Redebeitrag für den Ostermarsch Duisburg am 16. April 2022

 

- Sperrfrist: 16. April 2022, Redebeginn: 10.30 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Rede zum Abschluss der Ostermarsch-Eröffnung, 16. April 2022

Liebe Freundinnen und Freunde,

Der Ostermarsch verwendet durch alle Jahre immer wieder dasselbe Motiv:

Frieden Schaffen Ohne Waffen ! Einfache Formel, die aber naiv zusammenfasst, wovon wir überzeugt sind.

ver.di hat dieses Jahr auf Seite 1 in PUBLIK 2 als Überschrift:  „Unsere Perspektive muss ein Europa mit immer weniger Waffen bleiben“

Diese Forderung ist ungenügend. Heute sagen immer mehr Menschen, bis hin zum Papst: „Krieg Ist Ein Verbrehehen Gegen Die Menschheit!“

Der rot-grünen Regierung wurde einseitig nur die Erfindung von Hartz IV

angekreidet. Doch so wurde vergessen – besser noch: verdrängt – dass diese Bundesregierung 2004 und nach zweijährigen Beratungen einen Aktionsplan  Zivile Krisenprävention aufgestellt hat. In diesem Plan wird Friedenspolitik detailliert und bis in viele Einzelheiten als Querschnittaufgabe  des Regierens beschrieben, eine politische Hausaufgabe gewissermaßen, mit Prävention und vor allem ohne Militär, also: Friedenspolitik  neu  zu erfinden.

Tatsächlich wurde auch aus Mitgliedern aller Regierungsbehörden ein

Ressortkreis  eingerichtet, der von einem Beauftragten des Auswärtigen Amts geleitet wird. Dazu ein  Beirat, der aus Vertretern der Wirtschaft und der Wissenschaft besteht, der beraten und kontrollieren soll. Seitdem gibt es alle 2 Jahre einen  Umsetzungsbericht für den und über den Fortschritt der Verwirklichung dieses Aktionsplans.

Wer im Internet die Stichworte „Ressortkreis“, „Beirat“ und „Umsetzungs- bericht“ in Verbindung mit „Aktionsplan zivile Krisenprävention“, nachsieht, findet eine schier endlose Menge an Papieren, aus denen hervorgeht, daß diese politische Maßnahme, von einigen Kleinigkeiten abgesehen. völlig wirkungslos geblieben ist. Wie sich die Nichtverwirklichung des Aktionsplans „Zivile Krisenprävention“  auswirkt, erleben wir jetzt.

Am 24. Februar 2022 hat ein skandalöser und einmalig grausamer Krieg begonnen, der  politisches Versagen offenbart, denn 18 Jahre lang haben  alle  Bundesregierungen dieselbe „wehrhafte“ Friedenspolitik mit der Rüstungsindustrie betrieben. Die riesig gesteigerten Rüstungsaufgaben sind keine Zeitenwende sondern die hoffnungslose Fortsetzung immer Desselben! Vielmehr eine Katastrophe und Verrat an den Lehren, die  die Menschheit aus den ungeheuren Grausamkeiten des 2. Weltkrieges gezogen zu haben schien.

Ich möchte zum Schluss des Ostermarschauftakts über „Fliehende Menschen“ reden.

Seit dem 2. Weltkrieg gab es viele Kriege.  Obwohl alle Staaten in der Charta der Vereinten Nationen als Bedingung für die Zugehörigkeit zu dieser Institution festgelegt hatten, in Zukunft politische Konflikte ohne  Militär zu  lösen. Die Folgen? Überall und durch die  82  Jahre fliehen Millionen Menschen! „Fliehende Menschen“ sind der Skandal unserer Zeit.

Ich vermeide das Wort „Flüchtlinge“. Denn mit dem Gebrauch dieses Wortes werden lebendige Einzelne zu einer Sorte Mensch, die zahlenmäßig in seelenloser  Statistik bearbeitet wird. Übersehen wird und bleibt die Persönlichkeit und die Zerstörung der Einzelnen.

Ich bin im Januar 1945 von den Deutschen aus Schlesien evakuiert worden, Vater im Krieg getötet, Mutter mit uns 5 Kindern allein in einer Menschenmenge auf dem Bahnhof und erst im Mai 1946 in der Nähe von Bremen in zivilisierte Verhältnisse gekommen. Zuletzt haben wir in einer Arbeitsdienstbaracke auf Strohsäcken geschlafen  -  für den Rest des Lebens „traumatisiert“. Das Wort „Trauma“ benutzte man damals noch nicht und auch keine „Trauma-Therapie“.

„Fliehende Menschen“ sind aus der Welt, in die sie hineinwachsen  und einen Standpunkt gewinnen sollten, herausgerissen. Umstände und Zwänge haben alle Lebenschancen versperrt. Ohne Halt und Hilfe werden „Fliehende Menschen“ zu  Menschenmaterial. Sie wollen nur überleben, riskieren alles, setzen ihr Leben aufs Spiel, um irgendwie weiter zu kommen.

In den umliegenden europäischen Staaten zeigen Menschen erstaunliche Hilfsbereitschaft für die Millionen Flüchtigen aus der Ukraine. Aber zu den unerledigten Aufgaben der aktuellen Friedenspolitik gehören die Tausende von „Fliehenden Menschen“ auf den griechischen Inseln, in der Türkei, Libanon, Syrien, Jordanien und alle, die übers Mittelmeer sich zu retten versuchen. Wird die staatliche Reaktion auf diese weltweite Fluchtbewegung immer nur Abschirmen und Grenzen Sichern bleiben? Werden wir zum Zeitalter der unterlassenen Menschenhilfe? Werden wir zum „Jahrhundert der fliehenden Menschen“?

Hilfsaktionen wie SEEBRÜCKE  und andere dürfen nicht kriminalisiert werden, sondern es gilt ernsthaft die Fluchtursachen zu untersuchen und zu beseitigen, eine Welt zu schaffen, in der alle gut leben können.
 

Eberhard Przyrembel ist aktiv bei Pax Christi