Der Schwerpunkt des FriedensForums.
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Vier Taktiken, mit denen Äthiopien die Gräueltaten in Tigray vor der Weltöffentlichkeit verheimlicht hat

Äthiopien: Wie man mit Massenmord davonkommt

Die Region Tigray im Norden Äthiopiens hat einen der tödlichsten bewaffneten Konflikte des 21. Jahrhunderts erlebt. Zwischen 2020 und 2022 wurden bis zu 800.000 Menschen (1) getötet (bei einer regionalen Bevölkerung von etwa 7 Millionen). Dies übersteigt die Schätzungen aus jüngsten größeren Konflikten, darunter denen in der Ukraine, im Jemen, im Sudan und in Syrien. (2)

Der Krieg wurde zwischen den Sicherheitskräften von Tigray und den verbündeten Streitkräften Äthiopiens und Eritreas sowie ethnischen Milizen aus verschiedenen Regionen Äthiopiens ausgetragen. (3)

Diese Zeit war geprägt von organisierten Massakern (4). Hinzu kamen systematische sexuelle Gewalt (5) und Massenvertreibungen (6). Ethnische Säuberungen und langwierige Belagerungen hatten verheerende Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung. 

Trotz ihres beispiellosen Ausmaßes blieb die Tigray-Krise für die Welt weitgehend unsichtbar. Faktoren wie die ethnische Zugehörigkeit und die Randlage der Region machten den Tigray-Konflikt zu einem blinden Fleck in der globalen Geopolitik. Aber diese Erklärungen reichen nicht aus.

Ich habe mich mit der Politik Äthiopiens befasst und die Entwicklungen in Tigray seit Ausbruch des Krieges aufmerksam verfolgt. In einem kürzlich erschienenen Artikel (7) habe ich die Maßnahmen untersucht, die die äthiopische Regierung und ihre Verbündeten ergriffen haben, um die Gräueltaten vor der weltweiten Öffentlichkeit zu verbergen.

Ich habe Regierungserklärungen, Medienberichte und Berichte lokaler und internationaler Menschenrechtsorganisationen kurz vor und während des Krieges analysiert. Ich stellte fest, dass der Krieg und die damit verbundenen Menschenrechts- und humanitären Krisen nicht zufällig verborgen wurden. Sie wurden aktiv unsichtbar gemacht.

Die äthiopische Regierung und ihre Verbündeten wandten vier wichtige Taktiken an, um eine „Zone der Unsichtbarkeit” zu schaffen – eine bewusste Anstrengung, um zu verschleiern, was geschah:

  1. Kommunikationssperren (8),
  2. Einschränkungen für Journalist*innen (9) und humanitäre Organisationen (10),
  3. Physische Blockaden, die den Zugang zu Informationen und Beweisen einschränkten (11), und
  4. Narrative, die die Bevölkerung von Tigray als legitimes Ziel von Gewalt darstellten.

Diese Maßnahmen ermöglichten es, dass Gräueltaten unter begrenzter externer Kontrolle begangen werden konnten. Diese Taktik könnte leicht von Äthiopien – oder anderen autoritären Regimes anderswo – kopiert werden, weshalb es so wichtig ist, den Fall Tigray zu verstehen. Der Krieg in Tigray zeigt, wie moderne autoritäre Staaten militärische Gewalt, Informationskontrolle und Narrativgestaltung kombinieren können, um Massengräueltaten zu verschleiern.

Wenn Massengewalt unsichtbar gemacht wird, wird sie selten gelöst. Stattdessen wird sie reproduziert. Und wenn die Rechenschaftspflicht aufgeschoben wird, bleiben die Bedingungen, die Gräueltaten ermöglicht haben, intakt.

Künstliche Unsichtbarkeit

Die Schaffung einer „Zone der Unsichtbarkeit” in Tigray war das Ergebnis bewusster politischer und militärischer Strategien. Die äthiopische Regierung und ihre Verbündeten schränkten systematisch ein, was über den Krieg gesehen, dokumentiert und verstanden werden konnte.

