6x jährlich erscheint unser Magazin "FriedensForum" und berichtet über Aktionen und Themen der Friedensbewegung. Gerne schicken wir dir ein kostenfreies Probeexemplar zu. Sichere dir hier dein Probeheft zum Thema "(Um-)Weltkrisen".
„Das schwierige Erbe des Dalai Lama“
Buchbesprechung: „Tibets Zukunft“
von
In den letzten zwanzig Jahren ist es eher still geworden um Tibet. Petra K. Kellys flammende Appelle zur Unterstützung Tibets gegen die chinesische Besatzung, die auch in der Friedensbewegung Widerhall fanden, gehören – ebenso wie ihr pazifistisches Wirken, sei nebenbei bemerkt – einer vergangenen Zeit an. Oliver Schulz, studierter Indologe, Tibetologe und Soziologe, hat dieses Jahr ein neues Buch über Tibet veröffentlicht. Es befasst sich mit Geschichte und Gegenwart der Region, die seit 1950 fester Bestandteil der VR China geworden ist, und zeigt, wie es im Klappentext heißt, „warum unser westliches Tibet-Bild zum großen Teil auf Klischees beruht“.
Tatsächlich ist die kritische Beleuchtung dieser Klischees ein roter Faden, der sich durch beide Teile des Buches zieht: Teil 1, „Geschichte“ und Teil 2, „Die Gegenwart“. Der erste Teil gibt eine gute und lesbare Zusammenfassung der sehr komplexen Geschichte des Raums, der als „Tibet“ bezeichnet wird. Dabei wird deutlich, dass China nicht erst seit Mao, sondern seit Jahrhunderten Interessen in dem Raum verfolgte und zeitweilig auch eine Oberherrschaft ausübte. Dabei entstanden die zwei Narrative, die sich bis heute unversöhnlich gegenüber stehen, nämlich dass Tibet „schon immer“ zu China gehört habe oder dass es ein selbstständiges, von China okkupiertes Land sei. Schulz zeichnet ein Bild, dass den Eindruck hinterlässt, dass die engen Beziehungen zu China kaum abstreitbar sind.
Zu den Mythen über Tibet gehört auch, dass die Tibeter*innen unter der Führung des Dalai Lama allein auf gewaltfreien Widerstand setzten. Schulz widerspricht dem und beschreibt mit vielen Details, wie der CIA in den spätem fünfziger bis Mitte der siebziger Jahre Guerrillakämpfer ausbildete und finanzierte, die einen bewaffneten Kampf gegen die chinesische Besatzung führten. Dabei deutet er an, dass der Dalai Lama, der 1959 endgültig aus Tibet fliehen musste, zumindest anfänglich sich nicht gegen sie wandte. Den Eindruck eines rein gewaltfreien Widerstandes sei erst später erweckt worden, im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit im Westen, um Unterstützung für Tibet einzuwerben.
Im zweiten Teil des Buches, in dem es um die Gegenwart geht, stellt Schulz die mangelhafte Quellenlage zu den tatsächlichen Verhältnissen dar. Er selbst war seit 2008 nicht mehr im Land, und unabhängige journalistische oder wissenschaftliche Berichte sind rar. Dazu kommt, wie in der Berichterstattung immer wieder von der Situation der Uiguren und deren Unterdrückung auf die Verhältnisse in Tibet gefolgert werde, ohne dass in jedem Fall zuverlässige Quellen vorliegen. Das gilt insbesondere für das Vorhandensein von Arbeits- oder Umerziehungslagern, die Tibet unterstellt werden, sie aber vielleicht dort so nicht gibt. Massive Menschenrechtsverletzungen und der Versuch, die tibetische Kultur u.a. durch den Massenzuzug von Han-Chines*innen und Unterdrückung der tibetischen Sprache in Schulen auszulöschen, bleiben aber trotzdem als Vorwürfe bestehen.
Und der Dalai Lama? Er spielt eigentlich in dem Buch nur eine Nebenrolle. Das große Fragezeichen ist, was nach seinem Tod geschehen wird. China beansprucht, den Nachfolger zu bestimmen, was von den meisten Exiltibeter*innen wahrscheinlich nicht hingenommen werden wird. Eine Möglichkeit sei, dass es in Zukunft zwei Persönlichkeiten geben wird, die den Titel des Dalai Lama tragen werden. (1)
Wenn man im Netz nach „Tibet“ sucht, stellt man fest, dass in Deutschland einige Solidaritätsorganisationen weiter aktiv sind, z.B. die Tibet Initiative Deutschland oder das Tibetische Zentrum. Schulz spricht vor allem verschiedene buddhistische Schulen an, die sich im Westen verbreitet haben. Vielleicht nicht ganz unwichtig: Eine von ihnen, der sog. Diamantweg-Buddhismus des Ehepaars Nydahl, pflegt Kontakte zu Rechtsextremen wie Geert Wilders und war deshalb in der Deutschen Buddhistischen Union nicht mehr willkommen.
Das Buch ist sorgfältig und unter Angaben vieler Quellen – schriftlichen wie Interviews - verfasst worden. Quellen, mit denen Schulz kritisch umgeht und an mehreren Stellen zeigt, wie sie in der Rezeption verändert und teilweise auch missverstanden wurden.
Anmerkung
1 Diese Vermutung des Autors hat sich Anfang Juli 2025 bestätigt, als der 90jährige Dalai Lama verkündete, dass seine Administration den Nachfolger ernennen wolle.
Schulz, Oliver (2025): Tibets Zukunft. Das schwierige Erbe des Dalai Lama. Neu-Isenburg: Westend Verlag, 192 S., ISBN 978-3864894879, 22,- Euro