Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Ingolstadt

- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Meine lieben Mitbürger und Mitbürgerinnen,

Jetzt hören wir sie wieder die zwei Worte: „Nie wieder.“ Einmal im Jahr ist eben die passende Gelegenheit, mit dem Mund Schreckliches über die Atombomben zu sagen und zu beteuern: Nie wieder. Aber:

Wenn ich ein Filmemacher wäre, würde ich drehen: Die Deutschen oder wie wir lernten, die Bombe zu lieben.

Die Atombombe hat eine erstaunliche Karriere gemacht. Vor Jahren war sie meistgehasst. Die überwiegende Mehrzahl der Europäer fanden sie barbarisch und wahnsinnig in jeder Hinsicht. Heute hat sie ihr Design verändert: Aus dem abscheulichen Ungetüm, das in Japan 1945 mehr als 230 000 Menschen auf die abscheulichste Weise erstickte, verbrannte und schnell oder grausam langsam tötete, ist der Schutzschirm für europäische Sicherheit geworden. Seinerzeit waren die Bomben 3m lang, wogen 4 Tonnen und hatten lächerliche Sprengkraft von 16 000 t konventionellem Sprengstoff. Das nukleare Geschoss von heute ist ein Bonbon statt einer Bombe im Vergleich: Klein, handlich, schlank, multipel einsatzfähig, leicht zu transportieren. Aber an Sprengkraft übertreffen diese Bonbons die historischen Bomben um ein Vielfaches.

Vermutlich liebten schon die Amerikaner 1945 ihre Bomben. Sie nannten sie Little Boy und Fat Man und waren ihnen dankbar, dass sie die Krieg beendeten und keine weiteren US-Bürger mehr ihr Leben lassen würden. Das genau ist die Logik des Krieges: Nur das eigene Leben zählt, das des Gegners ist kein Posten.

„Unsere“ Atombomben heute liegen im „Fliegerhorst Büchel“ in der Eifel. Es sind bis zu 20 B61. Jede dieser Bomben hat eine maximale Sprengkraft, die mit der von 13 Hiroshima-Bomben vergleichbar ist. Jetzt werden diese Waffen gerade gegen modernere ausgetauscht, die noch zielsicherer sind und deswegen noch besser eingesetzt werden können (B61-12).

Wenn wir unsere Politiker hören, so sind sie unser Schutz und Schirm. Der Chef der europ. Volkspartei Manfred Weber fordert den Aufbau eines 'europäischen Atomschutzschirms'. Als Katholikin denke ich da natürlich gleich: Ach Weber, hol die Bombe raus, mach Schutz und Schirm für uns daraus.

Unser Schutz und Schirm?

Auf der Welt gibt es neun Staaten, die Atomwaffen besitzen. Jeder von diesen Staaten hat eine Regierung von Menschen, die Emotionen unterliegen und schlichtweg Fehler machen, Fehler, die – so lehrt es die Erfahrung – in Ernstfall nicht immer von vorgeschalteten Regelsystemen gestoppt werden. Sie kennen alle die Fälle in der Vergangenheit, als die Welt einer atomaren Katastrophe um Haaresbreite entging. Grund waren Fehlalarme in der nuklearen Frühwarnung. Durch Einsatz von KI werden solche Fehler eher wahrscheinlicher. Das Risiko, das nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit besteht, lässt sich errechnen und ist errechnet worden (Compton): Es entspricht der Wahrscheinlichkeit, im Lotto den Hauptgewinn zu ziehen, nämlich 1 zu 3 Millionen. Ich überlasse es Ihnen, daraus Ihre Schlüsse zu ziehen.

Unser Schutz und Schirm?

2024 wurden weltweit mehr als 100 Milliarden Dollar für Atomwaffen ausgegeben – mit dieser Summe könnte man die Entwicklungshilfebudgets aller europäischen Länder zusammen verdoppeln, ohne die konventionellen Rüstungsausgaben auch nur anzutasten. Ich nenne aktuelle und belastbare Zahlen: In jeder Minute, in denen sie mir hier zuhören, werden gut 190 Tausend Dollar für Atomwaffen ausgegeben.

Unser Schutz und Schirm?

Aber haben nicht die Atomwaffen uns in den vergangenen Jahren vor Kriegen bewahrt? Die Theorie der atomaren Abschreckung beruht darauf, für den potentiellen Gegner den Erstschlag nicht lohnenswert zu machen, weil er mit einem verheerenden Gegenschlag rechnen muss. Das bedeutet, dass man die Potentiale beständig erhöhen muss und dass das Misstrauen jedes Mal wächst. Das alles ließ sich schon schlecht genug kontrollieren, als es noch die Atomwaffengespräche und die Abrüstungsvereinbarungen gab, mit deren Hilfe Vertrauen aufgebaut werden sollte. Das alles gibt es nicht mehr und folglich ist – das brauche ich Ihnen nicht zu erzählen – das Misstrauen zwischen den Atommächten auf einen Höchststand gestiegen. Und es wird beständig steigen, je astronomischer die Aufrüstung vorangetrieben wird.

Unser Schutz und Schirm?

Die Theorie der atomaren Abschreckung geht von verantwortungsvollen Individuen aus und von Kontrolle. In der Realität besitzen eine Reihe von totalitären Systemen Atomwaffen und Psychopathen finden in autoritären Systemen einen Nährboden. Aber auch die demokratischen Staaten entwickeln sich mehr und mehr solchen, in denen die demokratische Kontrolle zerbröckelt und globale Verantwortung ganz klein geschrieben wird. Auch hier ist mit abnormen Verhaltensweisen zu rechnen. Mit anderen Worten: War der Umgang mit nuklearen Waffen schon in der Vergangenheit so gefährlich, dass die Welt mehrfach wegen eines Missverständnisses einer Katastrophe nur knapp entging, so ist die Situation heute um ein Vielfaches gefährlicher: Die Regierenden sind geleitet von Misstrauen, Feindseligkeit, Existenzangst, Angst vor Prestigeverlust, Machtgelüsten. All das sollte uns den Wahn, dass wir mit der atomaren Aufrüstung unsere Sicherheit garantieren, gründlich austreiben.

Wie also ist Lage?

Atomwaffen sind als Antwort auf Sicherheitsbedrohung unzulänglich und unangemessen. Sie als Abschreckung vorzuhalten, ist mit einem unverantwortbaren Risiko verbunden und vergeudet Ressourcen. Weitere atomare Aufrüstung schafft ein Klima der Angst und des Misstrauens, das das Gesamtrisiko noch erheblich erhöht.  „Wir dürfen daher nie müde werden, uns für die Ächtung der Atomwaffen einzusetzen.“ Das sind nicht meine Worte, sondern das sagte vor nunmehr fast 6 Jahren Papst Franziskus im japanischen Nagasaki.

Mein sehr verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer, genau deswegen sind wir heute hier zusammengekommen. Es jährt sich der Abwurf der Bomben auf Hiroshima und Nagasaki – und wir sollten nun die Bombe lieben, sie als unseren Schutz und Schirm feiern, Europa zur Atommacht befördern? Werden wir doch vernünftig! Nicht weiter so, nicht noch mehr, wirklich nie wieder!

 

 

Prof. Dr. Irmgard Scheitler ist aktiv bei Pax Christi