  • Kommunikationssperren: Unmittelbar nach Kriegsbeginn verhängte die äthiopische Regierung eine fast vollständige Kommunikationssperre (13). Diese dauerte über zwei Jahre. Gleichzeitig kam es zu weitreichenden Störungen der Telekommunikations-, Medien- und Energieinfrastruktur. Diese Maßnahmen isolierten Tigray (14) und verhinderten die Verbreitung von Informationen über die Gewalt.
  • Beschränkungen für Journalist*innen und humanitäre Organisationen: Der Zugang zur Region wurde streng kontrolliert. Journalist*innen und humanitären Organisationen wurde die Einreise verweigert oder ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Dadurch wurden unabhängige Zeug*innen ausgeschlossen, die die Ereignisse dokumentieren und die Leiden der Zivilbevölkerung einem weltweiten Publikum vermitteln konnten.
  • Physische Blockaden: Straßensperren, territoriale Besetzungen und blockierte Hilfswege isolierten die Region physisch. Tigray wurde zu einem Raum, in dem Gewalt schwer zu beobachten oder ihm zu entkommen war, sodass Gräueltaten weitgehend außerhalb der internationalen Kontrolle stattfinden konnten.
  • Narratives Framing: Die äthiopische Bundesregierung förderte Narrative, die die Gewalt in Tigray als legitim und notwendig erscheinen ließen. Der offizielle Diskurs und die verbündeten Medien stellten die Tigrayaner*innen als „Rebellen“, „Unkraut“ (15) und „Krebsgeschwür im Staatswesen“ (16) dar. Diese Sprache entmenschlichte die Bevölkerung und normalisierte kollektive Bestrafung. Ein solches Framing dämpfte Forderungen nach Intervention und Rechenschaftspflicht. Darüber hinaus wurde der Krieg in Tigray als „Strafverfolgungsmaßnahme“ dargestellt. Er wurde oft als innerstaatlicher Konflikt bezeichnet. Dies trotz der – inzwischen von Premier Abiy Ahmed im Parlament zugegebenen - umfassenden Beteiligung der eritreischen Armee. Auch andere Staaten lieferten Waffen (17), darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Israel (18), die Türkei (19) und China (20).

Zusammengenommen deuten diese Muster darauf hin, dass die Gewalt strukturiert, gezielt und nachhaltig war. Die groß angelegten Kämpfe in Tigray endeten offiziell mit dem Abkommen von Pretoria zur Einstellung der Feindseligkeiten im November 2022 (21). Die Nachwirkungen haben jedoch weder Gerechtigkeit noch Sicherheit gebracht.

Stattdessen hält die Gewalt in Tigray an – und hat sich auf ganz Äthiopien ausgeweitet (22).

Die Mechanismen zur Rechenschaftspflicht wurden geschwächt oder abgeschafft. Die Überlebenden des Krieges von 2020 bis 2022 leben weiterhin unter Bedingungen tiefgreifender Unsicherheit (23), humanitärer Not (24) und anhaltender Menschenrechtsverletzungen (25). Viele von ihnen immer noch als Binnenvertriebene in provisorischen Lagern.

Umgehung von Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht

Nach dem Waffenstillstandsabkommen von 2022 untergrub das äthiopische Regime die internationalen Untersuchungsmechanismen zu den während des Tigray-Krieges begangenen Verbrechen und schaffte sie schließlich ganz ab.

Im Jahr 2023 wurden sowohl die von den Vereinten Nationen beauftragte Internationale Kommission von Menschenrechtsexperten zu Äthiopien (26) als auch eine Untersuchungskommission der Afrikanischen Union (27) aufgelöst. Damit gab es keine unabhängige internationale Instanz mehr, die die Rechenschaftspflicht durchsetzen konnte.

Die Abschaffung dieser Mechanismen war zum Teil das Ergebnis einer anhaltenden Kampagne des Regimes und seiner Verbündeten (28). Allerdings ließen sich auch internationale Akteure von den Versprechungen der äthiopischen Behörden überzeugen, innerstaatliche Übergangsjustizprozesse einzuführen.

