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Venezuela: Planen die USA eine Intervention?
Militärische US-Intervention in Venezuela?
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Seit sich in den Gewässern vor Venezuelas Küste immer mehr US-Kriegsschiffe tummeln und nach Gutdünken unbewaffnete Zivilisten ermorden, angeblich Drogenhändler, in der Mehrheit aber wohl einfache Fischer, stellen sich viele die Frage, ob es zu einem militärischen Angriff der USA auf Venezuela kommen wird. Das ist nicht mit Sicherheit zu beantworten, zumal die Pläne des US-Präsidenten nicht immer rational erklärbar sind. Wir können aber ein paar Aspekte betrachten, die uns helfen, einen möglichen Verlauf besser einzuschätzen. (Dieser Beitrag wurde Mitte November 2025 geschrieben.)
Historisch hat sich der Kampf gegen den Drogenhandel immer als Vorwand für Interventionen geeignet. Er entzieht dem Zielobjekt internationale Legitimität, rechtfertigt Sanktionen und schafft in der öffentlichen Meinung einen Konsens für ein härteres Vorgehen. Im Fall Venezuelas sind die Vorwürfe zwar nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. In der Vergangenheit hat es immer wieder Fälle gegeben, wo Personen aus dem Dunstkreis der Regierung am Drogenhandel beteiligt waren, und auch hochrangige Militärs wurden schon deswegen verhaftet. Dass die Regierung und ihre Armee als Ganzes jedoch ein Kartell zum Zweck des Drogenhandels sein sollen, ist aber eher ein Hirngespinst von US-Falken. Das angebliche „Cartel de los Soles“, das von den USA seit Jahren immer wieder ins Spiel gebracht wird, ist vor allem ein Konstrukt zu propagandistischen Zwecken. Der Wahrheit näher kommen dürfte, dass die enormen Gewinnspannen, die der Handel mit kolumbianischem Kokain ermöglicht, immer wieder Menschen dazu verführt, sich daran beteiligen zu wollen, sowohl aus offiziellen wie auch aus privaten Kreisen nicht nur in Venezuela, sondern praktisch allen Ländern der Region, einschließlich den USA selbst.
So oder so macht eine US-Militäraktion gegen den Drogenhandel in der Karibik nicht viel Sinn. Nur ein kleiner Teil des Kokains kommt über diese Route, das Gros wird nach Angaben der US-Drug Enforcement Administration (DEA) über Peru und Ecuador verschifft, und die vermeintlichen Schmugglerboote, die in den letzten Wochen zerbombt worden sind, wären auf Grund ihrer geringen Größe gar nicht in der Lage gewesen, die USA zu erreichen. Das größte Suchtproblem in den USA ist aber ohnehin längst nicht mehr das kolumbianische Kokain, sondern Fentanyl, das letztes Jahr rund 50.000 Tote gefordert hat. Die Grundstoffe dafür kommen aber nicht aus Südamerika, sondern aus China. Zusammengemischt wird das Gift vor allem in mexikanischen Küchen. Um den Kampf gegen den Drogenhandel scheint es Trump also nicht zu gehen.
Wie realistisch ist ein militärischer Angriff mit dem Ziel eines Machtwechsels?
Es ist nur schwer vorstellbar, dass die USA eine Invasion in Venezuela mit eigenen Bodentruppen durchführen wollen. Der innenpolitische Schaden wäre immens, wenn Särge mit toten Marines ausgeladen würden, nachdem Trump so ausdrücklich verkündet hatte, keine auswärtigen Kriege mehr führen zu wollen. Denn trotz der extremen Asymmetrie der beiden Länder müssen die USA mit einer massiven Gegenwehr der venezolanischen Armee rechnen, die seit Jahren von Russland mit modernen Waffen versorgt wird, und im Falle einer Invasion zu Guerillataktiken übergehen würde. Ohne Bodentruppen aber kann die chavistische Regierung nicht gestürzt werden.
Falls die USA jedoch darauf spekulieren sollten, dass im Falle einer Eskalation lokale Kräfte zu den Waffen greifen und die Arbeit für sie machen würden, liegen sie falsch. Die letzten militanten Angehörigen der Opposition haben das Land längst verlassen, und auch die Armee selbst ist mittlerweile vollkommen linientreu. Die Vorstellung, dass ein Teil der Streitkräfte die Seiten wechseln könnte wie beim Putsch 2002, und sich gar einem ausländischen Invasor anschließen würde, ist absurd. Zwei Jahrzehnte chavistischer Machtausübung haben die Realitäten verändert. Die Hoffnung, dass eine kontinuierliche Provokation und Eskalation irgendwann zu einem Bruch im venezolanischen Lager führen könnte, ist also unbegründet.
