staaten für die Verabschiedung des Atomwaffenverbotsvertrags gestimmt.

Bis zum 1. Oktober 2024 – haben 94 Staaten den Verbotsvertrag unterzeichnet. 73 Staaten haben ihn ratifiziert bzw. sind beigetreten.

Der Verbotsvertrag ist am 22. Januar 2021 in Kraft getreten.

Dieses Datum ist ein historischer Meilenstein der globalen Bewegung für nukleare Abrüstung, die vor 75 Jahren begann und über mehrere Generationen andauert.

Der Vertrag verkörpert den Willen der Menschheit, ohne Atomwaffen zu leben. Er stellt einen Sieg der internationalen Demokratie und multilateralen Diplomatie über die Dominanz der Weltmächte dar.

Deshalb gehört zum Abschluss meiner Rede unbedingt die Forderung, dass die Bundesregierung statt an eigene, unkontrollierbare Atomwaffen zu denken fordern wir sie auf, zum Erhalt der Menschheit den Atomwaffenverbotsvertrag zu unterschreiben.

Ausblick

Mit einem ermutigenden Ausblick möchte ich unsere heutige Gedenkveranstaltung abschließen und Nihon Hidankyo zu Wort kommen lassen.

Bei der Verleihung des Friedensnobelpreises 2024 beschrieben sie es so: die Menschen in der Organisation haben das Grauen der Atombombenabwürfe über Nagasaki und Hiroshima miterlebt und wollen künftige Generationen warnen. Sie wollen den Überlebenden eine Stimme geben.

Wir sind aufgefordert, genau in diesem Sinn uns für das Ziel der Vernichtung aller Atomwaffen weiter einzusetzen und dem Kriegstreiben der Menschheit Einhalt zu gebieten.

Vielen Dank.

 

Heidemarie Dann ist beim Hiroshima-Bündnis Hannover aktiv.