Johannes Zang, Aschaffenburg
Redebeitrag für den Ostermarsch in Aschaffenburg am 19. April 2025
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensbefürworter aus AB und Umgebung,
mein Name ist Johannes Zang. Ich komme aus Goldbach und habe neun Jahre in Israel und den Besetzten Palästinensischen Gebieten gearbeitet. Heute kann ich nicht hier sein, da ich gerade dort bin: auf einer Recherche- und Freundesreise in und um Jerusalem und Bethlehem.
2006 befragte ich in Gaza-Stadt den Direktor des palästinensischen Menschenrechtszentrums PCHR, Raji Sourani zur israelischen Militäroperation Sommerregen. Raji, der selbst mehrfach in Israel inhaftiert und gefoltert worden war, versicherte mir: „Wir sehen hier das Gesetz des Dschungels. Es wird von den Regierungen der Vereinigten Staaten und von Europa vollkommen unterstützt. Zum ersten Mal wird ein Krieg gegen eine gänzlich zivile Bevölkerung geführt. Wir fordern etwas Einfaches: die Herrschaft des Gesetzes, nicht die des Dschungels. Nichts von der 4. Genfer Konvention ist übrig geblieben, das nicht von Israel gebrochen wurde. Haben Menschenrechte, internationales humanitäres Recht, Genfer Konventionen noch irgendeine Bedeutung?“ Dann warnte er vor den Folgen, die US- amerikanische und europäische Unterstützung Israels samt „grünem Licht für ihr Kriegsverbrechen“ zeitigen konnte: „Das ist eine Einladung an Bin Laden.“
Auf andere Weise hat sich seine
Prophezeiung brutalst am 7. Oktober 2023 bewahrheitet. Seitdem führt Israel nach seiner Lesart einen Krieg gegen die Hamas – die Bevölkerung des Gazastreifens sieht es als Krieg gegen jeden Menschen, ob Jung oder Alt. Weit mehr als die Hälfte der über 50.000 Opfer (92 am Tag) sind Frauen und Kinder. Etwa 1.000 Familien wurden komplett ausgelöscht, von weiteren über 1.000 Familien hat nur ein Familienmitglied überlebt. Manch einer hat 250 Angehörige verloren. Doch unsere Regierung sowie die EU meinen, Israel weiterhin unterstützen zu müssen: militärisch, juristisch, politisch.
Das ist grundfalsch. Ich fordere
- eine Berichterstattung, die auch Palästinenser zu Wort kommen lässt
- Ich fordere, dass Politiker und Medien nicht nur die Kriegsverbrechen der Hamas oder des Islamischen Jihads benennen und verurteilen, sondern auch die der israelischen Armee
- Ich verlange, dass deutsche oder europäische Politiker der ethno-nationalistischen Regierung Israels endlich rote Linien aufzeigen, wie es viele im israelischen Friedens- und Menschenrechtslager seit Jahrzehnten fordern
- Ich fordere, dass das seit dem Jahr 2000 existierende EU-Assoziierungsabkommen, das Israel viele Vorteile bringt, endlich an die Achtung von Menschenrechten, Völkerrecht und Genfer Konventionen gekoppelt wird.
- Ich fordere alle politischen Verantwortungsträger auf, die jahrzehntelange Straflosigkeit zu beenden und das Gutachten des Internationalen Gerichtshofs vom 19. Juli 2024 zu beachten.
- Ich verlange, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu verteidigen anstatt sie zu untergraben!
Die derzeitige Politik der Bundesregierung entfremdet nicht nur gut 200.000 hierzulande lebende Palästinenser von Deutschland, dem Land, in dem sie eine zweite Heimat gefunden haben und zum Teil seit Jahrzehnten leben, arbeiten und Steuern zahlen. Diese Politik, die der Staatsräson folgt, macht es auch deutschen Friedensaktivisten und Millionen von Muslimen schwer, sich hier heimisch und sicher zu fühlen.
Schluss mit der Doppelmoral! Schluss mit doppelten Standards. Schluss mit Waffenlieferungen. Stoppt den Krieg. Die seit 1967 bestehende brutale Militärbesatzung durch Israel muss mit einem klaren Fahrplan enden. Fünf Millionen Palästinenser brauchen endlich eine Perspektive auf ein Leben in Würde und Sicherheit. Juden weltweit feiern gerade Pessach, das Fest der Befreiung aus der Sklaverei. Partners for Progressive Israel, eine US-amerikanische Nichtregierungsorganisation, die Friedens- und Menschenrechtsgruppen in Israel unterstützt, versichert: „Es ist noch nie so klar gewesen wie derzeit, dass unsere Freiheit und Sicherheit als Amerikaner und israelische Juden zutiefst von der Freiheit und Sicherheit der Palästinenser abhängen.“
Vielen Dank!
Johannes Zang ist ein deutscher Autor, der sich in seinen Werken mit dem Zusammenleben von Israelis und Palästinensern, dabei vor allem mit der Lage der palästinensischen Christen auseinandersetzt.