Die einzige realistische Option für die USA wäre, nach Vorbild der kürzlichen Aggression gegen den Iran, mehr oder weniger gezielte Raketenangriffe auf Venezuela durchzuführen. Sie könnten militärische Infrastruktur zerstören, aber deswegen würde die Regierung bestimmt nicht abdanken. Mit etwas Glück und guter Aufklärung könnten sie vielleicht ein paar hohe Funktionsträger*innen töten, vielleicht sogar den Präsidenten selbst. Aber was würden sie damit erreichen? Die toten Kader würden ersetzt, am Kurs der Regierung würde das kaum etwas ändern, und die schwankende Basis des Chavismus würde wieder stärker zusammenrücken. Welche Reaktion ein solches Vorgehen aber unter den Nachbarn auslösen würde, allen voran Brasilien, ist schwer zu kalkulieren. Ein Angriff könnte die Region noch weiter dem Griff der USA entwinden, als es jetzt schon der Fall ist. Dass solche Angriffe wie auf den Iran gegen das Völkerrecht verstoßen, ist dabei sowieso nur noch eine Randnotiz. „Regelbasiert“ meint schließlich nur, dass der Westen seine Spielregeln je nach Bedarf selbst festlegt. Verstöße gegen das Völkerrecht dienen ihm lediglich zur Rechtfertigung von Militäraktionen, wenn sie von seinen Widersachern begangen werden.
Wogegen dann richtet sich der Militäreinsatz?
Venezuela verfügt über die weltweit größten Reserven an Schweröl. Dass dieses derzeit kaum gefördert wird, liegt zu einem wesentlichen Teil an Sanktionen, die von den USA verhängt wurden. Damit stellen sie nicht nur sicher, dass die venezolanische Regierung permanent unterfinanziert ist, sondern auch, dass diese Reserven den USA langfristig erhalten bleiben. Schließlich betrachten diese Lateinamerika seit eineinhalb Jahrhunderten als ihren Hinterhof. Dass sich ihr größter Konkurrent China zunehmend in diesem Hinterhof tummelt und eifrig venezolanisches Öl importiert, muss ihnen ein Dorn im Adlerauge sein. In erster Linie ist die Provokation vor der venezolanischen Küste deshalb gegen China gerichtet. Das chinesische Festland ist zu weit von der Karibik entfernt, um hier eine stabile Militärpräsenz aufrechtzuerhalten, und derzeit ist die chinesische Politik auch nicht darauf ausgerichtet, ökonomische Interessen außerhalb ihrer direkten Einflusssphäre mit Gewalt durchzusetzen. Auch Russland, der strategische Alliierte Venezuelas, wird sich so weit von seinen Stützpunkten nicht militärisch engagieren wollen und beschränkt sich auf die Lieferung effizienter Abwehrwaffen. Das Säbelrasseln der USA muss also in erster Linie als das Markieren eines Territoriums gelesen werden. „Southern Spear“, wie sie ihren angeblichen Antidrogeneinsatz betiteln, der bisher noch aus der außergerichtlichen Hinrichtung von Fischern besteht, richtet sich eigentlich gegen ihren großen strategischen Konkurrenten China.
Möglicherweise macht sich die US-Regierung außerdem Hoffnungen, dass durch ihr bedrohliches Auftreten eine Dynamik innerhalb Venezuelas losgetreten werden könnte, die zu einem Regimewechsel führt. Besonders realistisch ist das aber nicht, und je mehr Zeit verstreicht, desto unwahrscheinlicher dürfte es werden. Das plausibelste Szenario ist, dass Trump nach einer Weile einen für ihn vorteilhaften Deal mit dem schon jetzt überaus entgegenkommenden Maduro aushandeln wird, der der US-Wirtschaft einen privilegierten Zugriff auf das venezolanische Öl gewährt und den chinesischen Einfluss eindämmt. Größere Wetten auf einen solchen Ausgang wird aber niemand abschließen wollen. Auch wenn die USA ein Imperium im Verfall sind und ihr großes Zeitalter sich dem Ende zuneigt, verfügen sie trotzdem immer noch über die größte Streitmacht der Welt, die Dominanz über den IT-Sektor und den mittlerweile zweitgrößten Anteil an der Weltwirtschaft. Dass diese Stärke von einer chauvinistischen Ideologie begleitet wird, die meint, dass der „American Exceptionalism“ sie befuge, eine einzigartige und überlegene Rolle in der Welt zu spielen, macht es unwahrscheinlich, dass ihr Imperium sich ähnlich dem römischen weitgehend kampflos in einer multipolaren Welt auflösen wird. Eher passt die Analogie zum deutschen Kaiserreich, das in seinen Untergang die halbe Welt mitgerissen hat. Winter is coming.