Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Nürnberg

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 17:00 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Als ich vor einem Jahr zum selben Anlass sprach, war die Botschaft, dass ohne eine parlamentarische Diskussion und Beschlussfassung, über unsere Köpfe hinweg, die Aufstellung neuer, erstschlagsfähiger US-Raketen ab 2026 beschlossen sei, noch recht frisch. Auch wenn sich seitens der Friedensbewegung, bis in Kreise der SPD zunehmend Protest manifestier, steht zu befürchten, dass das zunächst nicht zu verhindern sein könnte.

In den 80er Jahren gingen Millionen auf die Straßen, in Bonn, in Stuttgart, auf dem Hunsrück, weil ihnen klar war, dass die Stationierung von Pershing II und Cruise Missle, bei Vorwarnzeiten von 20 bis 30 Minuten, schon die Gefahr eines auf Europa begrenzten Atomkrieges aus Versehen heraufbeschwören würden. Das erst recht von dem Hintergrund von Aussagen aus damaligen US-Führungskreisen, man wolle damit „das russische Huhn enthaupten“.

Vorwarnzeiten bei den neuen US-Raketen von 8 bis 10 Minuten treiben unsere Gefährdung auf sie Spitze. Auch die für uns in Bad Kreuznach, im Kriegsfall Zentrum eines tödlichen Dreiecks zwischen der Airbase Ramstein, der Drehscheibe für alle US-Kriege in Westasien, der Kommandozentrale für die „Dark Eagle“ Hyperschallraketen in Wiesbaden und dem Flugplatz Büchel. Von dem aus sollen in sog. Ernstfall Atombomben von deutschen B 35 Bomber, geflogen von deutschen Soldaten, eingesetzt werden. Wir fordern die Beendigung der Atomare Teilhabe, wie vor ca. 15 Jahren schon einmal der Bundestag. Nie dürfen Atomwaffen in deutsche Hände gelangen!

Schlimm, als seien sie die Wiedergänger von Adenauer und Strauß, fordern Leute wie der Fraktionschef der Union, Jens Spahn die atomare Aufrüstung in Europa unter deutscher Führung.

Rüdiger Lucassen, hochrüstungspolitischer Sprecher der AfD, stimmte den Vorstößen von Spahn zu. Auch hier gibt es zwischen CDU und AfD keinerlei Brandmauer. Hubertus Sonntag, Vorstandsmitglied von ICAN, „Deutschland atomar aufzurüsten wäre blanker Wahnsinn. Statt über neue Massenvernichtungswaffen zu fantasieren, sollten CDU und AfD sich zur nuklearen Abrüstung und zu den bestehenden internationalen Verpflichtungen bekennen.“ Dem stimmen wir hier wohl alle zu, auch wenn das, besonders in Richtung AfD als militaristischer Partei wohl sinnlos ist. ICAN ist die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen.

Bedauerlicher Weise beteiligt sich das offizielle Deutschland nicht mal mehr an den Verhandlungen über eine Unterzeichnung des Atomwaffen-Verbotsvertrags der UN, den bisher 94 Staaten, somit ungefähr die Hälfte der UN-Mitglieder unterzeichnet und 74 ratifiziert haben.

Käme es zu einem Atomkrieg mit Angriffen auf die vorhin genannten Stützpunkte um uns herum, es würden die Lebenden die Toten beneiden. Unser Friedensfreund Dr. Andre Borsche, der viel Erfahrung und Verdienste bezüglich der Behandlung von Kriegsopfer hat, wies am Rande der Hissung der Flagge von Mayors for Peace vor 4 Wochen darauf hin, dass in dem Fall keiner mehr wirksame Hilfe werde leisten können.

Es gibt auf der Erde 9 Staaten mit Atomwaffen. Israel, dessen Vorgehen in Gaza weltweit als Genozid verurteilt wird, besitzt bis zu 300 atomare Massenvernichtungswaffen. Viele hier aus Bad Kreuznach waren in den letzten beiden Jahrzehnten im Libanon, im Haus des Friedens, dem Dar Assalam. Sie wissen, welche Ängste das bei den Menschen dort auslöst.

Und Unverständnis darüber, wie der Westen mit den völkerrechtswidrigen Angriffen Israels und der USA auf die iranischen Atomanlagen umgeht. Ich bin mit Sicherheit frei von jeder Sympathie für das dortige Regime. Aber der Staat Iran ist ein Völkerrechtssubjekt und hat auch das Recht, die Kernkraft zu nutzen.

Auch wenn das hier persönlich wohl niemanden gefällt. Die seit über 30 Jahren gebetsmühlenartig wiederholten Phrasen aus Israel, dass der Iran in wenigen Wochen die Atombombe haben werde, rechtfertigen keine Völkerrechtsbrüche wie diese Bombenangriffe.

Das Vorgehen der USA und Israels führt aber dazu, dass im globalen Süden weiter die Überzeugung um sich greift, dass man vor „denen“ nur sicher sei, wenn man selbst Atomwaffen habe. Keine neue, aber eine sehr verhängnisvolle Entwicklung.

Was uns dieser Tage wohl alle mit am meisten bewegt ist, dass die Regierenden in Israel und ihre Armee den Hunger zur Waffe gegen 2 Millionen Palästinenserinnen und Palästinenser gemacht haben, fast die Hälfte davon Kinder und Jugendliche. Es gibt nichts, was das rechtfertigt. Auch nicht der Angriff vom 7. Oktober 2023 der Hamas und anderer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf Israel. Der hat eine lange Vorgeschichte. Auch Verbrechen wie das Shatila-Massaker von 1982, bei dem unter politischer und militärischer Verantwortung von Sharon 3.000 palästinensiche Zivilisten abgeschlachtet wurden, gehören dazu.

Der Teilungsplan der UN-Resolution 181 von 1947 sah vor, dass 53 % des Landes an einen jüdischen Staat gehen sollten, 47 % an einen der einheimischen Palästinenser. Weitere 31 % besetzte Israel bereits vor und während der Staatsgründung. Nun will es auf Beschluss der Knesset auch noch die verbliebenen

22 % annektieren. Das ist keine Basis für eine Lösung, die allen Beteiligten Frieden brächte. Im Gegenteil.

Wir fordern von der Bundesregierung, dass sie nicht nur Luftnummern abzieht wie mit ihrer Luftbrücke. Sie muss die Waffenlieferungen nach Israel einstellen und darf sich nicht länger den Forderungen anderen EU-Staaten verweigern, Handelsabkommen zu suspendieren. Und sie darf nicht länger schwerverletzten Kindern aus Gaza, denen auch hier in Bad Kreuznach Dr. Borsche und sein Team medizinische Hilfe leisten könnten, die Visa verweigern.

Ich hoffe, dass diesbezügliche Initiativen der Städte Hannover, Düsseldorf und weiter auch diese unmenschliche Blockade aufbrechen. Das offizielle Bad Kreuznach sollte an dieser Stelle auch humanitär aktiv werden.

Ich sah jüngst Aufnahmen, wie mutige junge Israelis öffentlich ihre Einberufungsbescheide verbrannten. Sie gehen dafür auch ins Gefängnis. Ich sah israelische Wissenschaftler, Journalisten und andere Persönlichkeit öffentlich anklagen, dass ihr Staat Völkermord betreibt. Sie nicht zu unterstützen heißt auch, denen in den Rücken zu fallen, welche die humanistischen Traditionen des Judentums bewahren und leben.

Ich will an dieser Stelle nicht länger auf andere Kriege eingehen, auch nicht auf den in der Ukraine, mit seiner langen Vorgeschichte. Fest steht für mich, dass es nirgends eine Friedenslösung geben wird, wenn nicht die Sicherheitsinteressen aller berücksichtigt werden. Ich denke, dass da die diplomatische Lösung der sog. Kuba-Krise von 1962 ein Vorbild sein kann. Keine Atommacht auf der Welt wird es hinnehmen, dass ihr die gegnerischen Raketen vor die Nase stellt.

Lasst mich gegen Ende noch etwas sagen, was mir sehr am Herzen liegt. 2/3 der jungen Menschen unter 30 lehnen eine neue Wehrpflicht, überhaupt alle Zwangsdienste ab. Wenn ich dann sehe, dass in meiner Generation fast ebenso viele dafür sind, es betrifft sie ja nicht mehr, empfinde ich das als geradezu jugendfeindlich.

Wenn es um jene angeblich fehlende 60.000 Soldaten ginge, die nicht zum Militär wollen, frage ich mich: „Was ist denn mit all den Kindern und Enkeln, Neffen und Nichten jener Politiker, der Rüstungs- und Kriegsprofiteuren?“ Anscheinend können all jene, die wieder zwangsrekrutieren wollen, selbst ihren eigenen Nachwuchs nicht davon überzeugen, freiwillig „kriegstüchtig“ zu werden. Das spricht für den

Nachwuchs. Oder sind denen die eigenen Kinder einfach zu schade für den Kriegsdienst? Soll wieder gelten: „Die Waffen liefern die Reichen, die Armen liefern die Leichen“?

Auch deshalb zum Abschluss mein Appell gegen alle Zwangsdienste, besonders auch an meine Generation, und die klare Absage an jene, die Kriege vorbereiten.

Reinhard Mey besang das so:

„Die Kinder schützen vor allen Gefahren,
ist doch meine verdammte Vaterpflicht.

Und das heißt auch,
sie vor euch zu bewahren!

Nein, meine Söhne geb' ich nicht!“

 

Volker Metzroth ist aktiv beim Netzwerk am Turm in Bad Kreuznach.