Diese Zusagen entsprachen dem, was die UN-Kommission der Menschenrechtsexperten für Äthiopien als „Quasi-Compliance“ (29) bezeichnet hat: Symbolische Gesten statt echter Bemühungen um die Gewährleistung der Rechenschaftspflicht.

Dies zeigt sich daran, dass es keine nennenswerten Versuche gab, die Täter strafrechtlich zu verfolgen, die Überlebenden zu schützen oder die anhaltende Gewalt in der Zeit nach dem Waffenstillstand zu beenden.

Stattdessen hat der äthiopische Staat das Waffenstillstandsabkommen genutzt, um sein internationales Image wiederherzustellen. Er hat die diplomatischen und Handelsbeziehungen zu regionalen Blöcken wie der Europäischen Union (30) wieder aufgenommen. Diese Beziehungen waren durch die Menschenrechtsverletzungen in Tigray belastet worden (31).

Was passiert, wenn Gräueltaten unbemerkt und ungestraft bleiben oder sogar stillschweigend akzeptiert werden? Straflosigkeit beendet Gewalt nicht, sie perpetuiert sie.

Nach einer relativen Pause in den letzten drei Jahren ist 2026 in Tigray erneut ein aktiver Krieg ausgebrochen (32). Dies hat die Aussicht auf eine erneute vollständige Belagerung erhöht. Dies wird durch die jüngsten Drohnenangriffe (33) und die Aussetzung der Flüge in die Region (34) belegt. Darüber hinaus scheint die Bundesregierung seit Ende 2025 auf einen möglichen Krieg mit Eritrea (35) hinzuarbeiten. Dies hätte erneut schwerwiegende Auswirkungen auf Tigray. Jede Konfrontation würde wahrscheinlich auf dem Gebiet von Tigray ausgetragen werden.

Äthiopien beruft sich auf die Besetzung tigrayanischer Gebiete durch Eritrea (36) als Grund für die Konfrontation. In einer Rede vor dem Bundesparlament im Februar 2026 räumte Premierminister Abiy Ahmed außerdem ein (37), dass die eritreische Armee in Tigray in großem Umfang Zivilist*innen getötet und zivile Infrastruktur zerstört und geplündert habe.

Angesichts der sich verschärfenden Rhetorik auf beiden Seiten scheint ein Krieg immer wahrscheinlicher zu werden (38).

Ausbreitung der Gewalt über Tigray hinaus

Die anhaltenden Folgen von Unsichtbarkeit und Straflosigkeit sind in ganz Äthiopien offensichtlich. Seit der Unterzeichnung des Waffenstillstands im Jahr 2022 haben sich das äthiopische Regime und seine ehemaligen Verbündeten getrennt und ihre Waffen gegeneinander gerichtet. In der Region Amhara, südlich von Tigray, befindet sich die FANO (39), eine ethnische Miliz, die neben der Bundesarmee der ethnischen Säuberung im westlichen Tigray und anderer schwerer Verbrechen beschuldigt wird. Seit fast drei Jahren befindet sie sich nun in einem bewaffneten Konflikt mit der Regierungsarmee (40).

Unterdessen hält die Gewalt in der Region Oromia (41), die lange vor dem Krieg in Tigray begann, unvermindert an. Taktiken, die während des Tigray-Krieges erprobt und verfeinert wurden, werden nun sowohl in Amhara als auch in Oromia gegen Zivilist*innen eingesetzt.

Anstatt einen Übergang zum Frieden zu markieren, hat die Zeit nach dem Waffenstillstand in Tigray zu einer Ausbreitung und Normalisierung der Gewalt in der politischen und geografischen Landschaft Äthiopiens geführt.

Anmerkungen

1 https://everycasualty.org/webinar-documenting-the-civilian-victims-of-t…
2 https://english.elpais.com/international/2023-01-27/ethiopias-forgotten…
3 https://www.nytimes.com/2021/12/15/world/africa/ethiopia-abiy-ahmed-nob…
4 https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/…
5 https://www.hrw.org/report/2021/11/09/i-always-remember-day/access-serv…
6 https://www.hrw.org/video-photos/video/2022/04/05/ethiopias-ruthless-et…
7 https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0962629825000307?via…
8 https://www.accessnow.org/press-release/two-years-internet-shutdowns-ti…
9 https://www.reuters.com/business/media-telecom/ethiopia-restricts-infor…
10 https://www.hrw.org/news/2022/08/31/confronting-ethiopias-abusive-siege….
11 https://reliefweb.int/report/ethiopia/100-days-blockage-tigray
12 https://newlinesinstitute.org/wp-content/uploads/20240604-Report-Genoci…
13 https://www.reuters.com/world/six-million-silenced-two-year-internet-ou…
14 https://www.accessnow.org/wp-content/uploads/2023/05/2022-KIO-Report-fi…
15 https://www.theguardian.com/us-news/2022/jun/09/facebook-hate-speech-te….
16 https://foreignpolicy.com/2021/03/09/ethiopia-tigray-conflict-united-na…
17 https://www.nytimes.com/2021/12/20/world/africa/drones-ethiopia-war-tur…
18 https://www.thejc.com/opinion/theres-a-war-where-israeli-and-iranian-dr…
19 https://www.washingtonpost.com/world/interactive/2022/ethiopia-tigray-d…
20 https://www.oryxspioenkop.com/2021/09/made-in-china-ethiopias-fleet-of…
21 https://www.peaceau.org/en/article/cessation-of-hostilities-agreement-b…
22 https://www.cfr.org/global-conflict-tracker/conflict/conflict-ethiopia
23 https://www.refugeesinternational.org/reports-briefs/womens-bodies-were…
24 https://addisstandard.com/over-1700-idps-at-hitsats-center-in-tigray-in…
25 https://www.aljazeera.com/news/2026/1/31/drone-strikes-in-ethiopias-tig…
26 https://www.hrw.org/news/2023/10/04/human-rights-council-eu-fails-ethio…
27 https://addisstandard.com/news-human-rights-groups-express-concern-over…
28 https://www.reuters.com/world/africa/ethiopia-seeks-end-un-ordered-prob…
29 https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/…
30 https://addisstandard.com/news-eus-looks-forward-to-normalization-of-re…
31 https://www.politico.eu/article/eu-commission-suspends-nearly-90-millio…
32 https://www.rfi.fr/en/africa/20260202-world-leaders-urge-restraint-as-c…
33 https://www.reuters.com/world/africa/drone-strikes-ethiopias-tigray-reg…
34 https://www.bbc.com/news/articles/cn40r3v770lo
35 https://www.aljazeera.com/news/2026/2/8/ethiopia-demands-eritrea-immedi…
36 https://www.bbc.com/news/articles/cn87lzrj1l7o?at_format=image&at_mediu…
37 https://www.bbc.com/news/articles/c74vpdnj301o
38 https://www.economist.com/middle-east-and-africa/2026/02/05/ethiopia-in…
39 https://www.hrw.org/report/2022/04/06/we-will-erase-you-land/crimes-aga…
40 https://www.theguardian.com/artanddesign/2025/dec/01/inside-ethiopia-fa…
41 https://theconversation.com/ethiopias-other-conflict-whats-driving-the-…

Dieser Artikel wurde veröffentlicht von The Conversation, 12. Februar 2026, und übersetzt von Wolfgang Heinrich. Link zum Original, das unter einer Creative Commons Lizenz steht: https://theconversation.com/how-to-get-away-with-mass-murder-4-tactics-…;

Autor

Teklehaymanot Weldemichel ist Dozent für Umwelt und Entwicklung an der Universität Manchester. Seine Forschungsarbeit befasst sich mit der Umweltpolitik in afrikanischen Ländern und der Lokalisierung der Ziele für nachhaltige Entwicklung in städtischen Gebieten Norwegens. Seit 2020, nach dem Ausbruch des Kriegs in Tigray, konzentriert sich seine Arbeit hauptsächlich auf den Krieg in Tigray, wobei er Menschenrechtsverletzungen, die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten, Krieg und Hunger auf die Umwelt, die Politik der Gewalt und die digitale Unterdrückung untersucht.

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  • Friedensforschung