Robert Jungk - Ein "Nachruf"

von Klaus Vack
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Unsere guten und herausragenden Alten, unsere Vorbilder und Mitstrei­ter nehmen Abschied. Blicken wir zurück auf die Großblockade vom 1. bis 3. September 1983 in Mutlangen, wo bald später Pershing II - Rake­ten stationiert wurden, so sind, um einige zu nennen, Heinrich Böll, In­geborg Drewitz, Heinrich Albertz und Helmut Gollwitzer nicht mehr un­ter uns.

Am 14. Juli 1994 ist ihnen Robert (Bob) Jungk, 81jährig, gefolgt. Viele Nachrufe wurden geschrieben. In keinem wurde ihm Respekt versagt. Was kann man da noch hinzufügen?

Als mich die Redaktion FriedensForum bat, über Robert Jungk zu schreiben, wollte ich eigentlich eine Absage geben. Sind 100 Schreibmaschinenzeilen - oder auch etwas mehr - dem "guten Men­schen von Salzburg" (taz) angemessen? Auch dachte ich mir, daß Robert Jungk wie kaum ein anderer Auskunft gegeben hat über sich selbst. Wir alle haben seine Ermutigungen erfahren, und zwar - was selten vorkommt - in Wort, Schrift und Tat zugleich. Und weiter erwog ich, daß diejenigen, die diesen Text lesen mögen, ihr eigenes Bild von Robert Jungk haben.

Dennoch sagte ich schließlich zu, weil mir wähnt, Bob würde - wäre er noch unter uns - sich über einige Anmerkun­gen zu unserer politischen und persönli­chen Freundschaft freuen. Es kam mir der Gedanke, viele Friedensfreundinnen und Friedensfreunde könnten sich in diesem von mir Annotierten irgendwie wiederfinden, auch wenn sie ihr Ver­hältnis zu Robert Jungk - diesem viel­seitigen, umtriebigen Hoffnungsträger und Ermunterer - auf anderen Wegen gefunden haben als ich.

Meine erste Begegnung mit Robert Jungk fand in den frühen sechziger Jah­ren statt. Ich war Mitglied im Zentralen Ausschuss "Ostermarsch der Atomwaf­fengegner". Die junge Ostermarschbe­wegung hatte ein Prominenten-Kurato­rium, dem Robert Jungk angehörte. Der Zentrale Ausschuss trug seinen Namen schon zu Recht. Er war, im kältesten Kalten Krieg und unter dem Druck des ideologischen Antikommunismus, recht zentralistisch. So beschloß er nicht nur den jährlichen Ostermarsch-Aufruf, sondern auch 10 Standardparolen, die als Sandwich-Plakate zentral gedruckt wurden und in allen Ostermärschen mit­geführt werden mußten. Am Dienstag nach Ostern im Jahre 1962 rief mich ein erboster Robert Jungk an. Er hatte auf einer Ostermarschkundgebung in Mün­chen geredet und unter den vielen Sandwich-Plakaten war ihm auch die zentrale Parole "Für die friedliche Nut­zung der Kernenergie!" sprichwörtlich ins Auge gesprungen.

Nun, ich stammelte erst ein paar Unge­reimtheiten und wagte es dann, Robert Jungk zur Teilnahme an der nächsten Sitzung des Zentralen Ausschusses ein­zuladen, "um das Problem zu bespre­chen". Zu meinem großen Erstaunen sagte der große, weltberühmte Robert Jungk sofort zu.

So kam es zu einer Sondersitzung des Zentralen Ausschusses. Zu den etwa 40 Delegierten, die den Ausschuss bildeten, hatten sich viele Zuhörerinnen und Zu­hörer gesellt. Robert Jungk, nun gar nicht mehr böse, aber eindeutig und un­widerlegbar, machte uns mit einem in freier Rede gehaltenen Vortrag, der von Detailkenntnis und Lebensbejahung nur so sprühte, klar, was "friedliche Nut­zung der Kernenergie" in Wirklichkeit an Gefahren in sich birgt. Für die Ge­sundheit von Mensch und Tier. Für die Erhaltung der natürlichen Lebens­grundlagen ganz generell. Für die Ent­wicklung dieser mordenden Technolo­gie, auch im militärischen Bereich. Und nicht zuletzt für die Demokratie: etwa 15 Jahre später bei der Lektüre von Bobs Buch "Der Atomstaat" fand sich vieles wieder, was er uns damals präzise klargemacht hatte.

