Die neue Ausgabe unseres Magazins ist erschienen und behandelt das Thema "Aufrüstung und Militarisierung". Gerne schicken wir dir ein kostenfreies Probeheft zu.
Redebeitrag für den Ostermarsch-Auftakt in Frankfurt am 21. April 2025
- Sperrfrist: 21.04., Redebeginn: ca. 10 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Bundeswehr raus aus den Schulen – Lasst unsere Kinder in Frieden!
Liebe Freundinnen und Freunde,
wir wenden uns heute gegen Mittelstreckenraketen in Europa und gegen milliardenschwere Aufrüstungsprogramme der Bundesregierung und der Europäischen Union. Die Militarisierung unserer Gesellschaft fängt aber nicht erst hier an. Sie beginnt, und das treibt mich besonders um, bei unseren Kindern und Jugendlichen.
Polen hat einem Bericht der Deutschen Welle vom Dezember 24 zufolge zur Vorbereitung auf einen möglichen russischen Angriff den Waffenunterricht für Schulkinder zur Pflicht gemacht. Dort lässt man Kinder Schießübungen mit Pistolen und Sturmgewehren an Schulen durchführen. Einen Protest unserer Politiker:innen gegen dieses Vorgehen eines EU-Mitgliedsstaates und unseres Nachbarlandes habe ich nicht gehört. Warum eigentlich nicht?
Soweit wie in Polen ist es bei uns zum Glück noch nicht gekommen und wird es auch hoffentlich nie kommen. Aber auch hier macht das Militär mit seiner Propaganda nicht vor Kindern Halt.
Ein aktuelles Beispiel: Das „Landeskommando Hessen der Bundeswehr“ und ihr „Karrierecenter Mainz“ haben sich vor einigen Wochen mit einem erschreckenden Brief an alle hessischen Schulen gewandt. Hierin werden Lehrkräfte eingeladen, mit ihrer Schülerschaft, ausdrücklich gerne ab 8. Klasse, zum „Bundeswehr“-Stand auf dem Hessentag in Bad Vilbel zu kommen. Dort werde die „Bundeswehr“, so wörtlich, „sowohl ihren Auftrag als auch einen Ausschnitt ihrer Fähigkeiten und Ausrüstung vorstellen“. Der Brief wirbt offen mit einem Rundgang, bei dem Kinder ab der 8. Klasse, also ab 13, die sog. „Gerätschaften“ (!) der „Bundeswehr“ kennenlernen können und für diese als einen der „größten Arbeitgeber Deutschlands“ begeistert werden sollen. Ich war entsetzt über diese Dreistigkeit.
Die „Bundeswehr“ wirbt zudem weiterhin mal verdeckter, mal weniger verdeckt, auch direkt an den Schulen, durch ihre sog. Jugendoffiziere im Unterricht, aber auch mit einer Flut von Flyern, Postkarten und Plakaten, die die bekannten unsäglichen Slogans verbreiten: „Mach, was wirklich zählt“ z.B., oder etwas älter: „Wähle einen Beruf in Uniform“.
Lasst uns diesen Scheiß verhindern!
Wir fordern: Bundeswehr raus aus den Schulen! Und steckt unsere Steuergelder in Bildung und Friedenserziehung statt in Militär und seine Werbekampagnen!
Man versucht in diesen Kampagnen, Jugendliche bei ihrem Streben nach Ansehen und Erfolg zu packen. Aber auch durch ihre Abenteuerlust, Neugier und Technik-Affinität sind bestimmte Jugendliche leicht manipulierbar. Sie können die Folgen einer möglichen Karriere bei der Armee nicht überblicken.
Na klar, die „Bundeswehr“ bietet gut bezahlte Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten. Diese sind jedoch mit einer Verpflichtung als Zeitsoldat:in verknüpft und somit langfristig mit dem Risiko des Tötens und Sterbens sowie der Traumatisierung im Krieg.
Denn Minderjährige dürfen zwar nicht in Auslandseinsätze geschickt werden, sie können ihren Vertrag aber mit dem 18. Geburtstag nicht einfach kündigen. Dies darf Jugendlichen gegenüber nicht verschleiert werden. Insbesondere den Leistungsschwächeren gegenüber nicht, die Sorgen um ihre berufliche Zukunft haben und leicht mit finanziell attraktiven Angeboten zu verführen sind. Nicht umsonst richtet sich die eben zitierte Einladung der „Bundeswehr“ zum Hessentag vermutlich schon an die 8. Klassen, um nämlich besonders diejenigen noch zu erreichen, die schon im Folgejahr mit dem Hauptschulabschluss die Schule verlassen werden und vor einem schwierigen Übergang in den Beruf stehen. Das ist perfide!
Alle Kinder und Jugendlichen müssen wissen: Angehörige der „Bundeswehr“ verzichten bei Dienstantritt auf wesentliche Grundrechte wie das Recht auf körperliche und geistige Unversehrtheit. Die freie Meinungs- und Willensbildung wird beschränkt, Gehorsamsverweigerung wird u.U. bestraft. Und Ausbildung bei der Bundeswehr bedeutet letzten Endes auch Ausbildung der Fähigkeit und Bereitschaft in bestimmten Situationen möglicherweise andere Menschen zu töten. Daher ist das Soldatsein weder ein Beruf wie jeder andere, noch die „Bundeswehr“ ein ganz normaler Arbeitgeber. Militärdienste sind kein harmloses Abenteuer, wie es z.B. auch die „Bundeswehr“ - YouTube-Serie „Die Rekruten“ Jugendlichen zu vermitteln versucht hat, erschreckend erfolgreich.
Das Anwerben von Soldat:innen darf sich daher niemals an Minderjährige richten!
Die DFG-VK unterstützt zusammen mit Terre des Hommes, Pax Christi, IPPNW, der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft u.a. Bündnispartnern die Kampagne „Unter 18 nie“. Bisher leider mit wenig Erfolg: 2024 waren ca. 10% aller neu rekrutierten Armeeangehörigen unter 18 Jahren. Das war ein neuer, trauriger Höchststand.
Der UN-Ausschuss für die Rechte des Kindes, der die Fortschritte bei der Einhaltung der Kinderrechte regelmäßig prüft, kritisiert Deutschland diesbezüglich immer wieder und drängt darauf, ich zitiere, „das Mindestalter für die freiwillige Verpflichtung bei den Streitkräften auf 18 Jahre anzuheben und alle Formen der auf Kinder ausgerichteten Werbung oder Vermarktung des Militärdienstes zu verbieten, insbesondere an Schulen;“[1]
Dies wird seitens der Armee und der Politik weiterhin ignoriert. Aber falls Lehrkräfte unter uns sind: Die gute Nachricht ist, dass jede Schule bei sich selbst anfangen und sich gegen Rekrutierungsversuche der „Bundeswehr“ mit Gesamtkonferenz- und/ oder Schulkonferenzbeschlüssen wehren kann.
Jede:r kann mit dazu beitragen, dass unsere Kinder in Frieden gelassen werden und in Frieden leben können.
Vielen Dank.
Anmerkungen:
- [1] Abschlussbericht des UN-Kinderrechtsausschusses von 2022, CRC/C/VNM/CO/5-6
Andrea Wolf ist aktiv bei der DFG-VK Frankfurt.