Redebeitrag für die Antikriegstagsveranstaltung am 1. September 2025 in Hannover

 

- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Am heutigen Antikriegstag gedenken wir der Opfer von Krieg, Gewalt und Diktatur. Wir erinnern uns an das unermessliche Leid, das Nationalismus, Militarismus und Entmenschlichung über die Welt gebracht haben – und wir erneuern unser Versprechen: Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Nie wieder Entmenschlichung.

Liebe Freund*innen,

Heute spreche ich nicht nur als Stadtverordnete zu euch, sondern in allererster Linie als MENSCH.

Als eine von vielen jungen Menschen, die an der aktuellen Weltlage verzweifeln.

Ja, ich möchte sagen, wie es ist. Ich verzweifle.

Denn ich zweifle an der Menschheit. Ich zweifle an unserer Menschlichkeit und an unserer Empathie.

Ich kriege von vielen gesagt ich solle stark bleiben.

Doch wie finde ich heute die richtigen Worte, wenn sich dieses Versprechen von „nie wieder“, das ich seit klein auf gelernt habe, nur als leere Worthülse entpuppt?

Wie erkläre ich, was Tage wie diese in mir auslösen, während ich nach Gaza, in die Ukraine und in den Sudan schaue?

Wir dürfen uns nicht in Ritualen und Worten verlieren. Denn die Schrecken des Krieges sind nicht Vergangenheit, sie sind Gegenwart. Sie sind Realität für Millionen Menschen weltweit.

Wir sehen es in der Ukraine. Wir sehen es im Sudan. Und wir sehen es in Gaza.

Dazu möchte ich euch das Zitat eines palästinensischen Dichters, namens Mahmoud Darwish, vorlesen:

Wenn die Olivenbäume wüssten, welche Hände sie gepflanzt haben, würde ihr Öl zu Tränen werden.

Gaza – ein Ort, der zu einem Synonym für Entmenschlichung geworden ist. Wenn Kinder unter Trümmern sterben, wenn Familien keine Zuflucht mehr finden, wenn Menschen zu reinen Zahlen in Meldungen reduziert werden – dann wird das Menschsein selbst ausgehöhlt.

Wenn in politischen Debatten nicht mehr von Kindern, Frauen, Alten und Familien die Rede ist, sondern nur noch von „Kollateralschäden“ – dann verrät Sprache die Würde.

Und wenn die Weltgesellschaft beginnt, wegzusehen, dann geschieht das größte Unrecht: Das Sterben wird normalisiert.

Wieso normalisieren wie es, wenn israelische Soldaten Kindern gezielt in den Kopf schießen? Wieso normalisieren wir es, wenn Journalisten, Ärzte und Hilfskräfte durch israelische Bomben getötet werden, weil sie angeblich Terroristen waren?

Wieso normalisieren wir es, dass man Kinder aushungern darf?

Wieso normalisieren wir es nicht, gegen eine rechtsradikale Regierung wie die von Netanyahu aufzustehen?

Wieso normalisieren wir es nicht, dass man gegen die Hamas UND gegen Netanyahu sein kann? Wieso normalisieren wir es nicht, dass man FÜR das Leben der Palästinenser und FÜR das Leben der israelischen Geiseln sein kann?!

Ich muss mich nicht für die eine oder die andere Seite entscheiden, wenn ich mich für die Seite der Menschlichkeit entscheiden kann.

Wir dürfen niemals zulassen, dass Menschen zu Objekten gemacht werden. Denn Kriege beginnen nicht nur mit Waffen – sie beginnen mit Worten, mit Bildern, mit dem

Entzug der Menschlichkeit.

Die Geschichte lehrt uns: Jede Entmenschlichung ist die Vorbereitung auf Gewalt.

Mein Herz blutet. Jeden einzelnen Tag.

Liebe Freund*innen,

Die Entmenschlichung ist das größte Problem unserer Zeit. Wir entmenschlichen andere Menschen, und rechtfertigen ihre Entmenschlichung, um unser Gewissen zu beruhigen.

Darum gilt unser Auftrag heute mehr denn je: Wir müssen hinschauen. Wir müssen widersprechen. Wir müssen benennen. Nicht neutral. Nicht abwartend. Sondern mit klarer Stimme: Das Töten in Gaza, die Entrechtung, die Blockade von Lebensmitteln – das alles widerspricht jeder Idee von Frieden, von Völkerrecht und von unserer gemeinsamen Menschlichkeit.

Der Antikriegstag darf nicht zur stillen Gedenkminute verkommen. Er ist eine Verpflichtung. Eine Verpflichtung, Frieden einzufordern. Eine Verpflichtung, an der Seite der Entrechteten zu stehen. Eine Verpflichtung, den Mächtigen ins Gesicht zu
sagen: Euer Schweigen, euer Zögern, euer Wegsehen tötet mit.

Liebe Anwesende,

Wenn wir heute der Vergangenheit gedenken, dann tun wir es nicht, um im Gestern zu verharren. Wir tun es, um das Heute zu verändern. Damit die Welt nicht in Zynismus versinkt. Damit jedes Kind, egal wo es geboren wird, als Mensch behandelt wird – nicht als Zahl, nicht als Feindbild, nicht als Bürde.

Das ist die Aufgabe, die uns der Antikriegstag stellt.

Und deshalb sagen wir gemeinsam:

Nie wieder Entmenschlichung.

Nie wieder Krieg.

Nie wieder Schweigen.

Vielen Dank.

 

Hibba Kauser ist Stadtverordnete der SPD in Offenbach.