Es war nicht autoritär, sondern es war die Autorität der Argumente, des Kenntnisreichtums und gewiss auch die liebevolle Überzeugungskraft, die den Zentralen Ostermarschausschuss veranlasste, die Parole "Für die friedliche Nut­zung der Kernergie!" ein für allemal zu streichen.

Das wichtigste aber war, daß es Robert Jungk gelang, dem relativ kleinen Kreis junger Friedensaktivisten beizubringen, noch kritischer, noch prinzipieller, noch radikaler die Probleme unserer Zeit zu durchdenken. Denn die meisten von uns wurden eng verbundene Weggenossen von Bob, und vielleicht hat sein Arbei­ten mit Kleingruppen mehr oder minde­stens ebensoviel wie seine aufrüttelnden Bücher dazu beigetragen, daß Anfang der siebziger Jahre eine unüberhörbare Anti-AKW- und Umweltschutzbewe­gung entstand.

Apropos Robert Jungk, der Autor. Längst waren viele von uns in die ersten Reihen der Organisierenden der Außer­parlamentarischen Opposition geraten. Rastlosigkeit und Umgetriebensein nicht wegen eines persönlichen Egos, sondern geboren aus der Zukunftsangst für die eigenen und nachfolgenden Generatio­nen, machten Bob zum väterlichen Vor­bild und besten Verbündeten. Längst bestand auch zwischen dem Paar Ruth und Bob Jungk und uns Vacks eine enge freundschaftliche Verbindung. Im Sommer 1982 besuchten Hanne Vack und ich die Jungks in der Steingasse in Salzburg. Etwa eine Stunde vor dem ge­planten Abschiednehmen wollte er uns noch schnell in sein Büro führen. Das war das reinste Chaos. Mitten auf dem Schreibtisch die alte Schreibmaschine mit einem halbbeschriebenen Blatt. Drum herum weitere Manuskriptseiten und hundert Notizzettel. Ein schier aus­wegloses Labyrinth. "Das wird mein neues Buch", erläutert uns Bob. Mit der Sicherheit eines "Magiers" fischte er diesen oder jenen Zettel heraus, erläu­terte, um was es jeweils im Einzelnen ging und skizzierte spannend und packend das Konzept für das neue Buch "Menschenbeben". Wir waren wie ge­bannt und unsere geplante Abreise ver­zögerte sich auf den nächsten Tag. Die Hälfte des Manuskripts war schon ge­schrieben, die andere Hälfte bestand aus diesen Notizzetteln und hatte in Bobs Kopf bereits Formen angenommen. Bob charakterisierte "Menschenbeben" u.a. als die "Hoffnung für die Ohnmächti­gen". Ich kann nur jeder und jedem ra­ten, "Menschenbeben" zu lesen und Kraft zu schöpfen um durchzustehen, auch wenn wir noch so viel Gegenwind haben.

Noch eine kleine Begebenheit ohne Schlagzeilen, aber mit viel Wirkung: Etwa Mitte September 1985 rief mich eine Freundin der BI Amberg wegen des geplanten Baus der WAA-Wackersdorf an. Die Stimmung sei seit der letzten großen Demonstration vom Herbst ver­gangenen Jahres schlecht. Viel Resig­nation. Aber fast alle gingen davon aus, daß zu Beginn des Winters mit der Ro­dung im Taxöldener Forst begonnen werde. Es müsse einfach etwas gesche­hen. Deshalb wollten sie jetzt mit einer symbolischen ständigen Platzbesetzung am "Marterl" beginnen. Ob ich zur Er­öffnungskundgebung kommen und eine Rede halten könne. Ich sagte spontan, das sei doch eine eminent wichtige Sa­che und da müsse ein anderes "Kaliber" als ich sprechen. Z.B. Robert Jungk. Sie, das wäre natürlich eine Wucht, aber da würden höchstens ein paar Dutzend Leute kommen, und so könne man Bob die mit der Reise verbundenen Strapa­zen wohl nicht abverlangen.

Ich rief dennoch Robert Jungk an, hatte das übliche freundschaftliche, aber auch kostenaufwendige, weil lange Gespräch mit Ruth Jungk, ehe ich den Meister an die Strippe bekam. Dann war es eine Sache von Minuten. Ein Blick in den Kalender und Bob stellte fest, der Tag sei noch nicht belegt. Er müsse zwar vorher ... und nachher habe er einen Vortrag auf der Frankfurter Buchmesse ... usw. Also, selbstverständlich, er werde kommen, denn wie André Gide glaube er an den Wert der kleinen Zahl. Ich kann die wenigen Aktiven aus den dortigen Bürgerinitiativen doch nicht im Stich lassen. Es muß ein neuer Anfang gemacht werden.

So trafen wir uns, Ruth und Hanne und ich, am Samstag, 5. Oktober in Regens­burg und fuhren dann gemeinsam nach Wackersdorf in den Taxöldener Forst zum "Marterl", dem Christuskreuz, das im späteren Verlauf zum Symbol des Widerstands wurde. Gut 100 Leute, die meisten aus den BIs Schwandorf, Wak­kersdorf und Amberg, waren gekom­men. Wir eröffneten die Dauerplatzbe­setzung.

Es war ein sehr warmer Frühherbsttag und Ruth achtet streng darauf, daß Bob immer seine Mütze auf hatte, denn er konnte wegen einer Kopfverletzung die von ihm als Energiespender geliebte Sonne nicht vertragen. Bob sprach fast eine Stunde. Eindringlich und ermuti­gend. Er entwickelte ein Szenario, wie es sich nachher tatsächlich in der Wirk­lichkeit der Auseinandersetzungen ab­gespielt hat. Nicht jede Einzelheit (denn auch Robert Jungk war kein Hellseher), aber doch die Hauptlinien des Konflik­tes und die Verteilung der Machtver­hältnisse, hier Staatsmacht, da Anti-WAA-Bürgerbewegung. Bob sagte nach meinen Aufzeichnungen wörtlich: "Diesmal haben sie sich verhoben. Der Bau der WAA wird am Widerstand der Bevölkerung scheitern."

Zumindest die lokale Presse berichtete über die kleine Veranstaltung und Ro­bert Jungks Rede. Ein Kommentator machte sich über den "unrealistischen Propheten" und "Idealisten" lustig. Der Widerstand sei längst gebrochen.

Wir außerparlamentarischen und basis­politischen Oppositionellen, die für eine bessere Zukunft streiten, müssen wohl eine realistischere Sensibilität haben als solche realpolitischen Kommentatoren und selbstverständlich die Politiker und Industriebosse. Jedenfalls wurde die Dauerplatzbesetzung am "Marterl" durchgehalten, und als es ernst wurde, die Rodungen begannen, kamen die Umweltschützer und AKW-Gegner aus allen Landen.

Am 31. Mai 1989 gaben Politik und In­dustrie Robert Jungk (wenn auch indi­rekt, weil es nicht ausgesprochen wurde) recht: die Deutsche Gesellschaft für die Wiederaufbereitung von Kern­brennelementen (DWK) ließ die Bauar­beiten für die WAA einstellen. Die Atomindustrie hatte scheinbar urplötz­lich das Interesse an ihr verloren. 2,6 Milliarden DM waren damit buchstäb­lich in den Sand gesetzt. Das zentrale Argument der WAA-Betreiber ließ auf­hören: Die sozialen Kosten (sprich die Polizeieinsätze und der ständige "Schutz" der inzwischen errichteten Be­tonmauern) seien zu hoch.

Robert Jungk, der in seinem letzten Le­bensjahrzehnt noch konsequenter, radi­kaler, aber auch ungeduldiger geworden war, weil er die Mechanismen und Ge­fahren des "Atomstaates" analysieren und verstehen konnte, hat, wenn er über seine konkrete Utopie einer friedlichen, menschenrechtsorientierten und demo­kratischen  Gesellschaft sprach, nie ver­gessen, wie wichtig die kleinen Schritte und die kleinen Erfolge sind. Und daß die WAA abgeblasen wurde, woran er nicht nur wegen seiner Rede am "Marterl", sondern wegen seines ge­samten Einsatzes großen Anteil hat, dies war mehr als ein kleiner Erfolg.

Menschen wie Robert Jungk, und das gilt auch für unsere vorstehend genann­ten, in jüngster Zeit verstorbenen "Pro­mis", haben Politik in der ersten Person betrieben. Sie mischten sich ein. Sie schrieben nicht nur Bücher, sondern sie ließen sich selbst nicht aus. Sie ris­kierten sich. Und gerade darum haben sie andere so ansprechen, andere so mi­treißen, sich um andere so sehr, ja noch mehr als um sich selbst, kümmern kön­nen. Sie gehörten zum Salz der Erde.

Uns bleibt der große Dank an Robert Jungk und andere. Dank dafür, daß sie waren, wie sie waren. Und daß sie uns hoffen ließen, in Wort und Tat zu bele­gen, solange wir selbst die Fackel mit kleineren Händen weiterzutragen ver­mögen, daß radikaldemokratische, frie­denspolitische, ökologische und men­schenrechtliche Politik die einzig loh­nende Aufgabe bleibt.

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