Wie aktuell ist Martin Niemöller?

Martin Niemöller und die Atomwaffen

von Ulrich Frey
Hintergrund
Hintergrund

Martin Niemöller (1892-1984) hat nach acht Jahren Haft im KZ als „persönlicher Gefangener des Führers“ in Deutschland und weltweit ab 1946 nachhaltig friedensethische und friedenspolitische wegweisende Akzente gesetzt. Die gegenwärtig verstörte und um großen Teil zerstörte Weltordnung wirft die Frage auf, wie aktuell die von Niemöller vertretenen Anstöße in den Kirchen, in der Politik und in der Gesellschaft sind. Ich beschränke meine Antwort auf die Atomwaffen als Instrument der militärischen Abschreckung und die Frage des Pazifismus.

Marin Niemöller ist nicht vergessen. Zuletzt zeichneten am 30. Januar 2026 Helwig Wegner-Nord (Text) und Siegfried Fietz (Musik) unter dem Titel „Welch ein Leben“ in der vollen Wiesbadener Bergkirche ein eindrucksvolles Portrait dieses nach eigenen Worten „revolutionären“ (1982) Christenmenschen. Sie stellten die Prüffrage Niemöllers zu kritischen Ereignissen in den Mittelpunkt: „Was würde Jesus dazu sagen?“ Mit dieser Frage konfrontierte Niemöller jedweden Gesprächspartner, auch Kommunisten, „als Brüder in der Nachfolge Jesu Christi“ (1).

Atomwaffen
Niemöllers aktuelle Bedeutung entstand und gilt noch heute in seinem Kampf gegen die Rüstung mit Atomwaffen. Nach einem Gespräch am 9. Juni 1954 in Wiesbaden mit Expert*innen für Kernspaltung und Nuklear-Technologie sowie Theologen (Otto Hahn, Werner Heisenberg, Carl Friedrich von Weizsäcker, Otto Dibelius, Helmut Gollwitzer) war Niemöller klar: Nukleare Waffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel.

Die von ihm seit dem Ostermarsch 1958 zur Atomfabrik Aldermasten/Großbritannien unterstützte Friedensbewegung nahm diese Disqualifizierung in ihre Argumentation gegen die „Nachrüstung“ mit Pershing II-Raketen und Cruise Missiles auf. Bei der ersten großen Kundgebung und Demonstration gegen die Atomwaffen am 10.10.1981 im Bonner Hofgarten wurde aus Niemöllers Rede der Satz verlesen: „Das schwierigste und furchtbarste, was ich in den Jahren der Ostermärsche erkannte, war: Wenn ich einen Gegner habe, mit dem ich gar keinen Frieden haben will, dann soll ich von Friedenswillen nicht reden. Es ist doch wohl unwiderleglich klar, dass wir, die gesamte Menschheit, nur noch miteinander überleben werden, weil uns einfach keine Alternative mehr bleibt. Nicht nur der Krieg, jeder Versuch durch Gewalt oder Zwang oder Druck das eigene Leben auf Kosten anderer zu sichern, bleibt eine Fehlspekulation, denn er muss im Endeffekt zur allgemeinen Katastrophe und damit zur Selbstvernichtung führen“. (2). Das leitende Motto der Friedensbewegung gegen den Doppelbeschluss der NATO von 1978 war auf den violetten Tüchern beim Kirchentag in Hannover 1983 zu lesen: „Die Zeit ist reif für ein Nein ohne jedes Ja zu den Massenvernichtungswaffen.“

Wie aktuell Niemöllers Gegnerschaft bezüglich der Atomwaffen ist, demonstriert die jüngste politische Entwicklung. Nach gegenwärtigem Stand gibt es keine Vereinbarungen der Atommächte gegen die atomare Rüstung mehr. Der letzte verbliebene New-START-Vertrag (New Strategic Arms Reduction Treaty) von 2010, der die strategischen Atomaffen auf jeweils 1.550 Sprengköpfe und 700 Trägersysteme begrenzte, ist am 5. Februar 2026 ersatzlos ausgelaufen. Zurzeit halten die neun „de-facto-Atommächte“, unter ihnen auch Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea, laut dem Internationalen Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI weltweit ca. 13.000 Nuklearwaffen, von denen ca. 2000 direkt einsatzfähig sind, 90 Prozent davon in den USA und Russland. Nun wird ein neues atomares Wettrüsten befürchtet unter Beteiligung anderer atomwaffenfähiger Staaten.

