Palästina: „Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung”

Buchbesprechung „33 Christen reden Klartext”

von Christine Schweitzer
Krisen und Kriege
Krisen und Kriege

Der Publizist Johannes Zang ist einer der besten Kenner des israelisch-palästinensischen Raums. Er hat neun Jahre dort gelebt, fünf Bücher und hunderte von Artikeln (auch für das Friedensforum) geschrieben und betreibt den Podcast Jeru-Salam. Im Dezember 2025 erschien sein neues Buch, für das er um Ostern 2025 herum Christ*innen interviewt hat, die in Palästina leben. 

Das Buch beginnt mit einer Einleitung zur Situation der Christ*innen, die in Palästina unter israelischer Besatzung leben: 190.000 sind es insgesamt, plus 50.000 in Ostjerusalem. Sie stellen eine kleine Minderheit im Vergleich mit der muslimischen Bevölkerung dar. Immer mehr von ihnen wandern aus, was wohl niemand erstaunt angesichts der Besatzung und auch dem Druck durch Muslime und Drusen. Dazu kommen Konflikte innerhalb der christlichen Gemeinschaften und dem, was „christlicher Zionismus“ genannt wird – christliche Gruppen, die Israel und seine Siedlungspolitik unterstützen, weil sie glauben, dass Christus wiederkommen werde, wenn alle Jüd*innen in das ihnen verheißene Land zurückgekehrt seien.

Die Interviews
Ein paar Zahlen: Zang hat 15 Frauen und 16 Männer interviewt, meist einzeln, aber gelegentlich auch zu zweit oder dritt. Dazu kam eine Videorunde mit 4 Männern und einer Frau. (Dass diese Zahlen nicht 33 ergeben, ist nur eine Randbemerkung.) Die Interviewten waren nicht alle  gebürtige Palästinenser*innen und setzten sich aus vielen verschiedenen Kongregationen zusammen: Sie waren römisch-katholisch (8), evangelisch-lutherisch (5), anglikanisch (3), griechisch-orthodox (3) sowie armenisch-orthodox, koptisch-orthodox, freikirchlich, evangelikal-freikirchlich, evangelisch, griechisch-katholisch und armenisch-katholisch. Drei waren Pastor*innen, alle anderen Laien, die Altersspanne reichte von 18 bis 98 Jahren. Die Interviews sind nach Orten angeordnet: Jerusalem, Bethlehem, Beit Jala, Beit Sahour, Ramallah, Bir Zeit und Menschen im Ausland.

Eine so große Zahl an Interviews, die ganz unterschiedliche Lebensrealitäten widerspiegeln, kann schwierig sinnvoll zusammengefasst werden. Aber einige Gemeinsamkeiten lassen sich doch herauslesen:

Die meisten berichten – wie auch schon der Buchtitel aussagt – von den Checkpoints und wie sie dort als minderwertig behandelt werden. Viele berichteten auch von Schwierigkeiten mit Identitätsdokumenten und Hindernissen, ins Ausland zu reisen. „Keine Bewegungsfreiheit zu haben“, „wir leben als Menschen zweiter oder dritter Klasse“, „Mein Neffe und meine Nichte waren noch nie am Mittelmeer“ sind Antworten auf die Frage, unter welcher Facette der Besatzung sie am meisten leiden, die sich so oder ähnlich in den meisten Gesprächen wiederfinden.

Berührend sind die Antworten auf die Frage, was der größte Wunsch sei. Fast immer ging es um Frieden, darum, in Frieden zu leben. Zwei Beispiele: „Ich wünsche mir, dass dieses Land jeden umarmt, jeden willkommen heißt, jeden akzeptiert und damit den Reichtum der hier vorhandenen Kulturen, Religionen und Geschichte.“ „Ich will sehen, wie der Friede kommt, die Bewegungsfreiheit und möchte spüren: Das ist mein Land. Ich will mich an ihm erfreuen. Ich will nicht auswandern. Ich will Frieden hier“.

Zang fragte sie auch, was ihnen Hoffnung gebe. Da antworteten die meisten mit Hinweis auf ihren Glauben. Aber Frieden in näherer Zukunft konnten sich die meisten nicht vorstellen, einige sagten, dass sie auch an Oslo und den damaligen Friedensprozess nicht glauben konnten.

Botschaften an die deutscher Lesendenschaft
Zang fragte zumeist zum Abschluss seiner Gespräche, „Welche Botschaft hast Du/ habt Ihr an die deutsche Leserschaft?“ Viele antworteten mit dem Wunsch, sich zu informieren, mehr über die Geschichte zu lernen und dass Menschen sich nicht davon abhalten lassen sollten, Palästina zu besuchen. Andere wünschten sich Gebete oder schlicht nur Verständnis dafür, unter welcher Unterdrückung die Palästinenser*innen zu leiden haben.

Die von Johannes Zang zusammengestellten Interviews sind eindrückliche Zeugnisse von der Lebensrealität in Palästina. Sie lohnen sich auch für diejenigen zu lesen, die der religiösen Komponente, die in den Gesprächen eine wichtige Rolle spielt, vielleicht nichts abgewinnen können. Das Buch liest sich leicht und es kann auch auszugsweise gelesen werden (jedes Interview ist nur wenige Seiten lang), wobei wahrscheinlich die- oder derjenige, die*der mit Rumblättern beginnt, schnell gefesselt sein wird und dann doch nochmal am Anfang beginnen wird.

Zang, Johannes (2025): „Und am Kontrollpunkt wartet die Erniedrigung“. 33 Christen aus Palästina reden Klartext. Messidorverlag. 288 S., ISBN 978-3942561556, 19,90 €

Rubrik

Krisen und Kriege
Christine Schweitzer ist Co-Geschäftsführerin beim Bund für Soziale Verteidigung und Redakteurin des Friedensforums.