Redebeitrag für die Antikriegstagsveranstaltung am 1. September 2025 in Darmstadt

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Vielen Dank für die Einladung, heute zu sprechen. 

Der Aufruf zum heutigen Antikriegstag in Darmstadt enthält mehrere Forderungen, die sich auf das Thema beziehen, über das ich heute reden werde: die Aufrüstung mit Mittelstreckenwaffen in Deutschland und Europa, die anhaltende Aufrüstung mit Atomwaffen, an der ebenfalls Deutschland beteiligt ist, und die unbedingte Dringlichkeit, wieder über Rüstungskontrolle und Abrüstung zu verhandeln.

Es mag nicht allen bewusst sein, aber es stimmt doch: Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem 1. September als Start des Zweiten Weltkriegs und der Entwicklung von Raketen in den letzten 80 Jahren. Unter Leitung von Wernher von Braun wurde vom Nazi-Regime die weltweit erste ballistische Rakete entwickelt und unter brutalem Einsatz von KZ-Häftlingen gebaut. An der Entwicklung waren übrigens Dutzende Mitarbeiter der Technischen Hochschule Darmstadt beteiligt.

Die so genannte »V2« wurde ab September 1944 unter anderem gegen Städte wie London, Antwerpen und Liège eingesetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die V2 zur »Mutter aller Raketen«, auf ihrer Basis wurden weltweit sämtliche ballistischen Raketen, aber auch die Weltraumraketen, entwickelt. Mir ist es wichtig, an diesen historischen Hintergrund zu erinnern, weil ich finde, dass aus der Vergangenheit eine Verpflichtung für heute entspringt.

Umso schlimmer ist, dass Deutschland jetzt in einen neuen Rüstungswettlauf mit Raketen einstiegen will.

Vor gut einem Jahr vereinbarten Bundeskanzler Scholz und US-Präsident Biden am Rande des NATO-Gipfels, dass in Deutschland landgestützte US-Mittelstreckenwaffen stationiert werden sollen. Es wurden drei Waffentypen genannt: die ballistische Rakete SM6, der Mittelstrecken-Marschflugkörper Tomahawk und die neue Hyperschallwaffe Dark Eagle. Sie sollen mit konventionellen, also nicht mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden. Sie haben Reichweiten zwischen 1.600 und knapp 3.000 Kilometer. Bei Stationierung im Osten Bayerns, zum Beispiel auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr der US-Streitkräfte, reichen diese Waffen bis kurz vor den Ural.

Selbst wenn die USA diese Mittelstreckenwaffen nicht nach Deutschland verlegen sollten, ist das Problem aber nicht gelöst: Bundeskanzler Merz hat angekündigt, Deutschland werden Startsysteme für die Marschflugkörper in den USA kaufen. Und Deutschland hat mit sechs anderen europäischen Ländern vereinbart, selbst Mittelstreckenwaffen zu entwickeln und zu bauen; dieses Programm läuft unter dem Namen ELSA, European Long-Range Strike Approach.

Russland ist unterdessen auch nicht untätig und baut u.a. die Mittelstreckenrakete Oreschnik, die mit konventionellen und mit Atomsprengköpfen ausgerüstet werden kann. Einen ersten Einsatz hatte die Waffen vergangenen November bereits in der Ukraine, als sie mit 36 Sprengköpfen auf Dnepro abgeschossen wurde.

Landgestützte Mittelstreckenwaffen eignen sich besonders gut als Erstschlagwaffe, um gegnerische, strategisch wichtige Ziele anzugreifen, wie Flugabwehr, Kommandozentralen und gegnerische Abschussvorrichtungen. Sie bergen ein enormes Eskalationspotenzial, da sie rasch verlegbar sind und schnell gestartet werden können. Dadurch verkürzt sich die Vorwarnzeit enorm. Dem Gegner bleibt keine Zeit, herauszufinden, ob wirklich ein Angriff vorliegt oder die Frühwarnsysteme Fehlalarm geben. Die Gefahr rascher Gegenschläge ist groß; ebenso groß ist die Gefahr, dass sich ein konventioneller Austausch von Mittelstreckenwaffen rasch zu einem nuklearen Schlagabtausch ausweiten würde.

Diese Gefahr ist auch deshalb real, weil alle Atomwaffenstaaten ihre nuklearen Arsenale optimieren und ausbauen. Darüber gäbe es viel zu sagen, ich will mich hier auf den Aspekt beschränken, der uns hier in Deutschland direkt betrifft:

In den USA wurde in den letzten Jahren ein neuer Typ Atomwaffen entwickelt, die B61-12-Bombe. Sie soll in den NATO-Staaten stationiert werden, die sich an der nuklearen Teilhabe beteiligen.

In Deutschland sieht diese Teilhabe so aus: Auf dem deutschen Fliegerhorst Büchel sind atomwaffenfähige Kampfjets stationiert, mit denen bei einem Einsatzbefehl deutsche Piloten die Atombomben ins Ziel fliegen würden. Als neue Atombomber hat die Bundesregierung in den USA F35-Kampfjets bestellt. Für die neuen Jets und die neuen Bomben wird zur Zeit der Fliegerhorst Büchel umgebaut. Allein das kostet zwei Milliarden Euro – Geld, das nicht vom Himmel fällt, sondern zu einem drastischen Umbau unseres Sozialstaats führen wird, darüber haben Vor-Redner*innen bereits gesprochen.

Nach Aussage eines Offiziellen der US-Behörde, die für die US-Atomwaffen zuständig ist, wurde die neue B61-Bombe bereits in Europa stationiert. Sie gilt als »einsatzfähiger«, weil sie nun lenkbar ist, also genauer ins Ziel einschlagen kann, und die Sprengkraft gegenüber dem Vorläufermodell etwas reduziert wurde.

Lassen wir uns aber nicht täuschen: Auch diese vermeintlich »kleine« Atombombe hat noch die vierfache Zerstörungswirkung der Bombe von Hiroshima. Was das bedeutet, könnt Ihr zur Zeit auf den großen Planen ansehen, die mitten auf dem Luisenplatz stehen, und in einer Posterausstellung, die aktuell im Justus-Liebig-Haus gezeigt wird.

Es gäbe noch viel zu sagen, meine Zeit ist aber um. Leute, werdet aktiv, um die Aufrüstung zu verhindern.

Zu unseren Forderungen an die Bundesregierung gehören die folgenden:

  • Stopp der geplanten Stationierung neuer US-Mittelstreckensysteme in Deutschland!
  • Abbruch der Pläne zum Kauf und zur Entwicklung eigener europäischer Hyperschallwaffen und Marschflugkörper, an denen Deutschland sich beteiligen will!
  • Abzug der Atomwaffen von Büchel, Aufgabe der nukleare Teilhabe und Beitritt zum Atomwaffenverbotsvertrag.
  • Wir brauchen neue Initiativen für gemeinsame Sicherheit und Zusammenarbeit sowie die langfristige Vision einer neuen Friedensordnung in Europa!
  • Und wir brauchen allen Widrigkeiten zum Trotz Dialog statt Aufrüstung und damit die Wiederaufnahme von Verhandlungen über Rüstungskontrolle und Abrüstung .

Danke für’s Zuhören!

 

 

Regina Hagen ist Mitglied im Darmstädter Friedensforum, Sprecherin des Aktionsbündnisses atomwaffenfrei.jetzt und Mitbegründerin der Kampagne »Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen«.