Gegen Stimmen, die neuerdings (Stand 18.2.2026) eine mögliche atomare Bewaffnung Deutschlands oder unter Beteiligung Deutschlands in Betracht ziehen, stellte sich die von der Martin-Niemöller-Stiftung initiierte „Wiesbadener Erinnerung vom 29. Mai 2024: „Es gibt keine Sicherheit mit nuklearen Massenvernichtungsmitteln“. Diese Erklärung wurde vielfach zitiert. Umfragen offenbaren, dass zwar die Zustimmung zur nuklearen Abschreckung leicht gestiegen ist, die meisten Deutschen aber immer noch gegen eigene Atomaffen votieren. Die Bundesregierung spricht auf der Grundlage des Zwei-plus-Vier-Vertrages und des Nicht-Verbreitungsvertrags (NVV) dagegen. Gleichwohl reden Deutschland und Frankreich über eine gemeinsame europäische nukleare Abschreckung mit deutscher finanzieller Beteiligung und über eine Strategie unter Einbeziehung französischer und britischer Atomwaffen. Polens Präsident Karol Nawrocki will angesichts der Bedrohung durch Russland ein eigenes Atomwaffenprogramm prüfen. Fazit: Atomwaffen sind kein Instrument militärischer Abschreckung.

Pazifismus
Friedensethisch redete Niemöller in Kassel 1959 Klartext: Seit Hiroshima und Nagasaki sei klar, dass ein Krieg mit Massenvernichtungsmitteln kein gerechter Krieg sei, sondern ein staatlicher Zwang zum Töten und ein ’totaler Krieg‘. „Dann sind eben die Mittel total, d.h. jedes Mittel ist recht, catch as catch can … Und darum ist heute die Ausbildung zum Soldaten, die Ausbildung der Kommandos im zweiten Weltkrieg, die hohe Schule für Berufsverbrecher. Mütter und Väter sollen wissen, was sie tun, wenn sie ihren Sohn Soldat werden lassen“ (3). Dieses Zitat dokumentiert die allmähliche Entwicklung des früheren Marineoffiziers Niemöller zum Pazifismus. Niemöller war wegen der hohen Zahl der von ihm von versenkten feindlichen Schiffe mit dem Eisernen Kreuz I ausgezeichnet worden. Jetzt plagte ihn die Sorge um das Überleben der Menschheit im Falle eines Nuklearkrieges. Im November 1952 bekannte er: „Ich bin kein grundsätzlicher Pazifist“ (4).

Theologische Überlegungen gaben zunächst nicht den Ausschlag, sondern die „erweiterte Destruktivkraft der Wasserstoffbombe“. Sein nuklearer Pazifismus war schöpfungstheologisch begründet (5). Fragt man nach den Gründen, stößt man auf seine Interpretation des Stuttgarter Schuldbekenntnisses von 1945. Dessen zentraler Satz lautet: „Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“

Niemöller hob auf die eigene Schuld und die „kollektive Verantwortung“ der Deutschen ab „und eine Verpflichtung, die Folgen kollektiv zu tragen“ (6), nicht aber zugleich - wie die Mehrheit des Rates der EKD – auch auf die Schuld der Alliierten. Die eigene Schuld der Deutschen könne nur durch eine Rechristianisierung getilgt werden (7). Dietrich Bonhoeffer, Namensgeber des Dietrich-Bonhoeffer-Vereins, seit kurzem mit der Martin-Niemöller-Stiftung fusioniert, erkannte die Bergpredigt als „die einzige Kraftquelle“ und „absolute Norm für unser Handeln“ (8). Fazit: Dafür gilt es weiterhin einzutreten.

Anmerkungen
1 Vgl. Stöhr, Martin: In: Nachwort zu Perels, Joachim (Hg.): Martin Niemöller, Gewissen vor Staatsraison, Wallstein Verlag, 2016, S. 311
2 Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden: Bonn 10.10.81, Lamuv, 1981, S. 111
3 Perels, Joachim: Martin Niemöller, Gewissen vor Staatsraison, Wallstein Verlag, 2016, S. 324
4 Ziemann, Benjamin: Martin Niemöller - ein Leben in Opposition, Deutsche Verlagsanstalt, 2019, S. 449
5 Ziemann, S. 454, 461, 462
6 Perels, S. 308
7 vgl. Ziemann, S. 407
8 Müller, Reinhard, nach Bald, Detlef: in: „Verantwortung“, 80 Jahre danach …, Nr. 76, Dezember 2025, S. 10

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Hintergrund
Ulrich Frey ist Mitglied im SprecherInnenrat der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung.